DIE ZEIT: Sie sind Frankreichs bekanntester Mathematiker, haben die Fields-Medaille gewonnen, quasi den Nobelpreis für Mathematik, und leiten das ehrwürdige Institut Henri Poincaré in Paris. Nun kandidieren Sie für die Partei von Emmanuel Macron bei der Parlamentswahl im Juni. Was bewegt einen Forscher zu diesem Schritt?

Cédric Villani: Ich bin seit Jahren politisch aktiv und trug schon lange die Idee mit mir herum, irgendwann tiefer in die Politik einzusteigen. Dennoch hätte ich noch vor zwei Monaten nicht gedacht, dass ich fürs Parlament kandidieren würde. Aber in der französischen Politik ist im Moment alles neu und überraschend.

ZEIT: Seit wann kennen Sie Emmanuel Macron?

Villani: Ich habe ihn 2013 kennengelernt im Rahmen meiner Aktivitäten für den Thinktank EuropaNova. Er hat uns bei der Organisation einer Konferenz geholfen. Und als vor einem halben Jahr klar wurde, dass seine Bewegung En Marche sehr europafreundlich ist und auch ein großes Echo in der Bevölkerung erfährt, habe ich meine Unterstützung öffentlich gemacht. Bei seinen Versammlungen sah man Tausende Menschen, die "Europa, Europa!" riefen, so etwas hatte es noch nie gegeben. Macron war mir immer schon sympathisch, aber als Direktor eines Forschungsinstituts kann man sich politisch nicht so frei äußern.

ZEIT: Was, außer seiner Europafreundlichkeit, verbindet Sie mit Macron?

Villani: Dass er sich weder links noch rechts positioniert. Er erneuert das politische Spiel und bezieht eine Menge Leute ein, die keine Profipolitiker sind. All das fand ich wichtig. Irgendwann war der logische nächste Schritt für mich: Da mache ich mit. Meine Wahlkampagne begann am Tag nach der Präsidentschaftswahl, sie wird sehr kurz sein, am 18. Juni ist alles vorbei. (Villanis Handy klingelt, er redet kurz) Das war mein Wahlkampfmanager, der arme Kerl hat in den ersten Wochen des Wahlkampfs auf einer Matratze in meinem Wohnzimmer kampiert.

ZEIT: Wie hat die Öffentlichkeit auf Ihre Kandidatur reagiert?

Villani: Wahrscheinlich wurde ich von den Kandidaten ohne politische Vergangenheit am schärfsten beäugt, als Spezialist, der auf seinem Feld Kompetenz bewiesen hat und nun in die Politik gehen will.

ZEIT: Ist Politiker kein Beruf, den man erlernen muss?

Villani: Ich lerne den Job draußen in der Wirklichkeit wie auch aus Büchern. Ich arbeite viel, und ich erfahre viel Unterstützung. Die Leute wollen wirklich Erneuerung sehen.

ZEIT: Falls Sie gewinnen, wird das ein Fulltimejob?

Villani: Ich werde sicherlich einige andere Ämter niederlegen müssen, insbesondere den als Direktor des Institut Henri Poincaré in Paris.