Händedruck mit besorgter Mine. Ob er sich verspätet habe, erkundigt sich Adam Curtis, obwohl er auf die Minute pünktlich ist. 61 Jahre, jungenhaftes Gesicht und ein Anzug, der auf wundersame Weise genauso unauffällig wie exzentrisch ist. Hinter der britischen Höflichkeit eine Ungeduld, die sofort zur Sache kommen will. Das allerdings ausführlich. Nach dem Treffen im Londoner New Broadcasting House der BBC bleiben zwei Tonbandstunden dieser berühmten Stimme, die wir als hypnotisches Voice-over schon aus seinen Filmen kannten. Und ohne die man dort hoffnungslos verloren ginge. Selten war der dokumentarische Autorenfilm so sehr auf seinen Autor angewiesen wie bei Curtis. Und selten so weit entfernt von Guido Knopp.

"We live in a world where nothing makes no sense anymore." In solchen immer sachlich intonierten Sätzen schwingt das Pathos dieses Filmerzählers, der – bei allem Respekt vor Alexander Kluge – der interessanteste Fernsehmacher der Gegenwart ist. Seit fast 35 Jahren produziert er für die BBC Sendungen. Drei, vier, fünf Stunden dauern seine Dokumentarfilme, die auf Festivals gezeigt und von der Kunstwelt geliebt werden. Im Magazin der New York Times schrieb der Schriftsteller Jonathan Lethem vor Kurzem eine seitenlange Hommage. Und nicht zuletzt das Internet, in dem Curtis’ Filme leicht zu finden sind, machte ihn zur Legende.

Seine Szenerie: Sequenzen aus B-Movies und Computerspielen, Luftaufnahmen nächtlicher Städte und Kriegsgebiete oder von Bürotürmen und schon längst antiquierter Computer-Hardware. Curtis zeigt außerdem Bilder, die aus den Nachrichten sonst herausgeschnitten werden. Er hat dazu unzählige Stunden Rohmaterial aus dem BBC-Archiv gesichtet. Wenn der Blick einen Moment zu lange auf dem Gesicht von Henry Kissinger verweilt und einen nie und nimmer für die Kamera bestimmten Ausdruck einfängt oder wenn ein sonderbar schüchternes Lächeln über Gaddafis Gesicht huscht, dann kommen die Lücken und Überhänge der Geschichte ins Bild.

Curtis will nicht, dass wir ein Foto von ihm zeigen. Er will hinter seinen Filmen verschwinden. "Die BBC", sagt er, "lässt mir völlig freie Hand. Erstens, weil sie mir vertraut. Zweitens, weil ich so billig bin." Der im letzten Oktober gesendete Film HyperNormalisation dauert fast drei Stunden und hat nur 35.000 Euro gekostet. Curtis macht fast alles allein. "Wofür sollte ich also viel Geld ausgeben? Meine Trinkgewohnheiten sind unter Kontrolle." Und noch eine Bitte: "Stellen Sie mich nicht als Künstler oder dergleichen vor. Ich bin Journalist. Und ich finde, das ist ein ehrenwerter Beruf."

So frei die Ästhetik, so stringent die Erzählungen. Zum Beispiel in Bitter Lake, dem Afghanistan-Film von 2015. Wusste man schon von den Staudämmen, die die Amerikaner hier in den fünfziger Jahren gebaut haben, und dass der afghanische Boden erst dadurch fruchtbar wurde für den historisch fatalen Opiumanbau? Curtis ist kein Taliban-Versteher. Er zeigt aber das Chaos, das durch die Eingriffe entstanden ist, die sich Russland, die USA, Großbritannien und Saudi-Arabien in variablen Koalitionen über Jahrzehnte erlaubt haben. "Ich wollte zeigen", erzählt der Regisseur, "was das für unsere Soldaten und Reporter schließlich bedeutete: mit einem festen moralischen Koordinatensystem in ein Land zu kommen, das sie vor Ort nicht einmal ansatzweise mehr verstanden." Das sei gewesen wie das Abdriften auf einem schlechten Drogentrip.

In anderen Filmen geht es Curtis um den Medienmogul Rupert Murdoch und um die Utopie des Internets; um die Parallelen von iranischer und Französischer Revolution sowie jene, die sich in den Karrieren von Leo Strauss und Sayyid Qutb zeigen – der eine ein amerikanischer Neoliberaler, der andere ein durch eine USA-Reise fanatisierter Anführer der Muslimbruderschaft und intellektueller Wegbereiter des islamistischen Terrorismus. Stets ist dabei die Frage, wie sich Mächte durch Erzählungen begründen und zugleich von sich ablenken. Adam Curtis ist Mythenforscher.

Die Psychoanalyse verwandelt sich zur Konsumwissenschaft

Fasziniert verfolgt er, wie sich die Psychoanalyse in den USA zur angewandten Konsum- und Propagandawissenschaft verwandelte: Wie Freuds Neffe Edward Bernays die Disziplin der Public Relations erfand, die erst in der Werbung (Autos, Zigaretten) und dann in der Politik (Wahlkampf, Zielgruppenanalyse) eingesetzt wurde. Und wie radikale Psychotherapeuten in den späten Sechzigern eine beinahe totalitäre Konjunktur der Selbstverwirklichung etablierten. "Just do it!", "Express yourself!" So ist, nach Curtis, die Echokammer des Ichs zur Goldgrube der Konsumwirtschaft geworden – und zur reaktionären Massenbewegung.

Nach seinem Film "HyperNormalisation" stand Curtis als Prophet da

Heute seien es die sozialen Medien, die eines auf brillante Weise beherrschten: Meinungen und Bedürfnisse zurückzuspielen, indem sie durch Algorithmen neue Wünsche und Gleichgesinnte eruieren. Individualität als limitiertes Maskenspiel: So wie sich ja Emotionen in nur wenigen verschiedenen Emoticons darstellen ließen. "Du musst nicht fühlen. Du musst dich nur zu einem Gefühl bekennen", sagt Curtis. "Alles ist formalisiert. Wir leben im Rokoko der Emotion." Das Internet, so sieht es der Regisseur, segelt unter dem Banner eines demokratischen Möglichkeitsraums, ist aber tatsächlich nichts anderes als ein engineering system – und vor allem dazu konstruiert, Stabilität sicherzustellen. Wie einen guten Witz erzählt Curtis die Anekdote, dass die ersten Dating-Plattformen eine Software benutzten, die von der Nasa zum Stabilisieren des Spaceshuttles beim Start entwickelt wurde.

Für den politischen Denker und Träumer Curtis waren die Occupy- und Tahrir-Bewegungen die größten Enttäuschungen der letzten Jahre. In beiden Fällen sei es durch digitale Vernetzung gelungen, eine Massenbewegung zu mobilisieren. Aber dann? Kein Begriff von Macht und keiner von Zukunft. "Die Occupy-Leute haben mich in die USA eingeladen", erinnert sich der Regisseur. "Sehr freundliche Leute. Aber niemand hatte irgendeine Vision. Und keiner durfte lauter sprechen als ein anderer." In Ägypten hätten die Muslimbrüder das inhaltliche Vakuum gefüllt. "Die Muslimbrüder", klagt Curtis, "wussten nämlich ganz genau, welche Gesellschaft sie wollten. Und am Ende bettelten die Massen, dass das Militär zurückkommen möge."

Und der Brexit? Trump? Als Curtis Film HyperNormalisation 2016 anlief, war das eine schon beschlossen, der andere aber noch nicht gewählt. Weshalb Curtis später als Prophet dastand. Denn Donald Trump ist eine Hauptfigur seines Films, Hillary Clinton nur wenige Sekunden lang zu sehen. Und spukte der blonde Mann mit der langen Krawatte nicht schon vor Jahren durch Curtis’ Filme? Der immense Schock, den beide Ereignisse ausgelöst haben, ist für den Regisseur ein Indiz dafür, wie weit sich die Blase des Justemilieu von der Realität verabschiedet hat. Aber seit wann eigentlich?

Sich mit einem hungernden Kind in Afrika identifizieren

Curtis erinnert an das Jahr 1968, die Hungerkatastrophe von Biafra. Während der weltweiten Protestbewegungen von damals habe sich die Mittelschicht erstmals aus ihrer Umgebung gelöst. Sich wie die Hippies mit einem hungernden Kind in Afrika zu identifizieren, das hieß, sich dem Guten, Unschuldigen und Unbekannten aus größtmöglicher Ferne zuzuwenden und zugleich diejenigen zu ignorieren, denen es zu Hause so richtig schlecht ging und die man nicht ertragen konnte. "Wenig später", seufzt Curtis, "hat David Attenborough herzzerreißende Filme über Gorillas im Kongo gedreht. Für dasselbe Publikum."

Im selben Moment hätten auch die Banken ihrem Land den Rücken gekehrt. Während sie global spekulierten, brach zu Hause die Industrie zusammen. "Waren Sie mal in Nordengland?, fragt Curtis. "In Rochdale? Die Leute haben da buchstäblich in ihrer Scheiße gelebt. Und wir? Wir haben uns globalisiert." Nach Curtis sind das die drei Säulen der Globalisierung: Erstens: Gut und Böse. Zweitens: Tiere. Drittens: Geld. "Das war", sagt er, "die Idee von einer universellen Welt, in die man hinüberdriften konnte wie in einen Traum. Er selbst sei damals auf Partys gewesen, wo nette Mädchen Weltmusik aufgelegt hätten. Eine fade Angelegenheit.

In HyperNormalisation ist ein versteinerter Trump dabei zu sehen, wie er während des Korrespondenten-Dinners im Jahr 2011 die Spottrede eines Kabarettisten über sich ergehen lässt. Für Curtis ein Schlüsselmoment: "Es war selbstgerecht, gemein und dumm. Aber alle, Obama inklusive, haben sich ausgeschüttet vor Lachen. Und könnte es nicht sein, dass auch ein paar Leute da draußen gehört haben, dass man im Fernsehen jeden Abend Witze über sie macht?" Nichts, sagt Curtis, habe er je so verachtet, wie die Verachtung für jene Leute, die jetzt Trump und Brexit gewählt hätten. "Sind die wirklich so dumm? Sie haben gewonnen!"

Dennoch ist Curtis davon überzeugt, dass Trumps Tage gezählt sind, die Anzeichen seien ja nicht zu übersehen. Und er sieht darin, in einem Anflug von Optimismus, die historische Chance für eine bessere Politik. Doch dazu müsse zuerst einmal eine Blase platzen. Und der Wille entstehen, sich einer Sache zu überlassen, die größer ist als man selbst. Sonst hält Curtis auch eine noch viel düstere Zukunft für durchaus denkbar. Die dafür Zuständigen stünden schon vor der Tür.