Man muss sich diesen Merkel-Satz noch einmal genau vor Augen führen: "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei." Das sagte die Kanzlerin im Bierzelt von Trudering am Wochenende, was in den amerikanischen Medien sogleich als Epochenbruch gewertet wurde, als schonungslose Bilanz des jüngsten G7-Gipfels, gar als Abkehr von der transatlantischen Orientierung der Deutschen. Merkel ergänzte unter Anspielung auf die Verhandlungen mit Trump in Sizilien: "Das habe ich in den letzten Tagen erlebt. Und deshalb kann ich nur sagen: Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen." Die dürftigen Ergebnisse des Gipfels von Taormina hatte sie am Tag zuvor als "sehr unzufriedenstellend" bezeichnet.

Über Merkels Rhetorik wurde oft geklagt und gespottet, über die Unschärfe und zuverlässig unklaren Bezüge gerätselt und gewitzelt. Wer oder was schafft etwas im berühmten "Wir schaffen das"? In welcher Hinsicht ist von Europa die Rede, wenn es heißt, Europa scheitere, wenn der Euro scheitere? Was geht unter Freunden ein bisschen, wenn das Ausspähen unter Freunden gar nicht geht? Es sind im Laufe der Kanzlerinnenjahre ein Stück weit sogar Sätze entstanden, die ganz in der Tradition paradoxfreudiger Aphorismen eines Blaise Pascal oder La Rochefoucauld stehen. Etwa: "Überall stoßen wir auf ein Denken, das kein Morgen kennt." Oder: "Alles, was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist." Oder: "Nicht jede heilige Kuh kann mit einem Prinzip gerechtfertigt werden."

Seltener, dann umso auffälliger schleicht sich auch die hamletsche Melancholie des einsamen Mächtigen in die Interviews. Man kann sich folgenden Passus gut auf der Bühne vorstellen, deklamiert von, sagen wir, Klaus Maria Brandauer: "Wir sind jetzt gerade im Sommer der Entscheidungen. Und dann kommen der Herbst und dann der Winter der Entscheidungen. Jetzt kommen überhaupt nur noch Entscheidungen." Wie denn überhaupt auffällig ist, dass Merkel, wenn es ums Allgemeinmenschliche geht, vom Schweigen viel zu sagen weiß: "Wenn man Verschiedenes denken will, braucht man vor dem Reden eine Phase des Schweigens." Und: "Man braucht das Schweigen, um klug reden zu können." Und: "Man bekommt beim Schweigen ganz gut ein Maß für die Zeit." Wenn die dramatische Melancholie das Unvermögen bezeichnet, eine chaotisch geratene Welt noch sprachlich zu erfassen, sind das Schweigen, die Stille, das existenzielle Verstummen nur konsequent. Da die immerzu von den Medien befragten Politiker aber schlecht schweigen können, sprechen sie auch mal notgedrungen über das Schweigen, wo sie selbst besser geschwiegen hätten. Auch daher rührt übrigens die ewige Klage in der Demokratie von den Phrasen und dem leeren Politikersprech.

Es soll, sagt Merkel nun, Zeiten gegeben haben, "in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten". Das ist auch hier naturgemäß unklar und schön zugleich: Wer sind die anderen? Sind es die Amerikaner oder, der Kontext der Rede legt es zumindest nahe, die Amerikaner und die Briten zusammen? Und wer ist "wir"? Die Deutschen mit den Franzosen allein, oder sind die Polen und Italiener auch dabei? Und überhaupt: Wann soll es diese Zeiten, "in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten", je gegeben haben? In der Amtszeit von Obama, als das Ausspähen unter Freunden gar nicht ging? Oder unter George W. Bush mit seinem Irakkrieg? Der Wortsinn trägt, wie bei jeder guten Literatur, nicht weit. Man muss den Satz als Hyperbel begreifen, als Rhetorik der Übertreibung. Gemeint ist nämlich: Es war schon immer schwierig mit unseren Verbündeten, sie spähten uns aus, zogen in dumme Kriege und so weiter, aber im Vergleich zur Gegenwart wirken diese Zeiten wie das Paradies, das völlige.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich überhaupt erst die auf den ersten Blick dunkle Einschränkung "ein Stück". An sich ist sie nämlich widersinnig. Wenn es Zeiten gegeben hat, in denen man sich "völlig" auf andere verlassen konnte, dann können diese Zeiten ja schlecht "ein Stück vorbei" sein. Völlige Verlässlichkeit ist da oder nicht da, aber niemals ein bisschen da oder ein bisschen weg. Man kann auch schlecht ein bisschen schwanger oder ein klein wenig tot sein. "Ein Stück vorbei" verweist auf eine graduelle Veränderung der Beziehung zu den "anderen" hin, auf keine prinzipielle wie "völlig". Es könnte natürlich, diplomatisch gesprochen, auch wieder eine Zeit kommen, in der die Verlässlichkeit "ein Stück" wiederkommt. Wenn sie "ein Stück" wiederkommt, dann wird sie gewiss auch nicht eine "völlige" sein. Die Idylle ist immer eine nie da gewesene Vergangenheit. Sie ist die aufklärerische Paradegattung der Entfremdung. Mit dem Locus amoenus, dem lieblichen Ort (Hirten, Schafe, der schlafende Löwe, ein ruhiger Hain, die Wasserquelle und so weiter), wird immer die Kehrseite der grässlich zivilisierten, verschlagenen, machtpolitisch versauten Gegenwart angezeigt. Die Präsidentschaft Obamas liegt heute im mythischen Arkadien, wo das Ausspähen nur ein liebevolles Umgarnen war. Sie ist weiter als nur ein Stück entfernt.