Ein italienisches Restaurant in Berlin-Marzahn, nicht weit von hier wohnt Petra Pau. Es ist früher Abend, draußen bläst ein kühler Wind. Die Stimmung drinnen ist heimelig, es riecht nach Pizza. Petra Pau, überpünktlich, kommt gerade von einer Versammlung der Linken. Sie lächelt, sie spricht bei der Begrüßung leise, aber klar. Das war nicht immer so. Vor Jahren versagte ihr die Stimme, Pau konnte längere Zeit kaum sprechen. Wie erlebt eine Politikerin das – ausgerechnet in einer Zeit, in der die gesellschaftlichen Kontroversen immer lauter ausgetragen werden? Ein Gespräch mit dem Psychologen Louis Lewitan.

ZEIT Doctor: Sie sitzen hier ganz entspannt im Restaurant, dabei läuft Ihre Parteiversammlung gerade noch. Fällt Ihnen das schwer?

Petra Pau: Heute kann ich das. Das ist anders als vor meiner Krankheit. Früher gab es innerparteiliche Konflikte, die mich regelrecht angezogen haben. Heute versuche ich stattdessen, Themen und Fragen voranzutreiben, die mir wichtig erscheinen. Als Vizepräsidentin des Bundestages habe ich eine gewisse Selbstständigkeit, auch gegenüber meiner eigenen Partei. Und diese Autonomie lebe ich noch bewusster, seitdem ich die Stimmschwäche hatte oder habe – sie ist ja nicht vorbei.

ZEIT Doctor: Im Mai 2010 verloren Sie bei einer Rede im Bundestag vor laufenden Kameras Ihre Stimme. Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Pau: Ich war ratlos und fühlte mich hilflos.

ZEIT Doctor: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es gerade in diesem Moment passierte?

Pau: Heute weiß ich, dass es sich schon länger angedeutet hatte. Schon vorher hatte ich gelegentlich Probleme mit meiner Stimme. Sie war oft leise oder klang heiser. Warum sie ausgerechnet in dieser Minute versagt hat, kann ich nicht sagen. Es war eine normale Sitzungswoche mit dem üblichen Wahnsinn.

ZEIT Doctor: Sie konnten nach diesem Vorfall für längere Zeit kaum sprechen, schon gar nicht laut. Was bedeutet das für eine Politikerin?

Pau: Es ist furchtbar, in jeder Hinsicht. Das Werkzeug ist weg, mit dem man für seine Überzeugungen kämpfen möchte. Ein guter Freund hat damals gemeint: Politiker dürfen kopflos sein, auch hirnlos, aber niemals sprachlos. Ich war sprachlos.

ZEIT Doctor: Muss man in der politischen Diskussion häufig laut werden, um sich durchzusetzen?

Pau: Ich meine und hoffe: Nein. Lautstärke ist kein Argument. Aber das war damals eine besonders ungünstige Situation. Es tobten Auseinandersetzungen, doch ich konnte meine Stimme nicht erheben. Die Gesellschaft tendierte bereits zu der Zeit nach rechts. Und auch innerhalb der Linkspartei gab es strategische Richtungsstreitigkeiten zum Beispiel zwischen Oskar Lafontaine und Gregor Gysi.

ZEIT Doctor: Wer stand damals zu Ihnen – aus dem politischen Betrieb und privat?

Pau: Gysi und Lafontaine hatten schon zur Kenntnis genommen: Pau ist krank. Zuspruch und gute Ratschläge bekam ich aber eher von anderen, auch von Leuten aus anderen Parteien. Die stärkste Stütze war mein unmittelbares Umfeld, mein Mann, meine Familie. Ich konnte ja plötzlich nicht einmal mehr mit meinen Eltern telefonieren. Ich war stumm, und ich war tief verzweifelt. Es ist ein Albtraum, wenn die Nachbarn anfangen, dem Postboten zu erzählen: Die Pau hebt jetzt ab, die sagt nicht mal mehr guten Tag. Umso wichtiger wurden in dieser Zeit meine engen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie haben mich die ganze Zeit über unterstützt und nach Ideen gesucht, wie ich trotzdem gehört und wahrgenommen werden konnte.

ZEIT Doctor: Wie ist Ihnen das gelungen?

Pau: Durch Artikel, die ich geschrieben habe, und durch Pau-Meldungen auf Twitter oder Facebook. Und dann gab es noch eine sonderbare Erfahrung: Als ich viel später das erste Mal wieder in einer Talkshow war, waren viele Zuschauer bass erstaunt, als sie hörten, dass ich jahrelang offline war. Irgendwie muss ich für sie also präsent geblieben sein.

ZEIT Doctor: Was genau war der Grund dafür, dass Ihnen plötzlich die Stimme versagte und Sie nicht mehr sprechen konnten, wie lautete die Diagnose?

Pau: Spasmodische Dysphonie. Das ist eine neurologische Erkrankung, bei der die Muskeln im Kehlkopf verkrampfen. Eine gängige Behandlungsmethode besteht darin, mit Botox die Nerven regelmäßig lahmzulegen. Das wollte ich aber nicht. Ich habe andere Dinge ausprobiert, auch traditionelle chinesische Medizin wie Akupunktur. Leider machte meine Stimme dadurch keine Riesenfortschritte. Eine Bekannte von mir, die mit einem Sänger verheiratet ist, riet mir schließlich: Geh in die Stimmheilklinik nach Bad Rappenau. Ich dachte, schlechter kann es nicht werden, und so fuhr ich 2012 dorthin. Das war der Punkt, an dem ich im Kopf umgeschaltet habe.

ZEIT Doctor: Was ist in dieser Klinik mit Ihnen passiert?

Pau: Ich traf dort Menschen, die in derselben Situation waren wie ich – da waren eine stimmlose Angestellte, die im Callcenter arbeitete, und ein Pfarrer, der nicht mehr predigen konnte. Wir alle mussten neu sprechen lernen. Nach vier Wochen konnte ich zwar noch immer nicht gut genug reden. Aber es ging mir besser, und ich war selbstbewusster geworden. Seither nehme ich es so an, wie es ist. Mit den anderen aus der Therapiegruppe habe ich übrigens bis heute Kontakt – wir treffen uns regelmäßig.

ZEIT Doctor: Welche Rolle spielt Ihrer Erfahrung nach die Psyche, wenn es um die Stimme geht?