Was haben Diätwurst, gezeichnete Vaginas und der neue Film von Nora Tschirner gemeinsam?

Sie alle fordern Liebe. Für sich selbst, für Vaginas und für etwas speckige Schenkel.

"Du bist schön!", schreit es von den Plakaten zu Embrace, dem von Tschirner mitproduzierten Dokumentarfilm von Taryn Brumfitt, einer dreifachen Mutter aus Australien, die unglücklich mit ihrem Körper war. Die sich binnen kurzer Zeit stählte, bis sie bei einer Misswahl teilnahm und dadurch nur noch unglücklicher wurde. Am Ende ist sie wieder füllig – aber endlich glücklich.

"Liebe dich selbst!", diese Botschaft soll der Film in die Welt tragen. Und nicht nur er. "Frauen müssen gar nichts, außer sich wohlzufühlen", weiß auch die Aufschnittmarke Du darfst, auf deren Website Frauen dabei zu besichtigen sind, wie sie sich begeistert mit Geflügelsalami und Streichfett versorgen. Und auch ganz konkret wird für die Selbstliebe geworben. "Sie sind alle wundervoll", steht schwärmerisch über Bildergalerien weiblicher Anatomie, die im Netz von Frauenmagazinen und Medienportalen geteilt werden. Hier sollen Frauen anhand einer Biobuch-Ästhetik lernen, dass nicht nur jede Bauchform, sondern auch alle Ausprägungen weiblicher Genitalien "wundervoll" sind.

Es ist ja auch nicht so, dass der weibliche Körper keine Komplimente verdient hätte. Die Geschichte von Taryn Brumfitt, die in Embrace davon erzählt, wie sie um die Welt reist und überall Frauen trifft, die ihren Körper mitsamt allen Makeln lieben, ist natürlich eine schöne Geschichte. Doch der Duktus, in dem all dies vorgetragen wird, hat etwas Zwanghaftes. Wer heute in einem Frauenkörper herumläuft, dem kann zuweilen schwindelig werden vor lauter widersprüchlichen Aufgabenstellungen. "Wenn du stillst, bekommst du einen Hängebusen", warnt die erste Seite der Frauenzeitschrift. Nein, widerspricht die nächste: "So sehen die Brüste ganz normaler Frauen aus." Nicht ohne den mahnend erinnernden Merksatz, alles Gezeigte sei einfach nur "wunderschön".

Wie zwei einander gegenüberliegende Wände, die sich bedrohlich von links und rechts nähern und eine kleine weibliche Figur in der Mitte zu zerquetschen drohen, wirken die gegenteiligen Befehle, die Frauen in der Beziehung zu ihrem Körper heute befolgen sollen. Dem Schönheitsideal des Körpers steht ein nicht minder stressiges Seelenideal gegenüber: die euphorische Selbstliebe.

Und es ist ja auch kein abwegiger Gedanke: dass gegen eine starke Indoktrinierung ein ebenso starker Reiz gesetzt werden muss, um die Richtung zu ändern. Doch hilft gegen tief verinnerlichtes Bodyshaming wirklich eine so exzessiv ausgegflaggte Body-Positivity? Kann es wirklich eine Lösung sein, das Mantra einfach umzuschreiben? Statt des verbissenen "Ich darf nicht essen, ich muss trainieren, ich muss abnehmen" also ein "Ich bin schön, ich liebe mich, ich habe einen wundervollen Körper"? Wie ernst zu nehmen sind Liebesbekenntnisse durch zusammengebissene Zähne?

Dass der Aufruf zur Selbstliebe so oft als Verkaufsstrategie benutzt wird, macht die Sache nicht leichter. "You are beautiful, no matter what they say" – diesen Satz hat Anfang der nuller Jahre schon die dürre Pop-Sängerin Christina Aguilera ausgeleiert. Die ebenso dürre Heidi Klum führt ihn in ihrer Show mit notorischer Verlogenheit fort. Neuerdings sollen ihre Models auch mal Döner essen, um ihre Entspanntheit zu demonstrieren, nur um nach ihrem nächsten Walk zu zittern, weil sie wegen Übergewicht rausfliegen könnten.

Wer sich und seinen Körper unentwegt "wunderschön" finden muss, bleibt außerdem fixiert auf das Urteilen. Und tritt damit eine neue Endlosschleife weiblicher Selbstbeschäftigung mit dem Körper los: Die andauernde Vergewisserung, dass es liebenswert ist, einem Ideal nicht zu entsprechen, macht dieses umso präsenter. Das ungute gedankliche Kreisen um den eigenen Körper wird durch ein gut gemeintes ersetzt.

Ja, es ist anstrengend, jahrelang gegen Falten und Fettpolster anzudenken. Sie heiß und innig lieben zu müssen aber auch.