Ich bin Jahrgang 1945, fünf Wochen nach Kriegsende in Forchheim, Oberfranken, geboren. Mein Vater kam verspätet nach Hause. In Breslau zur Welt gekommen, war er während des Krieges Pilot. Er konnte aus tschechischer Kriegsgefangenschaft fliehen. Er war Jahrgang 1918 und hatte das Erziehungsprogramm der Nazis von seinem 15. Lebensjahr an quasi inhaliert. Das konnte man bei gewissen Themen noch Jahrzehnte später raushören.

Über die Zeit des Nationalsozialismus wurde in meinem Elternhaus nie gesprochen. Ich, ganz der autoritär erzogene, brave Sohn, wagte auch nicht zu fragen. Überhaupt war ich bis in meine Studienjahre hinein politisch kaum interessiert. Ich begeisterte mich in erster Linie für Literatur, las den ganzen Shakespeare, obwohl ich längst nicht alles verstand. Meinen Eltern war diese Leserei eher suspekt.

In politischen Dingen sprach ich meist nach, was ich vom Vater hörte. So kam es, dass ich zu Beginn meines Studiums Franz Josef Strauß für einen guten Mann hielt. Wenige Jahre später hatte sich das ins Gegenteil verkehrt.

Was war passiert?

Als ich zwischen 1966 und 1972 in Freiburg Germanistik und Geschichte studierte, erreichten auch mich die Schlagzeilen vom Tod Benno Ohnesorgs. Ich las, dass er verheiratet gewesen war und seine Frau schwanger sei – obwohl er noch studierte. Ich fand das unerhört. Entweder studiert man, oder man hat eine Familie. Aber erst nach Abschluss des Studiums, bitte schön!

So dachte ich, als ich in meiner Uni-Mensa las, dass für seine Familie Geld gesammelt werde. Spenden? Kommt nicht infrage, sagte ich mir.

Im Laufe der folgenden Monate und Jahre wachte ich auf. Eine ältere Kommilitonin, die Politik studierte und die ich als Frau hochinteressant fand, führte Gespräche über politische Fragen mit mir. Allmählich begann ich mich aus den väterlichen Denkschablonen zu lösen. Ich kaufte regelmäßig die ZEIT, die damals nur eine D-Mark kostete. Später kam der Spiegel hinzu. Ich las und las, beobachtete die Apo-Aktionen eher aus der Distanz, erlebte Sit-ins in Vorlesungen und beteiligte mich zaghaft an Diskussionen vor den Hörsälen.

Vieles von dem Neuen, was ich hörte, fand ich richtig. Aber die Wandschmierereien des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in der Uni fand ich widerlich. Auch ließ ich nicht die Haare wachsen wie so mancher Kommilitone. Ich war immer noch der wohlerzogene, bürgerlich-biedere Sohn eher reaktionärer Eltern. Aber es kam zu immer heftigeren Diskussionen mit meinem Vater, wenn es um Politik ging. Gegen den Krieg in Vietnam zu protestieren war für ihn unerhört. Die Amerikaner waren doch die Guten! Egal wie, Hauptsache, es ging gegen den Kommunismus und seine vermeintliche Ausbreitung. Noch nach dem Studium bezeichnete mein Vater mich meiner ersten Frau gegenüber als Kommunist. Nun, er hatte bei einer amerikanischen Firma eine beachtliche Karriere hingelegt.

Man merkt es schon: 1968 hat mich entscheidend verändert. Von stinkkonservativ-uninformiert zu linksliberal-engagiert. Äußerlich blieb ich damals zwar der Alte. Aber ich kapierte, in welch bleierner und spießiger Zeit ich aufgewachsen und wie restriktiv ich erzogen worden war.

Nach wie vor halte ich die Zeit um 1968 für eine in erster Linie gesellschaftspolitisch überfällige Zäsur. Sie hat viel bewirkt und verändert, manches hat sich auch problematisch entwickelt. So schoss die Bewegung übers Ziel hinaus, zum Beispiel bei der antiautoritären Erziehung. Nichtautoritär reicht doch schon!

Alexander Kluge - Die Auslöser der 68er-Bewegung Benno Ohnesorgs Tod, Rudi Dutschkes Reden und die Intervention des Philosophen Jürgen Habermas: Der Filmemacher Alexander Kluge zeichnet in dieser Collage nach, wie vor 50 Jahren der studentische Protest aufflammte. © Foto: dctp.tv

Mein Vater war mehr oder weniger verzweifelt über meine politische Ausrichtung, dabei war ich eher Zaungast als mittendrin. Dennoch hat die Zeit mich geprägt, bis heute. Ich kann mich aufregen über jüngere Leute, die sich kaum für Politik interessieren. Die über kein Polit-Kabarett lachen können, weil sie die Anspielungen nicht verstehen. Ich halte sie für unverantwortliche Hedonisten und Selbstoptimierer, die ich deshalb nicht für voll nehmen kann – mögen sie noch so nett sein.

Ein gewisses Maß an kritischer, nicht autoritätshöriger Zeitgenossenschaft halte ich für unerlässlich. Ergänzt durch einen zumindest rudimentären historischen Überblick. (Als Lehrer am Gymnasium habe ich dies in meinen Fächern Deutsch und Geschichte auch zu vermitteln versucht. Einen Teil meiner Schülerschaft konnte ich sicher erreichen.) Inzwischen konstatiere ich bei den Jüngeren immer häufiger fehlendes Problembewusstsein und Geschichtsvergessenheit. Auch der grassierende Rechtspopulismus bringt sie nicht aus der Ruhe. Das beunruhigt mich täglich.