Hier ist die Opposition zu besichtigen: Ein Mann im blauen Anzug sitzt im ersten Stock des Stuttgarter Landtags. Eine dunkle Couchgruppe, man hört, etwas gedämpft, die Redner aus dem Plenarsaal. Es geht um Energiepolitik. Die Macht ist da drinnen: die Grünen, gewachsen aus der 68er-Bewegung. Sie regieren mit dem 68er-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann an der Spitze, ausgerechnet im einst schwärzesten aller Bundesländer, Baden-Württemberg. Der Oppositionelle, der selbst ernannte Revoluzzer, heißt Jörg Meuthen, ist Fraktionsvorsitzender der AfD im Landtag und Co-Chef der Bundespartei. Freudig erzählt Meuthen, wie er es auf einem AfD-Parteitag den 68ern so richtig gegeben hat.

In den entscheidenden Satz ist er geradezu verliebt. Da ist ihm was geglückt. 2.000 Leute seien im Saal gewesen, und sie hätten angefangen zu toben. Stehende Ovationen. Auch für ihn persönlich sei das wichtig gewesen, sagt Meuthen, gelte er doch als der Professor "mit Brain, aber ohne Herz", doch plötzlich "löse ich diese Begeisterung aus".

Der Parteitagssatz, den Meuthen seitdem so gerne zitiert, lautet: "Wir wollen weg vom moralisch verrotteten links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland!" Unglaublich, sagt der AfD-Vorsitzende, "was der Begriff 68 noch immer für Emotionen auslöst. Diese Wucht hat mich schon überrascht." Für einen Moment sieht er aus wie ein Fernsehmoderator, dem gerade die guten Quoten seiner TV-Show mitgeteilt wurden.

Alexander Kluge - Die Auslöser der 68er-Bewegung Benno Ohnesorgs Tod, Rudi Dutschkes Reden und die Intervention des Philosophen Jürgen Habermas: Der Filmemacher Alexander Kluge zeichnet in dieser Collage nach, wie vor 50 Jahren der studentische Protest aufflammte. © Foto: dctp.tv

Noch immer genügt eine Zahl, um in Deutschland zu polarisieren: 68. Obwohl diese Zahl eigentlich falsch ist, denn im Grunde hat alles am 2. Juni 1967 begonnen, mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg. Die Zahl 68 aber hat sich durchgesetzt. Sie steht für: Studentenproteste. Vietnamkrieg. Die nackte Uschi Obermaier. Den Kampf gegen alte Nazis. Den Aufstand gegen sämtliche Autoritäten. Lange Haare. Männer, die wie Frauen aussehen (und umgekehrt). Woodstock. Aufrufe zur Freiheit der Gedanken. Aufrufe zur Befreiung der Sexualität. Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.

Damals machte sich eine Generation auf, die Gesellschaft zu verändern. Und der große Spiegel gehörte immer dazu, er wurde den Eltern vorgehalten, den Etablierten, den Alten: Schaut da rein, dann seht ihr, wie spießig und falsch ihr lebt!

Das Vorhalten des Spiegels hatte einen Vorteil: Man musste selbst nicht hineinschauen.

Noch 50 Jahre nach Ohnesorgs Tod ist der Mythos 68 weit mehr als nur Thema für eine Geschichtsstunde. Er ist Gegenwart: Studenten diskutieren, ob deutsche Universitäten ein neues 68 brauchen. Der französische Philosoph Didier Eribon, der in seinem Buch Rückkehr nach Reims den Aufstieg der Rechten anhand seiner eigenen Familie beschreibt, sieht in einer neuen 68er-Revolution die einzige Rettung der französischen Gesellschaft.

Andere sagen: Die Destruktivität der 68er, ihr Zerstören der bürgerlichen Welt und ihrer Werte, habe den Aufstieg der rechtsnationalen Populisten erst ermöglicht. Jörg Meuthen, der Mann im Stuttgarter Landtag, zieht ebenfalls eine Linie von damals zu heute – und sagt: "Die AfD ist die Konterrevolution."

Im kollektiven Gedächtnis jedes Landes sind einige Jahreszahlen fest verankert, in Deutschland zum Beispiel 1933, 1945, 1989. Das Jahr 68 ist anders. Es markiert nicht nur einen politischen Epochenbruch, es wirkt auch bis heute tief in das Alltagsleben hinein: Krawatte oder offener Kragen? Wer nimmt wie viel Erziehungsurlaub? Wer bringt den Müll runter? 68 prägt das Jetzt, noch immer, in Landtagsfoyers und Lehrerzimmern, in Wahlprogrammen und Wohngemeinschaften, in Bioläden und in deutschen Betten.

Die 68er, sie traten an, das Land umzubauen, aber das allein genügte ihnen nicht. Sie wollten auch die Menschen verwandeln, am besten jeden einzelnen. Deshalb liegt es nahe, die Suche nach ihrem Erbe bei einem Mann zu beginnen, der sich zeit seines Lebens mit der menschlichen Seele beschäftigt hat und der selbst von jenem Jahr und seinen Folgen geformt wurde.

Wolfgang Schmidbauer ist Psychotherapeut und Psychoanalytiker, seine Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing ist auch seine Praxis. Wer Schmidbauer sieht, würde nicht vermuten, dass er 76 Jahre alt ist. Wer ihn sieht, ahnt allerdings, dass er in den sechziger und siebziger Jahren sozialisiert wurde. Der große, schlanke Mann trägt unter dem karierten Hemd sichtbar ein T-Shirt, seine grauen, etwas wirren Haare machen auf seinem Kopf, was sie wollen.

Schmidbauer hat die Bundesrepublik Deutschland einmal in drei Generationen aufgeteilt. Da war die "traumatisierte Generation", jene Frauen und Männer, die den Krieg überlebten und denen niemand beibrachte, wie sie mit den Schatten der Vergangenheit umzugehen hatten, mit ihrer eigenen, persönlichen Schuld. Dann kam die "thymotische Generation", das waren die 68er.

Thymotische Generation?

Am Anfang war die Hoffnung

Der Begriff stammt von Platon: thymos als Ausdruck für die überschwängliche Gemütslage eines Menschen. Der Duden setzt Thymos mit überreizter Pubertät gleich. Die thymotische Generation ist laut Schmidbauer vor allem eine Generation, die sich gnadenlos selbst überschätzt hat. Ihr folgte, nach Schmidbauers Deutung, die "phobische", also die ängstliche Generation, die vor allem bestimmt ist von der Furcht, Fehler zu machen.

Wer thymotische Eltern zu Hause hat, dem bleibt nach der Logik des Psychologen kaum etwas anderes übrig, als eher ängstlich und vorsichtig zu werden und sich zeitig um die private Rente zu kümmern.

Psychoanalytiker fragen Patienten häufig, wann etwas angefangen hat. Die 68er-Geschichte von Wolfgang Schmidbauer begann mit Italien, dem Land der Zitronen, und mit dem Thema Freude. Seinen Vater hat Schmidbauer nie kennengelernt, er fiel im Krieg. Der Sohn wuchs bei der Mutter auf, mit einem Bruder. "Für mich war völlig klar, jede Freude im Leben hat nichts mit den Erwachsenen zu tun. Freude und Erwachsene – das passt nicht zusammen. Davon war ich überzeugt. Diese Trennung war sehr eindeutig", sagt Schmidbauer. Aber es gab, wie bei vielen 68ern, rasch eine Vision. Sie hieß Italien. "Wir dachten, in Italien ist alles leichter, schöner, intensiver." Also zog Schmidbauer im Jahr 1967 in die Toskana, zusammen mit seiner Freundin und späteren Frau. Sie kauften ein Haus. Schmidbauer sagt: "Als die Verhältnisse zu toben begannen, war ich erst mal nicht da."

Thomas Ebermann war einer der Mitbegründer der Grünen, jener Partei, die den 68er-Überschwang in die Politik trug – dort, im Deutschen Bundestag, war er von 1987 bis 1989 Fraktionssprecher der Partei, damals noch in Bonn.

Ebermanns persönliche 68er-Geschichte fing mit Bob Dylan an. Er ging noch zur Schule und übersetzte Dylans Lieder ins Deutsche, etwa den Song Masters of War, in dem Dylan mit den Industriellen des Krieges abrechnete: "Beantwortet mir eine Frage: Hat euer Geld so viel Macht? Lässt sich Vergebung erkaufen? Habt ihr daran ernsthaft gedacht? Ich glaube, ihr werdet merken, wenn euch der Tod einst holt, dass ihr auch für all euer Geld eure Seele nicht mehr wiederbekommt. Und ich hoffe, ihr sterbt bald. Und ich warte auf den Tag." Solche Sätze schrieb der Schüler Ebermann auf seinen Parka – und es gab richtig Ärger von der Schulleitung.

Wer weiß, welchen Weg Ebermann genommen hätte, wenn seine Lehrer schon damals die Songs des späteren Literaturnobelpreisträgers Dylan zum Schulstoff gemacht hätten.

Dylan war das eine, die Gummifabrik das andere. Ebermann, dessen Mutter Näherin war, der Vater Schweißer, fing nach der mittleren Reife im Jahr 1967 in der Fabrik an, am Fließband. Es wurden Turnschuhe produziert. Ebermann hatte 17 Sekunden Zeit, einen Turnschuh fertig zu kriegen, dann kam der nächste. "Ich dachte erst, das ist unmöglich, das schafft keiner", erinnert sich Ebermann. Irgendwann aber gelang es ihm sogar in 14 Sekunden, er konnte sich jedes Mal kurz entspannen, ehe der nächste Turnschuh kam. Bis die Chefs das bemerkten und das Fließband schneller stellten, auf 14 Sekunden pro Turnschuh. "Da habe ich zum ersten Mal verstanden, was Kapitalismus ist", sagt Ebermann. "Und dass man dagegen etwas tun muss."

Das ist es, was alle 68er-Geschichten gemeinsam haben: Sie fangen an mit der Hoffnung. Auf eine bessere Welt, eine bessere Erziehung, auf Gleichberechtigung, auf besseren Sex.

Bei Wolfgang Schmidbauer hieß die Hoffnung: Psychologie. Auch dort hatte der große Aufbruch begonnen, die Befreiung der Seele. Neue Methoden wie Gruppentherapien versprachen neue Wege. Schmidbauers damalige Ehefrau litt an schweren psychotischen Zuständen – und sie hatte eine Familie, die tief in den Horror des Nationalsozialismus verstrickt war. Konnte die Kranke geheilt werden, indem man sie durch die Therapie von den Nazi-Eltern befreit?

"Das", sagt Schmidbauer, "war die Überzeugung, so war das."

Thomas Ebermann glaubte sogar an die Revolution, die den Kapitalismus beenden würde. "Ich dachte, angesichts der Zustände muss sie kommen, sie ist unausweichlich." Er wurde Mitglied im Kommunistischen Bund und Betriebsrat in der Gummifabrik – und er war nur einer von vielen: "Es gab überall kommunistische Betriebsräte, wir waren eine Macht, die hatten Angst vor uns." Er glaubte an den Umsturz? Ja, das höre sich heute komisch an, sagt Ebermann, "aber war so. Das war eine vollkommen andere Zeit. Man hatte die tiefe Hoffnung: Du kannst alles ändern, du musst es nur tun."

Alle Anfänge, auch die guten, haben leider das Problem, dass es danach weitergehen muss. Zu 68 gehören auch die spätere Verherrlichung des Massenmörders Pol Pot, die Gewalttaten der RAF, der sexuelle Missbrauch von Kindern im Namen der Freiheit.

Auch private Geschichten bekamen Brüche. Da ist zum Beispiel Sarah Stein, eine Frau Mitte sechzig, die lange im politischen Betrieb der Bundesrepublik aktiv war und nicht will, dass ihr wahrer Name in diesem Artikel auftaucht. Sie möchte verhindern, dass über ihr Leben geredet wird. Sarah Steins Krise begann mit diffusen Schmerzen. Sie war Ende zwanzig und führte das, was man heute ein wildes Leben nennen würde, damals war es bloß: das Leben. Bisschen Studium, bei Sarah Stein Politik und Wirtschaft, bisschen Demonstrationen, viel Sex mit verschiedenen Männern. "Ich lebte immer in Wohngemeinschaften, und da war völlig klar, jeder hat mit jedem gepennt. Hört sich heute klischeehaft an, aber war halt so." Sie sagt, sie habe ein Jahr lang mit ihren Freundinnen Strichlisten geführt, wie viele Männer jede im Bett hatte. "Bei mir waren es am Ende des Jahres 29. Und wissen Sie was? Ich habe verloren. Die anderen hatten mehr." Sie lacht, sie hat die Stimme einer Raucherin. "Wenn ich heute meinen Töchtern zuhöre, wie sie von ihren Männern, ihrem Sexleben erzählen, dann denke ich: Wow, ist das alles prüde geworden. Aber keine Sorge: Ich sage es nicht."

Irgendwann im großen 68er-Aufbruch kamen die Kopfschmerzen. Dann Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen. "Ich hatte fast alles durch." Sarah Stein ging von einem Arzt zum nächsten, keiner fand etwas Konkretes. Irgendwann landete sie beim Psychologen, "und wie die so sind, steht da plötzlich eine Frage im Raum: Was läuft schief in deinem Leben?"

Eigentlich war sie ja zufrieden – auch mit der Art und Weise, wie sie für Abstand zu ihrer Familie gesorgt hatte. Ihre Mutter war Finanzbeamtin, ihr Vater Polizist, er war das auch bei den Nazis gewesen, aber darüber wollte er nicht reden, wie alle. "Meine Eltern waren Ordnungsfanatiker. Um es kurz zu machen: Es war der Horror. Ich musste da raus. Mit meinem Vater war die Beziehung für immer zerstört. Bis zu seinem Tod konnten wir nicht wirklich reden."

Nach der Therapie änderte Sarah Stein ihr Leben, ordnete es. Sie heiratete, bekam zwei Kinder. Und die Schmerzen verschwanden, einfach so, kamen auch nicht wieder, "bislang wenigstens". Sarah Stein macht eine Pause. "Aber das Leben ist eben nicht einfach, vor allem wenn ich mit von der Partie bin. Die Ehe ging schief, war keiner schuld, es klappte halt nicht."

Sarah Stein lebt heute die meiste Zeit auf Sylt, das Gespräch findet am Telefon statt. Eines möchte sie noch loswerden zum Thema 68, deshalb führe sie diese Unterhaltung überhaupt. "Vor ihrem Tod habe ich mit meiner Mutter Frieden geschlossen. Ich war einige Wochen bei ihr, bis sie starb. Wir redeten gar nicht viel, ich kann auch nicht sagen, dass wir uns besonders nahe waren. Aber es war einfach gut, da zu sein. Es hört sich seltsam an, aber ich glaube, diese Wochen gehörten zu den wichtigsten meines Lebens. Und darüber musste ich viel nachdenken in letzter Zeit: Wir 68er haben immer viel vom großen Aufbruch geredet, Aufbruch, Aufbruch, weiß Gott wohin. Mit was wir uns nie wirklich beschäftigt haben, waren Wurzeln. Das war ein Fehler."

Gewinner und Verlierer gleichzeitig

Wurzeln waren im Jahr 68 immer nur die Wurzeln allen Übels. Vor allem die Wurzeln des mörderischen Nationalsozialismus galt es herauszureißen. Dieser Aufstand erforderte viel Kraft, die gelegentlich auch in Rabaukentum ausartete. Was fehlte, war die Weisheit, zu akzeptieren, dass Wurzeln eine ziemlich komplexe Angelegenheit sind. Und dass ohne Wurzeln ein vernünftiges Weiterleben kaum funktionieren kann.

Der kolumbianische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez hat in seiner Autobiografie Leben, um davon zu erzählen die Kraft seiner Wurzeln in eine eindrucksvolle Geschichte gepackt. Er war Anfang 20, von zu Hause – vom Land – geflohen und führte in der Großstadt das Leben eines linken Journalisten und Künstlers, überdreht, größenwahnsinnig, schillernd. García Márquez hatte schon Jahre keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, als eines Tages seine Mutter vor ihm stand und sagte: "Das Haus unserer Familie wird verkauft, und ich möchte, dass du mich dahin begleitest."

Auf nichts hatte Márquez weniger Lust. Aber er konnte seiner Mutter die Bitte nicht abschlagen. Márquez schreibt: "Natürlich konnten weder meine Mutter noch ich damals ahnen, wie bestimmend dieser harmlose zweitägige Ausflug für mich sein sollte, sodass auch das längste und arbeitsamste Leben nicht ausreichen würde, erschöpfend davon zu erzählen. Jetzt, mit mehr als fünfundsiebzig wohlbemessenen Jahren, weiß ich, dass die Entscheidung zu dieser Reise die wichtigste war, die ich in meiner Laufbahn als Schriftsteller zu treffen hatte. Das heißt: in meinem ganzen Leben." Während der Rückkehr begriff Márquez, was ihn ausmacht: seine Heimat, die Menschen dort, die Geister, die Mythen, die Erinnerungen, die Sprache. Zurück in der Stadt, schrieb er in nur wenigen Wochen, wie im Rausch, den Roman Hundert Jahre Einsamkeit, sein Meisterstück.

Ein Abend in Berlin-Kreuzberg, eine italienische Gaststätte. Thomas Ebermann ist heute 66 Jahre alt. Schmal ist er geworden, fast hager. Er trinkt alkoholfreies Bier und erzählt von Kneipenbesuchen, lange her, bei denen Absackergetränke "das Besondere" hießen, und das Besondere bedeutete: Man schüttete alles zusammen, was übrig geblieben war. Rauchen tut er noch, Selbstgedrehte, er wirkt als Gesamtfigur ein wenig aus der Zeit gefallen: Er hat kein Handy, "manchmal leihe ich mir das Zweithandy von meiner Liebsten", sagt er. Mit Thomas Ebermann kommuniziert man noch per Anrufbeantworter.

Ebermann saß Anfang der achtziger Jahre als Abgeordneter der Grün-Alternativen Liste (GAL) in der Hamburger Bürgerschaft, später zog er für die Grünen in den Bundestag ein. Er gehörte zum ökosozialistischen linken Flügel der Partei. 1990 trat er aus, im Protest gegen die "realpolitische Tendenz der Grünen". Danach war plötzlich gar nichts mehr, kein Job, kein Plan, "soll keiner sagen, dass das einfach war. Ich war schon ziemlich kaputt. Oft weitgehend schlaflos. Das war eine harte Zeit." Um sich über Wasser zu halten, textete Ebermann drei Jahre lang das Programmheft der Hamburger Trabrennbahn.

Irgendwann wurde aus dem Ex-Politiker ein Autor. Ebermann schrieb und schreibt Theaterstücke, Bücher, Analysen, manchmal zusammen mit Rainer Trampert, einst Bundesvorstandssprecher der Grünen, mit dem er ein Kabarettprogramm entwickelt hat. Alles scharf links, alles scharf zynisch. Vor einigen Tagen inszenierte Ebermann in Berlin eine szenische Lesung eines Romans von Luther Blissett, das Pseudonym eines linken Autorenkollektivs, das den englischen Fußballer Luther Blissett ehren will, der Anfang der achtziger Jahre für viel Geld in die erste italienische Liga verkauft wurde – und dann als Torjäger des AC Mailand so gut wie nie traf.

Alles keine großen Sachen, aber, wie es Ebermann formuliert: "Man lebt."

Man muss die 68er-Bewegung in zwei Lager aufteilen. Das eine Lager wollte das Leben der Deutschen verändern. "Dieses Lager hat viel erreicht", sagt Thomas Ebermann. Mit dem angeblich idyllischen bürgerlichen Leben im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre braucht man ihm nicht zu kommen. "Ich war selbst dabei, noch in den Siebzigern, als der Schriftsteller Hubert Fichte verhaftet wurde, nur weil er mit einem Mann rumgeknutscht hatte." Oder man möge sich erinnern – "um nur eines noch hinzuzufügen" –, wie eklig Frauen in diesem "tollen Deutschland" behandelt wurden, nur weil sie ein uneheliches Kind hatten.

Das Erbe der 68er: das Ende der Straffreiheit von Vergewaltigung in der Ehe, das Ende des Paragrafen 175 des Strafgesetzbuches, der Homosexualität unter Strafe stellte. Abschaffung der Prügelstrafe in Schulen und Elternhäusern, politische Mitbestimmung in den Betrieben, die Frauenbewegung, das Recht auf Abtreibung, Väter, die Väter sein wollen und nicht bloß Ernährer – vieles davon bringt man heute gar nicht mehr mit 68 in Verbindung. Es ist derart selbstverständlich, dass man erschrickt beim Gedanken, dass diese Errungenschaften keine ewig gültigen Naturgesetze sind, sondern gerade einmal 50 Jahre alt.

Auch der Sound der 68er, die Rockmusik, wurde zur mächtigsten Musikrichtung unserer Zeit. Die Rolling Stones sangen in ihrem Song Street Fighting Man: "Hey! Think the time is right for a palace revolution." Heute sind sie zwischen 69 und 75 Jahre alt und treten immer noch auf, im September im Hamburger Stadtpark. Die Karten, bis zu 680 Euro das Stück, waren sofort ausverkauft.

Das zweite Lager der 68er-Bewegung wollte nicht das Alltagsleben verändern, sondern das ganze System, es wollte den Kapitalismus stürzen. "Dieses Lager hat gar nichts erreicht", sagt Thomas Ebermann, "und zu diesem Lager gehöre ich." Man müsse nur die Wirtschaftswelt der achtziger Jahre mit der von heute vergleichen: "Alles ist noch viel schlimmer geworden!"

Die 68er, sie sind Gewinner und Verlierer gleichzeitig. Thomas Ebermann sagt: "Wenn Sie jemanden brauchen, auf den der Begriff Scheitern zutrifft, dann sind Sie bei mir richtig."

Was bleibt da noch? Eigentlich nur dies: Position einzunehmen, weiterhin dagegen zu sein, nicht mitzumachen, trotz allem.

Ebermann kennt diese Rolle gut. Er spielte sie schon am 22. Dezember 1983, als Helmut Schmidt im Großen Festsaal des Rathauses die Hamburger Ehrenbürgerschaft verliehen wurde und Ebermann Chef der GAL war. Schmidt war nicht mehr Bundeskanzler und seit einigen Monaten Herausgeber der ZEIT. Der damalige Bürgermeister Klaus von Dohnanyi würdigte Schmidt unter dem Beifall der rund 300 Gäste als "großen Staatsmann" und "großen Sohn" Hamburgs.

Dann kam Ebermann. In seiner 15-minütigen Rede wies er darauf hin, dass es in Hamburg nach 1945 nie einen Ehrenbürger gegeben habe, der nicht Mitglied der SPD war. Er erinnerte an die Rolle des Wehrmachtsoldaten Schmidt und erklärte, er wolle nicht weiterfragen, wie Schmidt denn "auf die Zuschauerbank des Volksgerichtshofes geriet, wo ausgewählte Deutsche dem Prozess gegen die Deutschen des 20. Juli beiwohnten". Weiter erwähnte Ebermann, wie Schmidt als Kanzler die militärische Aufrüstung sowie den Ausbau der zivilen Kernenergie betrieben habe. Er zitierte aus verschiedenen Schriften Schmidts, in denen dieser etwa die politischen Unterschiede zwischen Links und Rechts relativierte: "Wie nahe sich im Grunde doch 'rechts' und 'links' sind. Schließlich sitzen wir ja auch alle im gleichen Boot, und Backbord und Steuerbord können nicht unabhängig voneinander operieren, sondern sie bilden zusammen ein Schiff, das seinen Kurs im Strom zu bestimmen hat."

"Die Scheißmoral"

Ebermann schloss seine beißende Rede mit dem "großen Verständnis dafür, dass die Herrschenden Ihnen die Würde zukommen lassen. Es ist ebenso selbstverständlich, dass wir uns diesem heuchlerischen Konsens entziehen."

33 Jahre später sagt Ebermann: "Das war keine angenehme Sache, das können Sie mir glauben. Ich kannte mich durchaus aus mit Krawall, aber da war mein Hemd am Ende nass geschwitzt. Es war kein schöner Moment, aber ein wichtiger. Ich war mir und meinen Leuten das schuldig, davon bin ich bis heute überzeugt."

Der Mut, sich mit allen anzulegen, vor allem mit den Mächtigen, der Mut, die Konsequenzen zu tragen, auch das gehört zum Wesenskern einiger und zum Image vieler 68er. In den Achtzigern habe es ein paar Jahre gegeben, sagt Ebermann, da sei der Geist einer echten Veränderung noch einmal zu spüren gewesen, "ich hatte 250 Veranstaltungen im Jahr, die Säle waren voll, aber dann ebbte es ab, und irgendwann wollte kein Arsch mehr unsere Visionen hören". Da habe er gemerkt: "Wir verlieren."

Nicht alles dauernd absichern zu wollen – ein bisschen was hat Ebermann immer noch davon. Autorisieren möchte er seine Zitate in diesem Artikel nicht. "Ach was", sagt er. "Wenn Sie Mist schreiben, beschimpfe ich Sie nachher."

50 Jahre 68. Es geht um die Frage nach dem richtigen Leben oder dem falschen Leben, bis heute. Es geht darum, wer recht hatte. Und hat. Und haben wird.

Joachim Fest, der einstige FAZ Herausgeber, den die 68er wegen seiner Nähe zum ehemaligen Nazi-Architekten und -Minister Albert Speer attackiert hatten, sagte 1999 in einem Interview: "Eine der großen Enttäuschungen meines Lebens sind die 68er. Von den knapp 200.000 organisierten Studenten, einer ganzen Akademiker-Generation, ist fast nichts geblieben. Gut, vielleicht 30 Namen, Bundeskanzler Schröder eingerechnet. Aber welche bedeutende Leistung haben sie zu Wege gebracht? Was ist von den Impulsen, die sie auf die Straße getrieben haben, übriggeblieben? Vergröbert gesagt: Nichts. Eine Generation von Versagern. Wenn sich einer einen Namen macht, ist er Leiter einer Kindertagesstätte."

Auch der FDP-Politiker Guido Westerwelle arbeitete sich sein ganzes Leben an den 68ern ab. Sie waren sein großes Feindbild: ihre Selbstgefälligkeit, ihr Lebensstil. Zeitweise gab es kaum eine Rede, in der er nicht auf dem Erdkundelehrer, Typ 68er, herumhackte, "der zwar alle Mädchen duzte, aber von seinem Fach keine Ahnung hatte". Das Feindbild formte das eigene Profil. Bemerkenswert daran war auch, dass der offen homosexuelle Westerwelle ohne die 68er-Bewegung womöglich im Gefängnis gelandet wäre und mit Sicherheit nicht an der Spitze des Auswärtigen Amtes.

Ähnlich verhält es sich mit den AfD-Politikern Jörg Meuthen, der zwei Ehen hinter sich hat, und Frauke Petry, die geschieden und neu verheiratet ist. Sie alle leben mit ihren Patchworkfamilien zumindest ein Stück weit ein Leben, das ihnen die 68er erst ermöglicht haben.

Dass sich Meuthen trotzdem vom "links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland" distanziert, ist wohl die Ironie der Geschichte. Der 55-Jährige sagt, er sei immer anders als der Mainstream gewesen, und meint natürlich: als der linke Mainstream. Er habe in der Schule gerne und "durchaus sichtbar" den Bayernkurier gelesen, die stramm rechte Parteizeitung der CSU, als alle anderen Mitschüler in erster Linie "friedensbewegt" gewesen seien. Er sagt: "Die Lust an der Provokation hatte ich immer." Mittlerweile sieht der Professor für Volkswirtschaft bei seiner Partei sogar Parallelen zu den Anfängen der 68er-Bewegung: "Nehmen Sie nur das Beispiel Berufsverbote. Oder glauben Sie etwa, dass es karrieremäßig von Vorteil ist, wenn man öffentlich für die AfD eintritt?"

Die Anfänge der 68er seien ja verdienstvoll gewesen, sagt Meuthen, "das hat dem Land durchaus gutgetan". Aber gegen alles, was daraus folgte, trete die AfD an: "Wir stehen zu den sogenannten Sekundärtugenden. Anstand, Pflicht, Fleiß, all das bedeutet uns was. Dazu der Patriotismus: Die 68er haben Deutschland in den Dreck gezogen, wir sind stolz, Deutsche zu sein." Er habe etwas beobachtet, was für seine politische Arbeit sehr hilfreich sei: Die 68er hätten mit ihrer Arroganz den ganz normalen Deutschen verachtet. Den Mann im Schützenverein. Die Frau im Trachtenclub. Den Arbeiter, der abends mit seinem Bier vor dem Fernseher sitzt und Fußball schaut. Diese Leute hätten die 68er nie geachtet – "und genau da setzen wir an".

Es gibt Kritiker von rechts, und es gibt sie von links. Schorsch Kamerun ist Jahrgang 1963. Die Ideale der 68er teilt er bis heute, auch die Kapitalismuskritik, und er findet, sie haben die richtigen Themen gesetzt. Trotzdem kann er die 68er nicht sonderlich leiden. Wie sie schon aussahen, dieses Hippiemäßige, dieses Weiche, dieses Konturlose. Was er auch nie mochte: dieses Friedfertige, diese Peacemäßige, dass alle sich lieb haben sollen.

Schorsch Kamerun ist Punk. Mach kaputt, was dich kaputt macht. Seit 33 Jahren ist er Sänger der Punkband "Die Goldenen Zitronen". Er leitet mit anderen zusammen ein legendäres Hamburger Musiklokal, den Golden Pudel Club, voriges Jahr abgebrannt, inzwischen im Wiederaufbau. Kamerun ist Musiker, Autor, Schauspieler, aufgewachsen in der Ostseegemeinde Timmendorfer Strand, in einer engen Welt, wo an Gaststätten der tatsächlich ernst gemeinte Spruch hing: "Kinder und Hunde – bitte draußen bleiben". Dort haben Kamerun und seine Freunde den Begriff "falsche Fische füttern" entwickelt, also: die Idylle stören, den Laden aufmischen, Quatsch machen, die Welt auf den Kopf stellen.

Bei vielen 68ern sei ihm schon früh die Sehnsucht nach Beifall aufgefallen, sagt Kamerun. "Und das ist im Grunde das Ende, nichts korrumpiert mehr als der Applaus, dem du nachläufst." Erklärt das auch die spätere Biografie eines Joschka Fischer? "Das weiß ich nicht. Aber die Turnschuhe hätte er nicht ganz so früh lustvoll ausziehen müssen."

Zurück nach München, in die Praxis des Therapeuten Wolfgang Schmidbauer. Wie ist es weitergegangen mit seiner großen Hoffnung, die Psychologie könne so ziemlich alles, befreien und heilen? Die Geschichte mit seiner Frau hatte kein Happy End, die Psychosen blieben, trotz aller Vergangenheitsaufarbeitung, die Ehe zerbrach, doch die Beziehung hielt an bis zu ihrem Tod. "Meine Naivität war schon beachtlich, mein Glaube, nicht nur meine Frau zu retten, sondern die ganze Welt", sagt Schmidbauer. Er spricht vom Erwachsenwerden, als Therapeut und als Mensch. Seine Patienten hätten ihm beigebracht: Der Idealismus taugt nicht viel zum Verständnis des Menschen.

Doch trotz aller Ernüchterung hält Schmidbauer die Psychologie der vergangenen Jahrzehnte sowie ihre Akzeptanz in der Bevölkerung für eine Erfolgsgeschichte, explizit auch der 68er-Bewegung: "Das Zentrum in unserer Arbeit ist die Freiheit der Gedanken. Patienten müssen sich ihren Gedanken und Gefühlen stellen, auch wenn es einem nicht gefällt, was da kommt. Und diese Gedanken sind frei und nicht zu verurteilen."

Seit einiger Zeit aber beobachtet der Therapeut ein neues Phänomen. Er nennt es "Helikoptermoral". Was das heißt? Ein Mensch gerät etwa in Verdacht, einen Fehler begangen zu haben – und noch bevor eine Wahrheit festgestellt worden ist, prasselt ein öffentlicher Regen moralischer Wertungen auf ihn nieder, wie Geschosse aus einem Hubschrauber. Es findet kein Wettbewerb der Argumente mehr statt, sondern ein Wettbewerb der Urteile.

Man kann dieses Phänomen als Merkmal der Moderne und ihrer Medien sehen, insbesondere des Internets. Man kann darin aber auch eine weitere Hinterlassenschaft der 68er erkennen. Denn das vielleicht belastendste Erbe dieser Generation ist die ewige Jagd nach der höherwertigen Moral, das ständige Streben, nicht nur ein anderer, sondern ein besserer Mensch zu sein.

In seinem neuen Buch schreibt Wolfgang Schmidbauer: "Die Helikoptermoral schafft im Einklang der Entrüsteten und zutiefst Überzeugten einen Zusammenhalt, den die Rationalität moderner Werkzeuge nicht herstellen kann."

Auf verschiedenste Weise sei Donald Trump ein Beispiel dafür: Trump selbst bestehe im Grunde nur aus dem Verkünden von Urteilen, aber auch sein Kritikerheer fühle sich sehr wohl damit, Trump jeden Tag aufs Neue herabzuwürdigen. Schmidbauer hält diesen moralischen Perfektionismus für gefährlich. Man werte sich selbst auf, indem man andere abwerte, das sei die schlimmste aller negativen Energien: "Es kann nicht gut gehen, wenn eine Gesellschaft das zum Postulat erhebt."

Früher war man mit der Keule unterwegs, jetzt steigen schon Helikopter auf. "Die Scheißmoral", hat auch der Punk Schorsch Kamerun gesagt, "wie ein Pflasterstein hängt die Moral an uns dran!"

Es ist kalt geworden, draußen beim Italiener in Kreuzberg. Thomas Ebermann dreht sich noch eine Zigarette. Schon interessant: In München hat ein Therapeut, der sich um die inneren Verheerungen der 68er kümmert, gut zu tun. In Berlin sitzt einer, der die Welt ändern wollte, allein in einem Café. Ab und zu, sagt Ebermann, frage er sich ja schon, ob seine Position noch stimme, die grundsätzliche Ablehnung des Systems, der absolute Widerstand. Dann fahre er Bahn oder gehe durch die Stadt und schaue sich die Menschen an.

Am aussagekräftigsten seien die Frauen an den Kassen der großen Lebensmittelketten. "Du siehst in so viele kaputte Gesichter. Das System raubt diesen Menschen das Leben, davon bin ich überzeugt", sagt Ebermann. Nein, er bleibe bei seiner Position. Seine linken Texte, seine linke Kunst betrachtet er als eine Art Flaschenpost für bessere Zeiten. Er arbeite viel mit jungen Leuten zusammen, das mache ihm Spaß. "Nur wenn die Party anfängt, geht der Opi besser nach Hause. Sonst wird’s peinlich."