Erinnert sich noch irgendjemand an den Tag von Hildesheim? Er sollte so etwas wie der protokollarische Höhepunkt des Reformationsgedenkjahrs werden. Am 11. März wurde im Hildesheimer Dom ein "ökumenischer Buß- und Versöhnungsgottesdienst" gefeiert, gemeinsam von dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, und dem Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Heinrich Bedford-Strohm. An der Liturgie war lange gebastelt worden, um beiden Konfessionen und allen denkbaren Empfindlichkeiten Rechnung zu tragen. Das Motto hieß "Healing of Memories", frei übersetzt so viel wie: Befriedung des Gedächtnisses, Heilung traumatischer Erinnerungen. Und wer wollte bestreiten, dass über die dogmatischen Unterschiede hinaus noch etwas anderes der ökumenischen Verständigung entgegensteht? An der Gewalt- und Kränkungserfahrung aus Jahrhunderten der Glaubensspaltung muss womöglich dringlicher gearbeitet werden als an der Versöhnung theologischer Lehrmeinungen.

Aber das Verstörende an dem Tag von Hildesheim lag nicht in dieser Einsicht, sondern darin, dass aus ihr nichts folgte. Die gegenseitigen Verletzungen wurden zugestanden – und zugleich in einer Formel versteckt, wie es seit Jahrzehnten diplomatische Praxis der Ökumene ist. Um Erinnerungen wirklich zu heilen, müssen sie aber erst einmal benannt werden.

Die Praxis der südafrikanischen Versöhnungsgespräche, von denen das Motto übernommen wurde, bestand gerade im ungeschminkten Erfahrungsaustausch zwischen Apartheid-Opfern und -Tätern, in der gemeinsamen Besichtigung einer brutalen Vergangenheit. Gemessen daran wurde der einzige wirklich kühne Schritt zu einer "healing of memories" zwischen den Konfessionen 1966 gewagt, als der Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher das beispiellose Verbrechen seiner Amtsvorgänger bei der Protestantenvertreibung im 18. Jahrhundert (Zehntausende verhungerten oder erfroren auf der Flucht) benannte und bereute.

Heute scheinen solche Gesten – in dieser schmerzhaften Konkretion – von den Kirchen eher gemieden zu werden. Die traumatischen Erinnerungen werden nicht mehr benannt, sondern geschont. Fürchtet man die Aufrechnung, die sich ergeben könnte? Auf die Protestantenverfolgung des 17. und 18. Jahrhunderts folgte die Katholikendiskriminierung des 19. Jahrhunderts, nicht nur im preußischen Kulturkampf, sondern auch in den USA beispielsweise, wo sie bis in die 1950er-Jahre anhielt. Oder fürchtet man die Asymmetrie, die dabei ebenfalls zutage treten würde? Diskriminierung ist etwas anderes als Verfolgung mit Hunger und Totschlag.

Aber viel wahrscheinlicher als die Scheu vor der selbstgerechten Bezichtigung des anderen dürfte die Angst vor der eigenen Opfer- und Demütigungserfahrung sein. Im 19. Jahrhundert gab es das Schlagwort von der "katholischen Inferiorität", und gemeint war damit die vergleichsweise Unbildung und akademische Unterlegenheit, die von vielen Katholiken in protestantischem Umfeld empfunden wurde. Der Begriff war, wohlgemerkt, eine Eigenschöpfung und beschrieb die Selbstwahrnehmung, nicht die protestantische Zuschreibung (die gab es auch). Aber die verdienstvolle Tagung in der Katholischen Akademie in München, die sich mit dem Phänomen und der folgenden Selbstertüchtigung, einschließlich einer bald blühenden katholischen Intellektualität, beschäftigte, verunsicherte nicht wenige, auch solche, die von der Tagung nur gehört hatten. Konnte es sein, dass den Katholiken damals ein derart hässliches Gesicht aufgeschminkt wurde und dass sie es sich sogar, um es zu überwinden, zu eigen machten?

Historische Reminiszenzen dieser Art sind noch heute dazu geeignet, das Selbstbewusstsein zu kränken, auch deswegen werden sie im ökumenischen Dialog vermieden. Evangelischen Christen umgekehrt liegt es heute so ferne, sich als Opfer zu sehen – die protestantische Bußpraxis privilegiert seit jeher das Täterbewusstsein –, dass sie ihre Verfolgungsgeschichte eher misstrauisch beäugen, als wolle man ihnen ein unredlich erschlichenes Martyrium aufschwatzen. So prägen sich die konfessionellen Mentalitätsunterschiede auch dem Umgang mit der Vergangenheit auf. Es war nicht der Papst, der sich im Reformationsjahr aufmachte, die lutheranischen Schwestern und Brüder im Büßergewand aufzusuchen. Es war eine evangelische Delegation, die in Rom auf einen Gnadenstrahl der Instanz hoffte, die für sie eigentlich nur der Bischof dieser Stadt ist.

Darin liegt aber auch das große Problem, die wirkliche Hürde für einen vertrauensvollen interkonfessionellen Austausch. Man könnte auch sagen: Wo von psychopathologischen Folgen der Konfessionskämpfe stillgeschwiegen wird, wuchern sie zu dem kräftigen Unkraut heran, das man später, wenn es ausgewachsen, Identität nennt. Manches spricht sogar dafür, dass die beklemmenden Stockungen, die nach großen Fortschritten in der ökumenischen Annäherung immer wieder auftreten, im Wesentlichen mit der Sorge um diese Identität zu tun haben. Die bittere Wahrheit: Der Fortschritt macht nicht nur Mut, sondern auch Angst.

So ist es exemplarisch mit der berühmten Gemeinsamen Erklärung (GE) zur Rechtfertigungslehre gegangen. 1999 ist sie nach jahrzehntelangem Ringen, das alle ehedem für ehern gehaltenen Unterschiede auf ein kaum sichtbares Nichts zusammenschnurren ließ, feierlich in Augsburg unterzeichnet worden. Aber als die GE schon unterschriftsreif vorlag, haben auf einmal 140 evangelische Theologen einen Protestaufruf unterzeichnet, der vor einem faulen Kompromiss warnte. Und was diese Gelehrten in der Panik der letzten Minute veranstalteten, hatte der Vatikan zuvor bei jedem Einzelschritt getan: aufgeschrien bei allen Formulierungen, die nicht aufs Komma ihrem amtlichen Sprachgebrauch entsprachen.