Henning Sußebach: Felix, ich glaube, ich habe Schiss.

Felix Dachsel: Hätte ich auch an deiner Stelle.

Sußebach: Gestern stand ich zu Hause vor dem Kleiderschrank und habe überlegt: Mein rotes Lieblingsshirt? Nein, Rot macht ihn aggressiv. Grün ist besser, Grün beruhigt.

Dachsel: Ich will dich nicht zu Matsch hauen. Das wäre ein echter Verlust für die ZEIT. Auf der anderen Seite – dann wäre eine Stelle frei.

Ring frei!

Eine düstere Turnhalle in Hamburg-St. Pauli. In der Mitte ein Boxring, fünf mal fünf Meter, darin zwei Männer, die sich in diesem Moment nicht mehr ganz sicher sind, ob sinnvoll ist, was sie gerade tun. Wir sind Redakteure der ZEIT, Büronachbarn auf derselben Etage. Eigentlich mögen wir uns: Dachsel, 2,04 Meter groß. Sußebach, 1,68 Meter klein. Begegnen wir uns auf dem Flur, nicken wir uns komplizenhaft zu. Na, Großer, wie läuft’s? – Alles gut, kleiner Mann. Es sieht lustig aus, wenn wir nebeneinanderstehen, das wissen wir. Wir weichen beide von der Norm ab (der deutsche Durchschnittsmann misst 1,81 Meter). Manchmal diskutieren wir, ob uns das geprägt hat. Ist Sußebach als kleiner Mann besonders ehrgeizig? Und Dachsel als großer ein bisschen schwerfällig?

Ursprünglich wollten wir auch für dieses Dossier nur reden. Über die Frage nachdenken, welche Bedeutung die Körpergröße in unserer weitgehend körperlosen Welt noch hat. Wir müssen keine Tiere mehr jagen, duellieren uns nicht mehr, auf der Arbeit steht heute meist Idee gegen Idee, Argument gegen Argument. Aber stimmt das? Einen Abend wollten wir durch die Stadt ziehen, wo Dachsel Türen zu niedrig sind und Sußebach Theken zu hoch. Da es um Körperlichkeit geht, schlug Sußebach zum Auftakt ein Kräftemessen vor: Paintball-Schießen. Dachsel hätte eine gute Trefferfläche abgegeben. Dachsel konterte mit Boxen. Sußebach sagte zu. Bloß nicht kneifen.

So stehen wir im Ring, an einem Freitagabend kurz vor Christi Himmelfahrt, auch bekannt als Vatertag, Tag des Testosterons – der Tag, an dem Männer ganz besonders zur Blamage neigen.

Unser Kampf soll über drei Runden gehen. Im Alltag kämpfen wir beide eher selten. Außer: mit zu langen Hosen, zu kurzen Hemdsärmeln, zu hohen Küchenschränken, zu tief hängenden Deckenlampen und den immer gleichen Sprüchen. Heute ist das anders. Von Verbrüderung bis Krankenhaus ist alles vorstellbar, Letzteres wahrscheinlicher. Von einer Trainingsstunde abgesehen, haben wir nie geboxt.

In der blauen Ecke: Sußebach, 45 Jahre, 67 Kilo leicht, in der Boxwelt ein Weltergewicht. In der roten Ecke: Dachsel, 30 Jahre, 106 Kilo schwer, Superschwergewicht.

Dachsel sieht Sußebach in seiner Ecke und denkt: Das ist ein verdammter Beißer. Der kommt mit Fahrradhelm ins Büro. Wenn er so kämpft, wie er arbeitet, wird er immer wieder angreifen, Schrittchen für Schrittchen, Schlägchen für Schlägchen. Eine Kollegin nennt ihn "Henningchen", das hat er mir mal erzählt. Von hier oben kann ich auf seine Glatze gucken. Aber wenn ich ihm einmal mit Wucht auf den Kopf haue, müsste er k. o. sein.

Sußebach sieht Dachsel und denkt: Lehnt der nicht etwas zu selbstsicher an den Seilen? Ich werde ihn beschäftigen müssen, viel laufen, tänzeln. Einen Schlag in seinen Bauch und sofort wieder weg. Der Trainer hat gesagt, ich muss die Deckung oben lassen, bis Dachsel müde wird. Wird nicht lange dauern. Dachsel fährt mit der Vespa zur Arbeit, der macht keinen Meter zu viel. Seine Freunde nennen ihn "Flegmon", wie dieses gemütliche pinke Pokémon.

Dann gibt der Ringrichter den Kampf frei. Tonbänder laufen, Freunde filmen.

Ortswechsel, Zeitsprung. Ein Burger-Restaurant. Vor dem Kampf hatten wir eine Mail über den Verteiler der ZEIT geschickt: Wer wird gewinnen? Und warum? Das Sekretariat hat die Antworten anonymisiert, ausgedruckt, in einen Umschlag gesteckt. Den öffnet Sußebach jetzt wie bei einer Preisverleihung.

Sußebach: Gibt’s nicht.

Dachsel: Was?

Sußebach: Fünf haben auf Unentschieden getippt. 20 auf dich. Und 37 auf mich.

Dachsel: Mitleid. Der schlichte Wunsch, dass der Kleinere gewinnt.

Sußebach: Weil die guten Geschichten immer so ausgehen.

Dachsel: Lass mal die Begründungen sehen.

"Dachsel gewinnt. Größere Reichweite. Mehr Wumms."

Dachsel: Genau das setzt mich unter Druck.

"Dachsel wird es aufgrund der körperlichen Überlegenheit ruhiger angehen lassen und wahrscheinlich mit dem Gefühl in den Kampf gehen, einen Kollegen verletzen zu können. Wie im Schulsport, als die Jungs beim Fußball auch nicht die Mädchen weggrätschten."

Dachsel: Das wurde mir als Kind eingebläut: Halt dich zurück! Mich hat früher sogar mal die Mutter eines anderen Kindes vor einem Fußballspiel gebeten, gegen ihren Sohn nicht so hart in den Zweikampf zu gehen.

Sußebach: Beim Boxtraining hast du tatsächlich nach jedem Treffer gesagt: "Oh, ’tschuldigung. Hat’s wehgetan?"