Eisiger Ostwind pfeift über den Greifswalder Marktplatz mit den gotischen Giebelhäusern und barocken Backsteinfassaden. Passanten huschen an den Gemüse- und Blumenständen vorbei. Mittendrin steht eine Frau hinter einem Bistrotisch, bewaffnet mit Klemmbrett und Kugelschreiber. Sie trägt die langen roten Locken offen und auf dem Rücken einen handtaschengroßen Lederrucksack. Sie sieht aus wie eine Astrid-Lindgren-Figur. Tatsächlich ist sie: Parteivorsitzende.

Susanne Wiest, 50 Jahre, soll eine Partei in den Bundestag führen, die bislang kaum jemand kennt. Die Partei hat nur ein einziges Ziel: die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens. Sobald das Ziel erreicht ist, will sie sich selbst wieder auflösen.

Nur noch vier Monate bleiben Susanne Wiest bis zur Wahl. Deshalb steht sie hier, vor ihr liegt ein Plakat, ausgerollt auf den grauen Pflastersteinen des Marktplatzes. Darauf steht in großen Lettern: "Was würdest du tun, wenn für dein Grundeinkommen gesorgt wäre?" Darunter sind Antworten aufgelistet, zum Beispiel: "Meine Arbeitszeit reduzieren" oder "Mich sozial, kulturell, politisch etc. engagieren". Die Leute sollen eintragen, welche Antwort auf sie zutrifft. Ein zersauster Turnschuhträger bleibt vor dem Plakat stehen, greift sich einen der herumliegenden Filzstifte, beugt sich nach unten und macht einen Strich bei "Das Gleiche wie bisher, vielleicht sogar besser". Die meisten Striche kommen an diesem Samstagvormittag für den Satz "Mich weiterbilden, studieren, eigene Talente fördern" zusammen, die wenigsten für "Nichts tun".

Susanne Wiest sammelt Unterschriften für die Zulassung der neu gegründeten Partei Bündnis Grundeinkommen. Bis zum 17. Juli müssen sie und ihre Mitstreiter in allen Bundesländern insgesamt 27.000 Unterschriften beisammen haben. 22.000 hätten sie schon, sagt Wiest. Doch erst wenn die restlichen 5.000 Unterschriften vorliegen, darf die Partei bei der Bundestagswahl antreten.

"Gehören Sie zu den Grünen?", will eine ältere Dame wissen. Wiest erklärt ihr geduldig, dass sie nichts mit den anderen Parteien zu tun habe, sondern für eine neue, sinnstiftende Idee stehe. Dann prasseln plötzlich Hagelkörner vom Himmel. Wiest knöpft den Mantel zu und spannt einen goldfarbenen Regenschirm auf. Das war’s vorerst mit dem Straßenwahlkampf in Greifswald. Bilanz: 14 Unterschriften.

Es ist mühsam, wenn eine Utopie auf das deutsche Parteigesetz stößt. Vor allem für Wiest, eine Frau, die lange ohne fließendes Wasser in einem Zirkuswagen wohnte und die nun aus der wohl populärsten ökonomischen Utopie ein Parteiprogramm machen und Unterstützer finden soll.

Die Idee des Grundeinkommens hat prominente Fürsprecher, zum Beispiel den SAP-Vorstand Bernd Leukert oder Götz Werner, den Inhaber der dm-Drogeriemärkte. Der Philosoph Richard David Precht wirbt für die Idee, genau wie die Konzernchefs Joe Kaeser (Siemens), Timotheus Höttges (Telekom) oder Elon Musk (Tesla). Laut einer Umfrage des Berliner Meinungsforschungsinstituts Dalia Research befürwortet in Deutschland mehr als die Hälfte der Bevölkerung ein Grundeinkommen. Andere Umfragen kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Nur in Greifswald, da scheinen die Unterstützer nicht zu sein.

Nach dem Hagelschauer wärmt sich Wiest in einem nahegelegen Hotel auf. Sie trinkt Kräutertee. In Mecklenburg-Vorpommern fehlen noch 600 der 1.351 benötigten Unterschriften. Dafür wirkt Wiest ziemlich entspannt. Im Saarland und Nordrhein-Westfalen hat es schon geklappt, dort ist ihre Partei bei den letzten Landtagswahlen angetreten. "Das ist ein Erfolg", sagt sie. Die Ergebnisse allerdings waren bescheiden. Im Saarland bekam die Partei 0,1 Prozent der Stimmen, in Nordrhein-Westfalen 0,06 Prozent. Wiest sagt, die Partei stehe halt noch am Anfang.

Nach dem Abitur zieht sie mit einem selbst genähten Zelt über Mittelaltermärkte

Es gab schon viele Ein-Themen-Parteien in Deutschland. "Die Grünen haben die Umweltpolitik ins Parlament getragen, die Piraten die Netzpolitik", sagt Wiest. "Wir wollen die Idee des Grundeinkommens in den Bundestag tragen." Manche dieser Parteien schafften es, aus der Nische herauszukommen. Andere leben seit Jahrzehnten mit Wahlergebnissen jenseits der Messbarkeitsgrenze: die Tierschutzpartei, die Grauen Panther, die Violetten. Wiests Partei ist noch winziger. Sie muss überhaupt erst mal zur Wahl zugelassen werden.