Schon die Zahl allein ist unvorstellbar: Allein 2015 mussten fast 20 Millionen Menschen aus ihrer Heimat fliehen – des Wetters wegen. Wobei Wetter viel zu harmlos klingt, denn vertrieben werden sie von langen Hitzewellen, Dürren, Stürmen und Überschwemmungen. Und diese Wetterextreme wiederum werden ausgelöst durch den Klimawandel. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Greenpeace bei der Universität Hamburg in Auftrag gegeben hat. Danach flüchten jedes Jahr vor Umweltkatastrophen mehr als doppelt so viele Menschen wie vor Krieg und Gewalt.

So makaber dieser Vergleich im ersten Moment scheint, so sehr demonstriert er zugleich, wie die öffentliche Wahrnehmung getrübt ist: Dass viele Menschen vor Kriegen fliehen, weiß man spätestens seit dem Beginn der Flüchtlingskrise, seit der Krieg in Syrien Hunderttausende über das Mittelmeer und die Balkanroute nach Europa treibt. Dass aber längst eine weitaus größere Zahl Menschen von einer immer unwirtlicheren Natur aus ihrer Heimat vertrieben wird, ist vergleichsweise unbekannt. "Die Tragweite des Problems wird unterschätzt", schreibt Cord Jakobeit, Autor der Studie, und erklärt das so: "Es ist schlicht nicht ganz so einfach, die Flucht von Menschen wegen Klima- und Umweltfaktoren von anderen Beweggründen zu isolieren."

Für seine Untersuchung hat der Wirtschaftswissenschaftler nun genau das getan. Er hat alle verfügbaren Statistiken untersucht: Da müssen beispielsweise die Zahlen über Opfer von extremen Temperaturen und Erdrutschen zusammengerechnet und von denen getrennt werden, die vor einem Erdbeben fliehen (weil Beben eben nicht durch Klimaveränderungen ausgelöst werden). Oder es muss zwischen denen unterschieden werden, die dauerhaft wegziehen, und denen, die nach einer Weile wieder zurückkommen. Weil sich die Lage doch verbessert hat und ein Neustart möglich ist. Am Ende steht dann nicht nur die riesige Zahl – sondern außerdem eine interessante Schlussfolgerung: Auch viele "Kriegsflüchtlinge" müsste man streng genommen "Klimaflüchtlinge" nennen. Denn auch wenn deren Flucht auf den ersten Blick gar nichts mit dem weltweiten Steigen der Temperaturen zu tun hat, ist Letzteres auf den zweiten Blick doch mitverantwortlich.

Klima sei ein "Risikomultiplikator", sagt Jakobeit und dokumentiert das mit vielen Beispielen: Da versiegen Quellen oder vertrocknen Äcker, weil es immer wärmer wird. Die Menschen verschlimmern die Lage dann noch, indem sie die Weiden übernutzen und die Wälder abholzen, was den Grundwasserspiegel noch weiter sinken lässt. Am Ende können sie ihre Herden nicht mehr füttern und ihre Felder nicht mehr bestellen. Und dann explodieren Verteilungskonflikte, die schon lange schwelen.

Umweltkatastrophen

Vor welchen Naturkatastrophen Menschen fliehen (alle Angaben in Mio.) gilt für den Zeitraum 2008−2015

Quelle: Internal Displacement Monitoring Centre IDMC 2016 und IDMC 2016d © ZEIT-Grafik

Es folgen unzählige Tragödien: Menschen müssen die Heimat verlassen, verlieren ihr Land, ihre Arbeit, ihr Eigentum und damit oft auch einen Teil der eigenen Kultur.

Ganz nebenbei räumen Jakobeit und seine Co-Autorin Hildegard Bedarff auch mit dem Irrtum der massenhaften Zuwanderung in die reichen Länder auf. Anders als es Bilder und Schlagzeilen suggerieren, kommen die meisten Menschen nämlich nicht bis nach Deutschland oder in die Europäische Union. Das Gegenteil stimmt. Europa ist im Vergleich mit anderen Regionen der Welt sogar relativ wenig von Migration betroffen. Weil die Menschen es nicht bis hierher schaffen. Oder weil sie gar nicht erst auf die Idee kommen, sich hierher aufzumachen.

"Anders als man vermuten könnte, führen mehr Wanderungsbewegungen in Risikogebiete als aus Risikogebieten heraus", schlussfolgern die Wissenschaftler. Viele Flüchtlinge bleiben sogar im eigenen Land und landen in den Slums der Riesenstädte des Südens. Die liegen allerdings oft an den Küsten und damit oft dort, wo der Meeresspiegel steigt und so bald schon die nächste Katastrophe droht. Andere landen in Flüchtlingscamps – entsprechend miserabel sind die Aussichten für sie und ihre Kinder. Oder sie bleiben einfach stecken, in irgendeiner unwirtlichen Gegend, in improvisierten Lagern. "Erzwungene Immobilität" nennen es die Experten, wenn Menschen weder vor noch zurück können.

Umweltflüchtlinge

Wo Menschen vor Naturkatastrophen fliehen (alle Angaben in Mio.) gilt für das Jahr 2015

Quelle: Internal Displacement Monitoring Centre IDMC 2016 und IDMC 2016d © ZEIT-Grafik

In Zukunft so warnen sie, könne s immer häufiger vorkommen, dass Menschen jahrelang eingeschlossen in improvisierten Lager leben, notdürftig von Hilfsorganisationen verpflegt, aber ohne Chance, nach Hause oder weiterziehen zu können. Die derzeitige humanitäre Katastrophe am Horn von Afrika und im Jemen sei ein erschreckendes Beispiel für hilflos eingeschlossene Bevölkerungsgruppen.

Erstaunlicherweise endet die Studie trotzdem mit ein paar optimistischen Worten. Migration habe es nicht nur schon immer gegeben. Sie biete zudem Chancen. Gerade für die reichen Länder könne es sich lohnen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Sie bekämen so neue, oft junge und agile Bürger, und die wiederum könnten, richtig ausgebildet, Lücken im Arbeitsmarkt der alternden Gesellschaften schließen. Und die armen Länder, aus denen die Menschen auswandern, würden von Rücküberweisungen profitieren und im Idealfall sogar von gut ausgebildeten Rückkehrern.

Noch fehle es zwar an internationalen Vereinbarungen, die weltweite Programme schafften und so das Los und vor allem auch die Rechte der Millionen Migranten verbesserten. Trotzdem lasse sich deren Situation auch durch pragmatische Maßnahmen deutlich verbessern – etwa durch nationale Aufnahmeprogramme. Am allerbesten sei es aber, so die Autoren, wenn Menschen ihre Heimat gar nicht erst zwangsweise verlassen müssten.

Kriegsflüchtlinge

Wo Menschen vor Krieg und Gewalt flüchten (alle Angaben in Mio.) gilt für das Jahr 2015

Quelle: Internal Displacement Monitoring Centre IDMC 2016 und IDMC 2016d © ZEIT-Grafik

Erreichen ließe sich das zum Teil dadurch, dass Menschen in manchen Gegenden nicht siedeln oder die Natur dort wenigstens nicht übernutzen. Aber auch kluge Vorsorge könne dazu beitragen. So seien die Niederlande ein gelungenes Beispiel: Obwohl das Land durch die geografische Lage im Flussdelta besonders starken Fluten ausgesetzt sei, habe es die Gefahr durch Deiche und moderne Technologien "signifikant verringert". Folglich lebe die Bevölkerung der Niederlande wesentlich sicherer als Menschen in anderen Flussdeltas auf der Erde.

Am Ende bleibt trotzdem ein nüchternes Fazit: Zwar könne die Technik bei der Bewältigung der Klimafolgen helfen. Dauerhaft verhindern ließen sich Flüchtlingsströme aber nur durch eine "große Transformation zu einer postfossilen Wirtschaft und Gesellschaft". Das klingt kompliziert. Aber es bedeutet einfach, dass es nicht nur gut für die Umwelt wäre, wenn keine Kohle, kein Öl und kein Gas mehr verbrannt und die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre nicht weiter steigen würde. "Klimaschutz bedeutet auch Schutz vor Vertreibung", sagt Greenpeace-Geschäftsführerin Sweelin Heuss. Er könnte also Millionen menschlicher Tragödien verhindern.