Hat sich Merkel von der transatlantischen Freundschaft verabschiedet?

Am Tag nach ihrer Rede ließ die Kanzlerin verbreiten, sie stehe selbstverständlich zur transatlantischen Allianz. Damit wollte sie nicht nur den Schall dämpfen, den ihre Bemerkung vom Sonntag auslöste, sie meint das auch so. Schließlich liegt es nicht im deutschen Interesse, dass die Amerikaner sich isolieren und auf allen wichtigen Feldern der Weltpolitik gegen die EU und die Bundesrepublik agieren. An demonstrativen Gesten deutscher Emanzipation ist ihr gewiss nicht gelegen, ohnehin ist es nicht so, dass Deutschland sich von den USA verabschiedet, sondern umgekehrt: Die USA ziehen sich vom alten Kontinent und aus seinen Nachbarschaftskonflikten zurück. Und dies nicht erst, seit Donald Trump Präsident ist, auch unter Obama ließen Kraft und Interesse hier schon sehr nach. (Tatsächlich ist ja zum Beispiel schwer zu erklären, warum die USA große Summen für die Verteidigung eines Kontinents ausgeben sollen, der in Gestalt der EU über ein fast genauso großes Bruttoinlandsprodukt verfügt, sich also genauso gut selbst helfen könnte.)

Haben die Reaktionen sie überrascht?

Wenn Merkel das transatlantische Verhältnis nicht beenden wollte, warum dann überhaupt die Aufregung? Sie selbst zeigte sich keineswegs überrascht von den weltweiten Reaktionen. Sie wusste um die Botschaft in der Botschaft. Das hat zu tun mit einer unausgesprochenen Voraussetzung dieser besonderen Beziehung. Transatlantisch bedeutete immer, dass die demokratisch verlässlichen USA auf die tendenziell unzuverlässigen Europäer aufpassen, dass sie diese deswegen auch dominieren dürfen, ja müssen. Dieser Führungs- und Pflegeanspruch speiste sich aus den Weltkriegen und aus dem Kalten Krieg, in dem die Amerikaner durch ihre Präsenz die Europäer vor den Expansionsgelüsten der Sowjets schützten. Erstaunlicherweise hat sich dieses asymmetrische Verhältnis bis zum vergangenen Sonntag gehalten, also mehr als ein Vierteljahrhundert länger als die Sowjetunion.

Indem Merkel nun ihrerseits die USA zum unzuverlässigen Partner erklärt, kündigt sie zwar nicht das transatlantische Verhältnis als solches auf, beendet wohl aber die darin enthaltene paternalistische Schräglage. Die deutsche Kanzlerin nimmt sich das Recht heraus, über den Zustand der USA öffentlich zu befinden. Mag sein, dass sie ihr negatives Urteil in ein paar Jahren revidiert, falls die USA wieder zu sich gekommen sein sollten. Aber das Recht zu urteilen wird sie sich nicht mehr nehmen lassen (und ihre Nachfolger auch nicht). Die Provokation liegt weniger im Urteil als im Urteilen. Allem Anschein nach sieht Merkel den Führungsanspruch der USA als verwirkt an. So erklärt sich die Wucht ihrer Worte.

War die Transatlantikerin Merkel denn wenigstens von sich selbst überrascht?

Diese Frau ist einen langen Weg gegangen bis Trudering. Merkel selbst erinnerte bei ihrer jüngsten Begegnung mit Barack Obama noch einmal daran, dass die USA schon ihr Sehnsuchtsland waren, als sie noch hinter der innerdeutschen Mauer lebte. Und auch als Politikerin hielt sie der etwas ungleichen Freundschaft zu den USA die Treue, so sehr, dass es sie fast ihre Karriere gekostet hätte. Denn als Schröder sein Nein formulierte, ließ die damalige CDU-Chefin von den USA aus verlauten, der Kanzler spreche nicht für alle Deutschen. Nah, verdammt nah ging sie da an ein Ja zum Irakkrieg. Erst als sie selbst Kanzlerin war, begann ein Lernprozess, der sie immer öfter zu eigenen, diskret vorgetragenen und geschickt verpackten Neins führte. Sei es bei der Libyen-Intervention, bei der Nato-Mitgliedschaft von Georgien und der Ukraine oder bei den von vielen in Washington vehement geforderten Waffenlieferungen an Kiew.

Bei diesen Gelegenheiten lernte sie auch die herrische Seite amerikanischer Außenpolitik kennen, ohne sich davon beeindrucken zu lassen. Immerhin schützt ihre proamerikanische Herkunft Merkel davor, nun zum Ausgleich der Unzuverlässigkeit des Partners aus Übersee naiv über den östlichen Nachbarn zu denken. An ihrer Haltung zu Putin ändert sich auch durch die Rede vom vergangenen Sonntag nichts. Im Gegenteil, nur weil sie nach Osten hin gefestigt ist, konnte sich Merkel nach Westen hin diese Kritik erlauben.

Warum traute sie sich das?

Eines kann man mit Sicherheit sagen: Ohne den Sieg von Emmanuel Macron in Frankreich hätte es die Rede im Bierzelt nicht gegeben. Nur weil die autoritären Kräfte in Europa erst mal gestoppt sind, kann die deutsche Kanzlerin überhaupt auf europäische Stärke setzen. Dennoch ist die Hypothek, die sie da aufnimmt, gewaltig. Einfach weil die EU längst nicht schnell genug in das Vakuum vorstoßen kann, das die unzuverlässigen und sich selbst schwächenden Amerikaner hinterlassen. Vor allem sicherheitspolitisch bleibt da vorerst eine gefährliche Lücke. Trump unterminiert mit seiner Weigerung, den Beistandsartikel des Nato-Vertrages zu bekräftigen, die Glaubwürdigkeit der Allianz – und die Europäer kommen noch lange nicht ohne US-Militär aus, sollte Putin zu Abenteuern aufgelegt sein. Und nur weil die USA den Mittleren Osten ins Chaos gestürzt haben, sind die Europäer noch lange nicht in der Lage, dort eine neue Ordnung zu errichten. Merkel weiß, dass die EU nicht alles ohne die USA machen kann – aber vieles.

Wie will sie jetzt weitermachen?

Die Kanzlerin hat sich offenkundig dazu entschlossen, zur Not auch gegen die USA zu handeln. Einen ersten spektakulären Erfolg erzielte sie da beim G7-Gipfel, wo es ihr gelang, eine Konstellation 6 gegen 1 herzustellen. Sogar Japan und Kanada zog sie dabei auf ihre, auf die europäische Seite. Das ist nun wohl ihr Motto: Lieber nicht mit allen entscheiden als nichts entscheiden, lieber die USA isolieren als die Vernunft suspendieren. Danach wird sie sich auch beim bevorstehenden G20-Gipfel verhalten. Entweder Donald Trump ändert seine Politik oder zumindest seine Taktik, oder es könnte 19 zu 1 ausgehen. Noch besser 18 zu 2, USA und Saudi-Arabien. Säbeltanz macht einsam.