Hier ist die Opposition zu besichtigen: Ein Mann im blauen Anzug sitzt im ersten Stock des Stuttgarter Landtags. Eine dunkle Couchgruppe, man hört, etwas gedämpft, die Redner aus dem Plenarsaal. Es geht um Energiepolitik. Die Macht ist da drinnen: die Grünen, gewachsen aus der 68er-Bewegung. Sie regieren mit dem 68er-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann an der Spitze, ausgerechnet im einst schwärzesten aller Bundesländer, Baden-Württemberg. Der Oppositionelle, der selbst ernannte Revoluzzer, heißt Jörg Meuthen, ist Fraktionsvorsitzender der AfD im Landtag und Co-Chef der Bundespartei. Freudig erzählt Meuthen, wie er es auf einem AfD-Parteitag den 68ern so richtig gegeben hat.

In den entscheidenden Satz ist er geradezu verliebt. Da ist ihm was geglückt. 2.000 Leute seien im Saal gewesen, und sie hätten angefangen zu toben. Stehende Ovationen. Auch für ihn persönlich sei das wichtig gewesen, sagt Meuthen, gelte er doch als der Professor "mit Brain, aber ohne Herz", doch plötzlich "löse ich diese Begeisterung aus".

Der Parteitagssatz, den Meuthen seitdem so gerne zitiert, lautet: "Wir wollen weg vom moralisch verrotteten links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland!" Unglaublich, sagt der AfD-Vorsitzende, "was der Begriff 68 noch immer für Emotionen auslöst. Diese Wucht hat mich schon überrascht." Für einen Moment sieht er aus wie ein Fernsehmoderator, dem gerade die guten Quoten seiner TV-Show mitgeteilt wurden.

Alexander Kluge - Die Auslöser der 68er-Bewegung Benno Ohnesorgs Tod, Rudi Dutschkes Reden und die Intervention des Philosophen Jürgen Habermas: Der Filmemacher Alexander Kluge zeichnet in dieser Collage nach, wie vor 50 Jahren der studentische Protest aufflammte. © Foto: dctp.tv

Noch immer genügt eine Zahl, um in Deutschland zu polarisieren: 68. Obwohl diese Zahl eigentlich falsch ist, denn im Grunde hat alles am 2. Juni 1967 begonnen, mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg. Die Zahl 68 aber hat sich durchgesetzt. Sie steht für: Studentenproteste. Vietnamkrieg. Die nackte Uschi Obermaier. Den Kampf gegen alte Nazis. Den Aufstand gegen sämtliche Autoritäten. Lange Haare. Männer, die wie Frauen aussehen (und umgekehrt). Woodstock. Aufrufe zur Freiheit der Gedanken. Aufrufe zur Befreiung der Sexualität. Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.

Damals machte sich eine Generation auf, die Gesellschaft zu verändern. Und der große Spiegel gehörte immer dazu, er wurde den Eltern vorgehalten, den Etablierten, den Alten: Schaut da rein, dann seht ihr, wie spießig und falsch ihr lebt!

Das Vorhalten des Spiegels hatte einen Vorteil: Man musste selbst nicht hineinschauen.

Noch 50 Jahre nach Ohnesorgs Tod ist der Mythos 68 weit mehr als nur Thema für eine Geschichtsstunde. Er ist Gegenwart: Studenten diskutieren, ob deutsche Universitäten ein neues 68 brauchen. Der französische Philosoph Didier Eribon, der in seinem Buch Rückkehr nach Reims den Aufstieg der Rechten anhand seiner eigenen Familie beschreibt, sieht in einer neuen 68er-Revolution die einzige Rettung der französischen Gesellschaft.

Andere sagen: Die Destruktivität der 68er, ihr Zerstören der bürgerlichen Welt und ihrer Werte, habe den Aufstieg der rechtsnationalen Populisten erst ermöglicht. Jörg Meuthen, der Mann im Stuttgarter Landtag, zieht ebenfalls eine Linie von damals zu heute – und sagt: "Die AfD ist die Konterrevolution."

Im kollektiven Gedächtnis jedes Landes sind einige Jahreszahlen fest verankert, in Deutschland zum Beispiel 1933, 1945, 1989. Das Jahr 68 ist anders. Es markiert nicht nur einen politischen Epochenbruch, es wirkt auch bis heute tief in das Alltagsleben hinein: Krawatte oder offener Kragen? Wer nimmt wie viel Erziehungsurlaub? Wer bringt den Müll runter? 68 prägt das Jetzt, noch immer, in Landtagsfoyers und Lehrerzimmern, in Wahlprogrammen und Wohngemeinschaften, in Bioläden und in deutschen Betten.

Die 68er, sie traten an, das Land umzubauen, aber das allein genügte ihnen nicht. Sie wollten auch die Menschen verwandeln, am besten jeden einzelnen. Deshalb liegt es nahe, die Suche nach ihrem Erbe bei einem Mann zu beginnen, der sich zeit seines Lebens mit der menschlichen Seele beschäftigt hat und der selbst von jenem Jahr und seinen Folgen geformt wurde.

Wolfgang Schmidbauer ist Psychotherapeut und Psychoanalytiker, seine Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing ist auch seine Praxis. Wer Schmidbauer sieht, würde nicht vermuten, dass er 76 Jahre alt ist. Wer ihn sieht, ahnt allerdings, dass er in den sechziger und siebziger Jahren sozialisiert wurde. Der große, schlanke Mann trägt unter dem karierten Hemd sichtbar ein T-Shirt, seine grauen, etwas wirren Haare machen auf seinem Kopf, was sie wollen.

Schmidbauer hat die Bundesrepublik Deutschland einmal in drei Generationen aufgeteilt. Da war die "traumatisierte Generation", jene Frauen und Männer, die den Krieg überlebten und denen niemand beibrachte, wie sie mit den Schatten der Vergangenheit umzugehen hatten, mit ihrer eigenen, persönlichen Schuld. Dann kam die "thymotische Generation", das waren die 68er.

Thymotische Generation?