Das Beste an einem Finnwal sind die letzten zwei Meter vor der Fluke, der Schwanzflosse. "Zart , mager, frei von Antibiotika. Besser geht’s nicht", sagt Stefán Úlfarsson und stellt einen Teller vor mir ab. Darauf: ein dickes Stück Fleisch, 36 Sekunden von der einen, 32 Sekunden von der anderen Seite angebraten, gewürzt mit schwarzem und Zitronenpfeffer. Der Restaurantbesitzer aus Islands Hauptstadt Reykjavík setzt sich mir gegenüber, schaut mich fordernd an. "Jetzt probieren Sie schon!"

Alles in mir sträubt sich, aber ich will mir nichts anmerken lassen. In ein paar Minuten will ich hier Kristján Loftsson treffen, den meistgehassten Mann Islands. Er harpuniert Finnwale, schlachtet sie und verkauft ihr Fleisch. Auch ans Restaurant von Stefán Úlfarsson.

Es ist die letzte Station meiner Reise durch Island, zu der ich mit einer Frage aufgebrochen bin, die einfach klingt, aber schwer zu beantworten ist: Warum jagen die Isländer noch immer Wale? Meine Recherche führte mich zu Tierschutzaktivisten, die seit Jahrzehnten gegen den Walfang kämpfen, auf ein Schiff zur Erforschung von Walen und auf eines zur Jagd auf sie. Diese Erkundung führte auch ins isländische Parlament, nun endet sie in Úlfarssons Restaurant 3 Frakkar.

Vor Beginn war ich mir meines Urteils über den Walfang sicher, die Motive der Isländer hingegen waren mir rätselhaft. Jetzt, am Ende der Reise, bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich schneide ein Stück vom Steak ab.

1. Der Aktivist, der seit Jahrzehnten kämpft

Zwei schwarze Dampfboote sind im Hafen von Reykjavík vertäut, die Hvalur 8 und die Hvalur 9. Überwachungskameras an der Takelage zeichnen die Touristen auf, die am Pier vorbeigehen – eine Sicherheitsmaßnahme, seit Umweltaktivisten im Jahr 1986 zwei Schiffe der Fangflotte im Hafen versenkten. Hvalur ist isländisch für Wal. Die beiden Boote gehörten Kristján Loftsson, seine Männer jagen damit Finnwale. Mit ihrem Fett heizen sie die Dampfmaschinen an. Loftsson ist einflussreich, er gilt als einer der reichsten Männer des Landes. Ohne seine Lobbyarbeit würde es heute keinen Walfang mehr auf Island geben. Es gibt viele, die Loftsson dafür verabscheuen.

Seine Schiffe liegen am selben Pier wie die Boote der Whale-Watching-Anbieter. In den vergangenen 15 Jahren sind es immer mehr geworden. Aber Loftsson war schon hier, als sich noch kein Tourist für Wale interessierte.

Diese Szenerie – ganz gegensätzliche Perspektiven auf die Meeressäuger an einem Hafensteg vereint – ist der tägliche Anblick für Sigursteinn Másson. Er leitet eine Anti-Walfang-Kampagne des International Fund for Animal Welfare (Ifaw). "Wale werden für das Essen von Touristen getötet", steht auf einem Plakat, das Másson an der Veranda seines Büros angeknotet hat. "Beobachtet uns, aber esst uns nicht", steht auf einem anderen. Másson ist ein ruhiger Mann, sein Gesicht ist freundlich, sein Bart gepflegt unrasiert, Typ Kumpel, mit dem man Bier trinken geht. Zum Interview kommt er mit Ifaw-Mütze. "Wir wollen diejenigen belohnen, die den grausamen und unnötigen Walfang nicht unterstützen", sagt er. Másson betont, nicht mehr Konflikt als nötig zu wollen, und erzählt lieber von Mitstreitern, als die Walfänger anzugreifen.

Er kennt sie alle. Island ist winzig, und wer sich über die Jahre gegenseitig so beharkt wie Másson und die Walfänger, hat jedes Argument gehört. Es gibt Aufnahmen, in denen sich Másson und Kristján Loftsson im Fernsehen ankeifen, damals, als es noch Neues auszutauschen gab.

Másson trägt seine Argumente ruhig vor, doch je länger das Gespräch dauert, desto mehr weicht seine Routine der Wut: "Einen Wal so zu treffen, dass er sofort bewusstlos wird, ist schwierig. Manchmal dauert sein Todeskampf 40 Minuten. An Land würden wir solche Grausamkeiten nicht akzeptieren – warum tun wir es auf dem Meer?" Außerdem, so sagt Másson, äßen die meisten Isländer gar kein Walfleisch, und die Jagd sei schlecht für das Geschäft der Whale-Watcher. Die Tourveranstalter selbst behaupten das auch.

Ein Kilogramm Wal gibt es im Supermarkt zum gleichen Preis wie ein Kilogramm Hähnchen. Einen Wal auf einer Whale-Watching-Fahrt lebendig zu sehen kostet rund 100 Euro.

2. Der Meeresbiologe, der nicht akzeptieren will

Drei Nächte ist das Forschungsschiff Song of the Whale von Irland gesegelt, um im Hafen von Reykjavík anzukommen. Der zweimastige Segler hat sich auf Forschung zum Schutz von Walen spezialisiert, mit an Bord ist der britische Meeresbiologe Oliver Boisseau: "Wir wollen überprüfen, ob das Argument der Whale-Watcher stimmt, dass sowohl Walfänger als auch Beobachter es auf dieselbe Population abgesehen haben."

An einem wolkigen Morgen legt das Schiff vom Hafen ab und segelt in die Faxaflói-Bucht, der Kulisse aus Vulkanen und unruhiger See entgegen. Papageientaucher mit Schnäbeln voller Sandaale flüchten schwerfällig vor dem Boot und klatschen ein paar Meter weiter zurück in die Wellen, Mantelmöwen gleiten wie Modellflugzeuge über der Wasseroberfläche.