Leistung entscheidet? Nein, für den Bildungserfolg ist das Elternhaus viel wichtiger. Selbst an der Uni macht sich das bemerkbar. Das belegt eine neue Studie.

Bildung, das klingt immer so schön. Nach Freiheit. Wer sich bildet, in Hörsälen, Laboren und Bibliotheken, der wächst ins Offene hinein.

System, das klingt immer so fies. Nach Technokratie. In einem System folgt alles einer Regel.

Ein Bildungssystem also ist offen und geschlossen zugleich, im besten Fall eine Architektur, die alle Möglichkeiten eröffnet, dabei aber klare Wege vorgibt.

Allein, das deutsche System hat Fehler.

Kinder von Maurern und Kassiererinnen, Schneidern und Tischlerinnen machen seltener Abitur und schreiben schlechtere Noten als der Nachwuchs von Anwältinnen, Lehrern oder Ärzten. An deutschen Schulen entscheidet bis heute die soziale Herkunft über den Bildungserfolg. Worüber man bislang wenig wusste: Was in der Schule beginnt, setzt sich an der Uni dramatisch fort. Das zeigt der Hochschul-Bildungs-Report, eine neue Studie des Stifterverbands und der Unternehmensberatung McKinsey, die im Herbst erscheint. Ein Auszug daraus liegt der ZEIT exklusiv vor. Er zeigt, wie groß der Graben zwischen Arbeiter- und Akademikerkindern an deutschen Hochschulen wirklich ist.

Die soziale Ungleichheit schleppt sich hartnäckig von der Grundschule bis zur Promotion. Eine kleine Wissenselite reproduziert sich erfolgreich selbst.

Von einer sogenannten leaky pipeline sprechen Stifterverband und McKinsey in ihrer Analyse, einem "leckenden Rohr". Aus jedem Leck fließen die Arbeiterkinder ab.

Von hundert Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil beginnen 74 ein Studium, von denen wiederum 63 einen Bachelorabschluss machen, 45 noch einen Master dranhängen und schließlich 10 eine Promotion absolvieren.

Von hundert Kindern, deren Eltern keine Hochschule besucht haben, beginnen nur 21 ein Studium, schaffen nur 15 einen Bachelor, machen nur 8 bis zum Master weiter – und nur eine einzige Person erlangt den Doktorgrad (siehe Infografik auf der nächsten Seite).

Ein Prozent aller Arbeiterkinder promovieren. Bei den Akademikerkindern sind es zehnmal so viele

Noch deutlicher wird dieses Missverhältnis, wenn man sich die tatsächlichen Größenverhältnisse anschaut. Die Studie vergleicht zur Anschauung 100 Akademiker- mit 100 Nichtakademikerkindern. In der Realität aber gibt es deutlich mehr Familien, in denen die Eltern nicht studiert haben; das Verhältnis liegt bei fünf zu eins. In der Grundschule sitzen also eine Million Nichtakademikerkinder neben 200.000 Akademikerkindern – am Ende tragen aber 20.000 Akademikerkinder und nur 10.000 Nichtakademikerkinder pro Jahrgang einen Doktorhut.

"Es gibt noch immer eine starke Selektion", sagt René Krempkow vom Stifterverband, der zusammen mit Julia Klier von McKinsey die Studie betreut hat. Klier betont: "Ein akademischer Abschluss ist nicht für alle gleich erstrebenswert, und natürlich muss nicht jeder promovieren. Aber die familiäre Herkunft sollte nicht das Kriterium sein, das darüber entscheidet."

Bildung mit Hindernissen

An jedem Übergang entscheidet auch das Elternhaus

Quelle: Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, Briedis et al. (2014), Berufswunsch Wissenschaft, Kooperationsprojekt Absolventenstudien 2016, Nationaler Bildungsbericht 2016, Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017, Statistisches Bundesamt, Hochschul-Bildungs-Report 2017 © ZEIT-Grafik