Lange bevor die Geschichte von Rheinland-Pfalz begann, war er hier zu Hause – ein etwa vierzigjähriger Mann, dessen Schädeldecke Axel von Berg aus dem Boden gekratzt hat. Vor 170.000 Jahren könnte der einstige Besitzer des Knochens hier gestanden haben, an diesem alten Siedlungsplatz unweit von Bassenheim, erzählt von Berg. Dann blickt der Archäologe zum Horizont und versetzt seine Zuhörer in die Zeit des Mittelpleistozäns: Auch der Urbewohner hätte den Hochsimmer und den Hochstein sehen können. Damals aber lag vor diesen zwei Vulkankegeln der Eifel eiszeitliche Tundra, mit Birken und Kiefern. Ab und zu entdeckte der Vorfahr wohl einige Elefanten und Saiga-Antilopen. Oder vorbeiziehende Nashörner, behaart wie Mammuts.

"Hier zerlegten sie die Tiere, hier räucherten sie das Fleisch", erklärt von Berg die Bedeutung des Siedlungsplatzes. Der Landesarchäologe von Rheinland-Pfalz zeigt auf einer Reise durch sein Bundesland, wie reich es an archäologischen Schätzen ist. Da wären etwa die Knochen und Steinartefakte, die er an diesem Platz gefunden hat. Es sind Gebeine von Beutetieren und Originalklingen jener Menschen, die in der Steinzeit hier rasteten und jagten. Sie zertrümmerten die Skelette von Hirsch und Rentier, Elefant und Pferd und pulten das Mark aus deren Knochen.

Zwei bis drei Meter große Steinkreise markieren Plätze, an denen die Jäger vermutlich ihre Zelte aufstellten. Die besondere Geologie machte ihnen hier das Überleben während der vorletzten Eiszeit erst möglich. Der vulkanische Untergrund in den vielen Kratermulden des Karmelenbergs war ein prima Wärmespeicher. Ohne diesen Puffer, der täglich die Sonnenenergie konservierte, wäre es zu kalt gewesen, kein Mensch hätte es in der Gegend ausgehalten.

Von hier stammt der weltweit älteste Fund eines klassischen Neandertalers

Gut zu sehen vom Siedlungsplatz aus ist auch der Fundort des Schädels beim Örtchen Ochtendung. Drei Stücke hatte von Berg 1997 dort geborgen und zusammengefügt – die Überreste eines Neandertalers, wie die anschließende anthropologische Analyse ergab. Besonders die Datierung erwies sich als kleine Sensation: Bei dem Jäger aus der Osteifel handelt es sich um den bislang ältesten klassischen Neandertalerfund.

So ein bemerkenswerter Neandertalerknochen würde die Vita jedes Professors schmücken. Für Axel von Berg war es nur ein Höhepunkt unter vielen. Dem 56-Jährigen ist auch der älteste Faustkeil im Bundesland Rheinland-Pfalz in die Hände gefallen, 800.000 Jahre alt. Beim Ausgraben einer römischen Siedlung im Kreis Cochem-Zell stieß er auf zwei Keramikgefäße, darin der Inhalt einer Soldkasse, bestehend aus 22.000 prägefrischen Münzen. Bei Kobern-Gondorf kratzte er aus dem Brunnen einer keltischen Siedlung einen Schädel, wie man ihn nur selten findet – Kelten hatten ihn mit einem massiven Eisennagel durchbohrt. Und erst vor eineinhalb Jahren ortete der Landesarchäologe unweit von Trier jenes lange gesuchte Schlachtfeld von Riol, auf dem sich kurz nach Neros Tod Römer und Treverer bekämpft hatten (ZEIT Nr. 23/16).

Ist von Berg also ein außergewöhnlicher archäologischer Glückspilz? Ja und nein. Denn deutschlandweit betrachtet sind die Bedingungen höchst unfair verteilt. Ein Hamburger Archäologe, einer aus Berlin oder Schleswig-Holstein muss lange suchen, um auf weit zurückliegende Zeugnisse menschlicher Präsenz zu stoßen. Wer dagegen in Rheinland-Pfalz in Diensten der Bodendenkmalpflege steht, der findet zwangsläufig fast täglich archäologische Schätze.

60 Großgrabungen und 900 Fundbergungen pro Jahr

Seit mehr als 800.000 Jahren besiedeln Menschen und ihre Ahnen jene Gegend, durch die sich Rhein, Mosel, Lahn, Saar und Nahe ziehen. Wer immer hier anlandete – Germanen und Kelten, Römer und Hunnen, Franken und Friesen –, hinterließ Spuren, die von späteren Generationen geborgen wurden. Haushaltsmüll, Siedlungsreste und Grabinhalte sind in Jahrtausenden zu Geschichten erzählenden Kostbarkeiten geworden, für die sich Forscher und Museumskuratoren interessieren.

"Wo immer einer sein Windrad hinstellen will, liegt schon einer in seinem Grabhügel"

Von der Fülle im Untergrund hat sich nun die dortige Generaldirektion Kulturelles Erbe inspirieren lassen und ihre aktuelle Landesausstellung zu einer Leistungsschau gemacht. Darin geht der Blick nicht nur die "archäologischen" 800.000 Jahre zurück. Ebenso Thema ist die Zeit vor den frühen Menschen. Auf immerhin 400 Millionen Jahre Erdgeschichte, dokumentiert in tierischen und pflanzlichen Fossilien, kann die Gegend zurückblicken.

Von Bergs Mitarbeiter rücken immer dann aus, wenn eine neue Siedlung oder auch nur eine Unterkellerung geplant ist. In der Vergangenheit war es vor allem der Rohstoffabbau, etwa von vulkanischem Bimsstein, der dem Land archäologische Preziosen bescherte. Am sichersten, etwas zu finden, können die Denkmalschützer dann sein, wenn Energieerzeuger ein Windrad aufstellen möchten. Die suchen sich partout immer jene exponierten Plätze auf den Höhen aus, für die schon Jahrtausende zuvor die Kelten eine Vorliebe hatten. "Verlassen Sie sich drauf", sagt von Berg, "wo immer einer sein Windrad hinstellen will, da liegt schon einer in seinem Grabhügel."

© ZEIT-Grafik

Die neuen Prospektionsmethoden haben die Zahl möglicher Funde noch erhöht. Luftbildarchäologie und geomagnetische Suchgeräte ermöglichen es, Gebäudereste aufzuspüren, ohne das Erdwerk aufzugraben. Laserscans aus der Luft auszuwerten ist nichts anderes als virtuelles Bäumefällen: Die optisch störende Vegetation lässt sich aus den Bildern leicht herausrechnen; damit ist der Blick ist frei auf die Vergangenheit ganzer Hügelketten.

Doch Schätze orten heißt nicht, sie auch zu heben. Mit rund sechzig Großgrabungen und neunhundert Fundbergungen pro Jahr sind die rheinland-pfälzischen Denkmalschützer gut ausgelastet. Aktuell ergraben von Bergs Mitarbeiter in Polch die Reste eines riesigen römischen Gutshofs. Die Besonderheit in diesem Fall: aufwendige, mit Schiefer ausgekleidete Wasserleitungen in vier bis acht Meter Tiefe. Im 2. Jahrhundert erbaut, führten sie über mehrere Hundert Meter Grundwasser heran.

"Man muss sich Gärten, Zierteiche und Bäder vorstellen", sagt Cliff A. Jost, der zuständige Archäologe vor Ort. Die Siedlung muss von einem schwerreichen Bauherrn finanziert worden sein. Jost ist überzeugt, dass er für diese Hightech-Konstruktion nicht einfach Arbeiter aus der Gegend beauftragt haben konnte. Schließlich musste nicht nur das Gefälle minutiös berechnet werden. Auch der Bau selbst war komplex. Erst wurden Schächte in den Boden getrieben, dann wurde von dort aus in zwei Richtungen gegraben, bis der Untergrund über die gesamte Distanz ausgehöhlt war. Danach wurden die senkrechten Löcher wieder verfüllt. Spezialfirmen seien damals durch die Lande gezogen, erzählt Jost: "Sie gaben Offerten ab und lieferten Infrastruktur gegen Fixpreis."

"Die Ausgrabung ist immer nur eine Notlösung"

In Polch wird das Industriegebiet vergrößert, was den Ausschlag für die Ausgrabung gab. Ganz typisch für die Region: Unter den römischen Spuren tauchten noch deutlich ältere Zeugnisse auf, Bandkeramik aus dem 6. Jahrtausend vor Christus sowie Gräber aus der Bronze- und Eisenzeit – 8.000 Jahre Zivilisation übereinandergeschichtet.

"Die Ausgrabung", sagt Axel von Berg, "ist immer nur eine Notlösung." Trotz aller Freude über spektakuläre Funde gehe es gar nicht darum, weitere Beute zu machen. Im Gegenteil, die Archive seines Bundeslandes seien eh schon voll. "Vorrangiges Ziel ist es, die Hinterlassenschaften im Boden zu belassen." Nur so sei sichergestellt, dass künftige Generationen solche Kulturgüter im Originalkontext erforschen könnten: "Das archäologische Archiv im Boden ist endlich. Es erneuert sich nicht und bedarf daher eines besonderen Schutzes."

Aus diesem Grund lässt er auch seine Finger vom Fürsten in Lonnig. Von Berg ist sich ziemlich sicher, dass im Landkreis Mayen-Koblenz ein solcher im Boden liegt. Die Bedeutung des potenziellen Superfundes setzt er in einem spontanen Ranking auf die Stufe mit dem berühmten Keltenfürsten von Hochdorf. Den hatten einst die Hinterbliebenen mit großem Prunk ins Jenseits geschickt: auf einer Liege aus Bronze, hoch dekoriert mit Geschmeide aus purem Gold.

Siebzig Meter groß ist der Grabhügel, den von Berg für den Superschatz im Auge hat. Zehn Meter hoch schütteten die keltischen Bestatter die letzte Ruhestätte auf. Der Archäologe ist überzeugt, dass er – wie die baden-württembergische Konkurrenz – einen Protagonisten der keltischen Elite im Boden seines Bundeslandes liegen hat. Doch heben will er den Schatz nicht. Er kann ihn entspannt seinen Nachfolgern hinterlassen. Was er in seinem Archäologenleben alles gefunden hat, ist ihm längst genug.

Zumindest fast. Etwas käme ihm noch gelegen. Der eine Neandertalerfund vor zwanzig Jahren im Vulkankrater der Südosteifel, der ist einmalig geblieben auf dem sonst so üppig mit Altertümern bestückten Territorium dieses jungen Bundeslandes. "Ein zweiter Neandertaler, das wär’s!", sagt er und grinst entschlossen ins grelle Sonnenlicht. "Die Typen haben es mir echt angetan."

"vorZeiten – Archäologische Schätze an Rhein und Mosel". Die Ausstellung im Landesmuseum Mainz dauert bis zum 29. Oktober 2017