"Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen." Dieser, dem ersten Anschein nach selbstverständliche, Satz führt noch ein Stück weiter ins Aufklärungsdrama hinein. Die Heraufbeschwörung der idyllischen Vergangenheit war im 18. Jahrhundert Gegenwartskritik. Wenn es aus dem Unglück einen Ausweg gab, dann nur über den Weg der Selbstbestimmung, der autonomen, der frei gewählten Lebensführung. Man bleibt doch nicht da stehen, wo "der Zufall der Geburt" (Lessing) einen hinwirft, sondern befreit sich vom göttlichen Fatum wie auch vom willkürlichen Zugriff des Hegemons, der sich von Gottes Gnaden wähnt. Genau besehen ist die Wendung, man müsse das Schicksal in die eigene Hand nehmen, abermals widersinnig. Es zeichnet die Vorsehung ja gerade aus, dem menschlichen Zugriff entzogen zu sein. Mit dem Schicksal, das wir in die eigene Hand nehmen, mit dieser unmöglichen Wendung, die so harmlos klingt, ist ein ganzer Epochenumbruch markiert. Durch die Enthauptung des Königs wurde nicht einfach das Gottesgnadentum abgeräumt, durch sie war fortan jeder ein kleiner König mit seinen kleinen narzisstischen Störungen und seinem Glauben, das eigene Schicksal in die Hand nehmen zu können. Europa wird von Merkel, so besehen, in ein aufklärungsdramatisches Verhältnis zu Amerika gebracht. Es ist durch Trump aus dem Paradies verstoßen worden und findet notgedrungen zur aufklärerischen Selbstbestimmung.

Merkel sagt nicht "Wir Europäer müssen unser Schicksal in unsere eigene Hand nehmen". Sie fügt ein bestärkendes "wirklich" ein. Das ist recht präzise: Unsere Rhetorik ist schon lange aufklärerisch, wir haben den König geköpft, die Länder säkularisiert, das Volk als Souverän eingesetzt. Unsere Rhetorik war zwar die der Autonomie, aber sie verschleierte die Vormundschaft Amerikas. Merkel hat den Mut, den Schleier zu lösen. Aber viele andere dürften es in Zukunft als "sehr unzufriedenstellend" empfinden, wenn Europa sein Schicksal "wirklich" in die eigene Hand nähme und nicht mehr schwiege.

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