Karrieren als Popmusiker, so schreibt der Kritiker Diedrich Diederichsen in seinem Buch Über Pop-Musik, beginnen nicht "mit dem Unterricht am Musikinstrument oder dem fabelhaften Talent, das ein liebenswerter Lehrer beim schulischen Musikunterricht entdeckt", sie beginnen "mit der Performance vor dem Spiegel". Dafür schnallt sich der (oder die) Jugendliche eine unsichtbare Gitarre um oder schleudert das ausgedachte Mikrofon am ausgedachten Kabel durchs Kinderzimmer, als wär’s ein Lasso. Auf gewisse Weise ist der Popstar also ganz am Anfang erst einmal: ein Schauspieler in eigener Sache. Einer, der posiert.

Diesen engen Zusammenhang zwischen zwei der sieben unfreien Populärkünste der Gegenwart darf man sich noch einmal in Erinnerung rufen, wenn jetzt besonders viele deutsche Schauspieler sich der Popmusik zuwenden. Anfang des Jahres veröffentlichte Kinokassengold Matthias Schweighöfer sein Album Lachen Weinen Tanzen – deutschsprachiger Radiopop, der mit dezenten Streichern, sehr guten Produktionswerten und Zeilen wie "Du hörst nicht auf, immer das zu bleiben, was ich brauch" die Verachtung der Popkritik mit bloßen Händen genauso abzuschöpfen wusste wie die Begeisterung der Schweighöfer-Fans. Der Schauspieler Tom Schilling hingegen singt auf seinem kürzlich erschienen Debütalbum Vilnius Chansons, die eher an eine zeitgemäße Popvariante von Brecht erinnern als ans Formatradio. Ebenfalls gerade erschien das dritte Album von Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi, hinter dem Namen verbirgt sich die Crew des Schauspielers Robert Gwisdek, der mit verkifftem Philosophie-Rap zu handgemachten Beats eine sehr loyale Zielgruppe bedient. Und damit reihen sich diese drei Männer Mitte dreißig nur ein in eine ganze Riege deutscher Schauspielersänger: von Anna Loos über Jan Josef Liefers bis hin zu Ulrich Tukur und seinen Rhythmus Boys.

Was treibt diese ganz unterschiedlichen Künstler dazu, sich mit ganz unterschiedlichen Ansätzen allesamt in den Pop zu bewegen? Es liegt wohl an jener Urszene, der Pop-Pose vor dem Spiegel. Von ihr ahnen die von Berufs wegen um Pose, Haltung und Geste wissenden Schauspieler, wie einmalig verführerisch sie wirkt. Tom Schilling musste einmal für das Arte-Format Durch die Nacht mit ... zusammen mit dem Musiker Olli Schulz um die Häuser ziehen, und es begab sich, dass an genau jenem Tag Jeff Hanneman starb, der Gründungsgitarrist der Metal-Band Slayer. Man sah daraufhin Schilling im Auto begeistert jene Tremolo-Picking genannte Technik mit den Fingern (aber ohne Gitarre) nachahmen, für die Hanneman bekannt war. Später trafen Schilling und Schulz auf den Schauspieler Robert Stadlober, der schon damals im Nebenberuf cooler Frontman einer Rockband war. Zwischen den dreien entfaltete sich die jungshafte Bier-und-Schnaps-Dynamik einer Indie-Band kurz vorm ersten Plattenvertrag. Warum dann nicht gleich eine gründen, mag sich Schilling gedacht haben. Schweighöfer hingegen verriet dem Spiegel, seit er als kleiner Junge Michael Jackson im Goldanzug auf der Bühne gesehen habe, habe er davon geträumt, einmal ein "großes Konzert" zu geben.

Rekorder - Tom Schilling singt: »Kein Liebeslied« In der Verneinung liegt oft die Wahrheit. Der Schauspieler Tom Schilling ist mit der Band The Jazz Kids und einem Chanson-Album auf Tour. Eine exklusive Rekorder-Session

Da kann man nämlich als Schauspieler jahrelang mit dem Totenkopf in der Hand das "Sein oder Nichtsein" aufsagen oder in romantischen Komödien auf der Bananenschale ausrutschen, an die Wirkungsposen der Popmusik wird man, so scheinen die Schauspieler zu fürchten, nicht herankommen. Allein die Ansage! Wenn Schweighöfer sich bei einem Konzert ans Klavier setzt, um kokettierend zu verkünden, dass er ja nur sehr schlecht spiele, das nächste Lied aber "sehr, sehr, sehr, sehr liebe", dann presst er in diesem Moment die herrentörtchenhafte Schweighöfer-Figur auf Diamantendichte, wie es das Kino nicht vermag. Ähnlich bei Schilling: Man sieht ihn bei einem Auftritt die ersten Töne eines Songs auf der Gitarre spielen, versunken schaut er auf die Saiten, um dann den Blick kurz nach schräg rechts zu heben, ins Leere schauend. Ein retardierendes Moment, bevor er sich dem Publikum zuwendet und lossingt.

Was ist nun das Ergebnis dieser Rückeroberung der wertvollsten Posen durch jene, denen die Pose ihr eigentliches Handwerk ist? Haben wir es mit singenden Schauspielern zu tun oder mit schauspielernden Sängern oder gar mit Hybridwesen? Bei Schilling und noch mehr bei seinem Kollegen Robert Gwisdek, der sich nicht nur als Schauspieler und Sänger, sondern auch noch als Schriftsteller verdingt, scheint die Karriereerweiterung weniger im Sinne eines Gesamtkunstwerkes gedacht als Teil einer ganzheitlichen Lebensführung. Man ist ein kreativer Typ und macht halt so, was man macht, kein großer Plan dahinter. Als sei die utopische Gesellschaft schon da, in der, um ein Marx-Zitat abzuwandeln, die Möglichkeit sich bietet, morgens zu schauspielern, nachmittags Chansons zu singen und abends über Philosophie zu rappen, ohne je Schauspieler, Sänger, Philosoph oder Rapper zu werden.

Von dieser etwas zu sympathischen Schluffi-Herangehensweise hebt sich der für sein Popalbum so schlimm gescholtene Schweighöfer auf wenigstens eine angenehme Art ab. Seine Ausflüge wirken eben nicht wie Ausflüge, sondern wie streng durchgeplante Bergtouren. In der Unterhaltungsindustrie der Vereinigten Staaten gibt es den EGOT abgekürzten Mythos, zu jenem Dutzend Künstler aufzusteigen, die im Laufe ihrer Karrieren sowohl den Fernsehpreis Emmy, den Musikpreis Grammy, den Filmpreis Oscar und den Theater- und Musical-Preis Tony gewannen. Den Deutschen Fernsehpreis und den Deutschen Filmpreis hat Schweighöfer schon, den Echo wohl bald, und was ist eigentlich das bundesrepublikanische Äquivalent zum Tony Award? Schweighöfer wird’s schon rausfinden. Wenn es eine Pose gibt, die der Jugendliche vor dem Spiegel noch begeisterter einübt als die des Rockstars vor der ausverkauften Mehrzweckhalle, dann die des Künstlers, der sich auf der Award-Bühne für den Preis bedankt.