Auch Manfred Oberlechner blickt in ein ziemlich einheitliches Publikum, wenn er vorne im Hörsaal steht. Er leitet das Kompetenzzentrum für Diversitätspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Salzburg. "Vor allem im Curriculum für die Primarstufe sind fast nur Frauen, die sehr oft einen ruralen Hintergrund haben und dementsprechend eher österreichisch-konservativ geprägt sind", sagt der Soziologe. "In der Schule geht es wie bei anderen öffentlichen Einrichtungen darum, ob sie die Gesellschaft widerspiegeln." Eine stärkere kulturelle Durchmischung hält Oberlechner daher für "durchaus begrüßenswert". Wichtig ist ihm aber: "Die Person muss auch qualifiziert sein. Ein Migrationshintergrund sagt noch nichts über interkulturelle Kompetenz aus."

Mit "gut gemeintem Folklorismus", also Migranten als Lehrer allein ihres Migrantentums wegen, kann auch Kenan Dogan Güngör nichts anfangen. "Unter den österreichischen Lehrern gibt es eine ideologische Bandbreite von grün bis zur FPÖ, genauso kann ein türkischer Lehrer autoritäre Züge haben", sagt der Soziologe. Es brauche in erster Linie soziale Kompetenz, "und leider spielt die bei der Ausbildung in Österreich historisch eine untergeordnete Rolle."

Im kulturellen Schmelztiegel der Volksschule Grubergasse ist die Direktorin Martina Mollay umso mehr froh über Lehrer wie Cigdem Sezgin, die manchmal auch Probleme erklären können, welche nicht nur durch sprachliche Missverständnisse entstanden sind. Sie selbst, erzählt Mollay, habe erst nach Jahren im Beruf durch eine türkische Kollegin verstanden, dass es in der Türkei ein anderes Verständnis von der Aufgabenteilung zwischen Schule und Zuhause gibt. "Die Eltern sind es gewohnt, dass für die Schule nur die Schule verantwortlich ist. Wenn man das nicht weiß und nicht bespricht, kommen viele Mütter gar nicht auf die Idee, dass sie ihre Kinder zu Hause beim Lernen unterstützen müssten."

Für einen kurzen Augenblick hatte sich einst auch die Politik das Thema auf die Agenda gesetzt. Im Jahr 2011 erklärte die damalige Bildungsministerin Claudia Schmied die Steigerung des Anteils von Lehrern mit Migrationshintergrund zum großen Ziel. Sebastian Kurz fügte als Integrationsstaatssekretär hinzu: Lehrer mit Migrationshintergrund seien wichtig, um Brücken zu Eltern oder Großeltern der Schüler zu bauen. Doch rasch sind solche Absichtserklärungen in den Schubladen verschwunden.

Heute entbrennen Diskussionen vorrangig um religiöse Attribute in den Schulen, um Kopftuch und Kreuz. Landesschulräte und Bildungsministerium verweisen auf Projekte, in denen mehrsprachiges Personal unterstützend im Klassenzimmer mitarbeitet, oder auf die österreichweit nur 400 Muttersprachen-Lehrer.

Vielerorts scheint der Gedanke an Vielfalt im Lehrerzimmer fast schon Panik auszulösen. Mit eiligem Nachdruck betont man etwa beim Wiener Landesschulrat, als es um die interne Erhebung zur Zahl der Lehrer mit anderer Erstsprache geht: "Aber wir stellen nur Lehrer an, die perfekt Deutsch sprechen." Beim steirischen Landesschulrat heißt es erst schriftlich gegenüber der ZEIT: "In der gesamten Schullandschaft in der Steiermark gibt es über den Zeitraum von 18 Monaten keine einzige Lehrperson mit Migrationshintergrund." Der Pressesprecher klärt schließlich auf, was gemeint war: "Wir haben keine ehemaligen Asylanten, also keine Flüchtlinge, die jetzt Lehrer sind."

Martina Mollay, die Direktorin der Volksschule Grubergasse, hat das Gespenst von der vermeintlichen Ausländerin, die den Kindern schlechtes Deutsch beibringt, selbst miterlebt. Anfang der neunziger Jahre, als Mollay mit dem Unterrichten begann, trug die in Niederösterreich geborene Tochter einer Norwegerin und eines Kroaten noch ihren Mädchennamen. "Da gab es öfter Eltern, die gesagt haben: Zu der Domjanic schicke ich mein Kind sicher nicht", erzählt sie. "Gerade bei klassenführenden Lehrern macht der Name einen Unterschied."

Schlechter Deutsch lernen die Kinder der 4a Grubergasse bei der perfekt zweisprachigen Cigdem Sezgin nicht. Vordergründig spielt Türkisch ohnehin keine Rolle, wenn sie arbeitet. Selbst als sie an diesem Sprechtag vor Eltern steht, die sich schwertun damit: Sezgin wiederholt und wiederholt, ausnahmslos auf Deutsch, so lange, bis sich Mutter und Vater eines Schülers begreifend zunicken. Sezgins Vorteil dabei: Sie weiß oft, wie sie Sätze umformulieren kann, wie sie Dinge erläutern muss, um verstanden zu werden. Ein bisschen ist das so, als ob die Frau Lehrerin jetzt auch für die Eltern Unterricht macht.