Früher, als die Kirchen noch Angst vor der aufgeklärten Religionskritik hatten, plusterten sie sich arg auf. Bei Bäumen nennt man es Angstblüte: dieses Groß-und-schön-erscheinen-Wollen in der Bedrohung, wenn nicht sogar in Voraussicht auf das eigene Ende. So erging es den Kirchen im 19. Jahrhundert, als der europäische Positivismus sie das Fürchten lehrte. Die Protestanten machten damals auf national und die Katholiken auf unfehlbar, sie rüsteten ideologisch auf gegen die wachsende Zahl der Gottesleugner – nicht nur aus Heilsgewissheit, sondern auch aus der Sorge, eines Tages zu verschwinden.

Damals waren die Kirchen stark aus Schwäche. Heute ist es umgekehrt. Das abendländische Christentum lebt in beträchtlicher Größe fort, aber es wirkt mitunter so klein, dass man es kaum sieht. Besonders in Deutschland scheinen die Kirchen angeschlagen: leere Gottesdienste, sinkende Mitgliederzahlen, Pfarrermangel. Aus fehlendem Selbstbewusstsein kommen die Kirchen oft daher wie eine aussterbende Art.

Konservative Katholiken bezeichneten sich als "Kirche der kleinen Schar", obwohl gerade ein Deutscher Papst war. Seit Franziskus im Amt ist, reden sie verächtlich über seine Popularität. Konservative Protestanten beäugten misstrauisch die Beliebtheit der Bischöfin Margot Käßmann und versichern einander, dass die Feminisierung des Pfarrberufs in den Untergang führe. So machen sich die Kirchen zu schwachen Riesen.

Darf ein Kreuz auf das Berliner Stadtschloss? Oder ist das schon zu fromm?

In Wahrheit sind sie eine gesellschaftliche Großmacht: zweitgrößter Arbeitgeber in Deutschland (nach der öffentlichen Hand); größter Flüchtlingshelfer; politisch einflussreich in Gesetzgebungsverfahren, weil viele Spitzenpolitiker sich als Christen bekennen; kulturell angesehen auch bei Nichtchristen, die etwa ihre Kinder auf christliche Schulen schicken. Was muss eigentlich noch passieren, damit die Kirchen mit sich zufrieden sind? Ach ja, der Kirchentag. Über 100.000 Besucher werden in Berlin und Wittenberg erwartet. Die halbe Regierung tingelt über die Podien dieser größten Zukunftsdebattenveranstaltung der Republik: Innenminister (evangelisch), Außenminister (evangelisch), Verteidigungsministerin (evangelisch), Finanzminister (evangelisch) und Bundespräsident (evangelisch), aber auch die Parteivorsitzende der Linken (Atheistin). Während Berlin noch streitet, ob oben auf das Stadtschloss ein Kreuz gepflanzt werden darf oder ob das zu kreuzzüglerisch wirkt, zeigen christliche Politprofis Flagge. Sie streiten über Religion und Politik. Sie singen sogar. Das fällt offenbar nicht unter das Berliner "Neutralitätsgesetz", wonach kürzlich einer Lehrerin verboten wurde, ein Halskettchen mit Kreuz zu tragen. Beim Kirchentag ist Bekenntnis erwünscht. Es treten Kopftuchfrauen und Kippamänner auf. Und Barack Obama (Christ ohne Kirchenzugehörigkeit) kommt auch: Für seinen Gig mit Angela Merkel (Pfarrerstochter) am Brandenburger Tor haben sich 1.800 Journalisten akkreditiert.

Man kann wirklich nicht behaupten, dass das Christentum in Europa bedroht ist. Anderswo schon. Wo keine Religionsfreiheit herrscht, löst Religion Konflikte aus. Mit den Worten des evangelischen Militärbischofs Sigurd Rink: "Glaubenskonflikte entstehen aus konkurrierenden Wahrheitsansprüchen. Die dürfen wir nicht länger weich zeichnen, sonst können wir sie auch nicht versöhnen."

Für die deutschen Kirchen heißt das: nach außen so stark aufzutreten, wie sie sind. Nicht jammern, wenn die Leute sonntags nicht kommen. Sondern rausgehen, die Türen noch weiter öffnen. Um heute zu bestehen, hilft nicht vorauseilende Beliebigkeit und nicht ängstlicher Traditionalismus. Da braucht man Mut, religiöse Fundamentalisten auch so zu nennen, statt kompromisslerisch die Religion als solche in Schutz zu nehmen. Und man braucht Mut, auf alle zuzugehen, sogar auf Atheisten, weil auch sie auf etwas hoffen, also: erlösungsbedürftig sind.

Da muss die Kirche, der schwache Riese, sich rantrauen. Nicht das Kreuz abnehmen, sondern es machen wie die Comicfigur Snoopy mit dem Weihnachtsbaum: Der kleine Hund schleppt ein riesiges Exemplar in seine winzige Hütte. Alle warnen ihn, der Baum sei zu groß. Snoopy aber quetscht ihn hinein. Merke: Man muss groß denken und groß glauben, dann passt das.

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