Diese Morde haben sich eingeprägt: Vor bald hundert Jahren, im Januar 1919, wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg umgebracht. Einerseits war die Tat, die von Freikorps unter Führung des Hauptmanns Waldemar Pabst begangen wurde, ein einzigartiges Ereignis der deutschen Geschichte mit fortdauernden Auswirkungen. Andererseits ist dieses Gewaltszenario typisch für Vorgänge, wie sie sich in den Verliererstaaten nach dem Ersten Weltkrieg wiederholt nachverfolgen lasen. Schon deshalb missfällt dem Historiker Robert Gerwarth der Begriff "Zwischenkriegszeit" als Zustandsbeschreibung. Denn es herrschte immerzu bewaffnete Gewalt: Die Jahre zwischen 1917 und 1923 verzeichneten hohe Opferzahlen.

Woher kam diese Gewalt? Gerwarths neues Buch Die Besiegten widmet sich dem Erbe des Ersten Weltkriegs. Er hält die "stahlgewittrige" Erfahrung des Schützengrabens als Grund für die anhaltende Brutalisierung der Nachkriegsjahre für überschätzt. In den marodierenden Freischärler-Verbänden war die Zahl derer überproportional hoch, die gar keine Fronteindrücke gesammelt hatten. Gerade sie neigten stark zu Gewaltexzessen, als wollten sie etwas kompensieren. Zudem blieb eine entsprechende Militarisierung von britischen und französischen Soldaten trotz vergleichbarer Kriegserlebnisse aus.

Der Erste Weltkrieg schuf die Voraussetzungen für die Nachkriegsgewalt, war aber nicht deren Ursache. Diese lag vielmehr in der Verknüpfung von Niederlage, Revolutionen und Konterrevolutionen und imperialem Zerfall. Mit diesen Stichworten sind die drei Hauptabschnitte betitelt, in die Gerwarth das Buch Die Besiegten gliedert, das mit großem Weitblick bei Kenntnis im Detail ein breites, einzelne Länder überspannendes Panorama von blutigen Konflikten und Bürgerkriegen, Morden und Vertreibungen, politischen und ethnischen "Säuberungen" eröffnet. Es ist ein beunruhigendes Lehrstück über Eigendynamik gewinnende Gewalt in Zeiten, die aus den Fugen geraten sind.

In den Bruchzonen der alten Reiche der Hohenzollern, Habsburger und Romanows, die Gerwarth neben dem taumelnden Osmanischen Reich, aber auch weiteren Ländern wie dem nur unglücklich siegreichen Italien in den Blick nimmt, spielten sich dabei besonders viele und besonders heftige Gewaltexzesse ab. Staatliche Kontrolle existierte dort kaum noch, und multiethnisches Zusammenleben, das zu imperialer Zeit durchaus funktioniert hatte, galt nunmehr als Bedrohung.

Der Gedanke der nationalen "Reinheit" kam gleichsam als Kehrseite des Drangs nach "Selbstbestimmung" und düster in die Zukunft weisende Losung auf. Zur Radikalisierung trugen zudem die anfangs fast friedliche Russische Revolution ("ein chirurgischer Coup") und der anschließende, die Bevölkerung dezimierende Bürgerkrieg bei, den Gerwarth in seiner ganzen Brutalität eindringlich schildert. Es entstand hier, aber auch im Kampf um die Räterepubliken in Ungarn und Bayern eine unheilvolle Dynamik aus "rotem" und "weißem Terror", wobei die konterrevolutionäre Reaktion an Härte und Erbarmungslosigkeit kaum zu überbieten war.

In der zeitgenössischen westlichen Presse stand der "rote Terror" im Mittelpunkt, während der "weiße", wie Robert Gerwarth festhält, "weitgehend verschwiegen" wurde. Nicht immer ging es um reale Bedrohungsszenarios. Mindestens genauso wichtig waren Wahrnehmungen, Stimmungen und Gerüchte, die in Zeitzeugenberichten lebendig werden. Es ist seit Langem bekannt, wie übersteigert die Bolschewismusfurcht zumal in mehrheitssozialdemokratischen Kreisen während der Novemberrevolution war.

Statt dies aber im Rückblick besserwisserisch zu rügen, gilt es, die Geschichtsmächtigkeit einer solchen Fehlannahme nüchtern in Rechnung zu stellen. So ist Gerwarth weit entfernt davon, den Stab über die gemäßigten Revolutionäre, vorneweg Reichspräsident Friedrich Ebert, zu brechen. Angesichts der ungeheuren Herausforderungen, die sich innerhalb kürzester Zeit stellten, lobt Gerwarth den Pragmatismus Eberts an der Spitze einer "unerfahrenen Regierung". Der übersteigerten Sorge vor "russischen Verhältnissen" stand immerhin der berechtigte Wunsch nach Wiederherstellung von staatlicher Ordnung sowie nach der Etablierung einer parlamentarischen Demokratie gegenüber.

Indem Ebert allerdings bewaffnete Freikorps zur Abwehr der radikal linken Bedrohung ab der Jahreswende 1918/19 einsetzte, unterschätzte er den Charakter und die Skrupellosigkeit dieser Verbände. "Man redete uns vor, dass der Krieg nun zu Ende sei", zitiert Gerwarth einen Aktivisten aus ihren Reihen: "Wir lachten darüber. Denn der Krieg, das waren wir selbst." Dieser Satz gibt einer selbstreferenziellen Gewaltlogik Ausdruck, die sich nicht von irgendeiner Regierung – und schon gar nicht von einer demokratisch legitimierten – bändigen lassen wollte. Die Lust an der Zerstörung stand für sich, wenngleich sie von radikalisierend wirkenden Ideologien und Geschichtsmythen wie der "Dolchstoßlegende" noch zusätzlich befeuert wurde.

Eine klare Weltanschauung und ein positives Programm fehlten diesem Aktionismus, der mal monarchistische, mal protofaschistische, mal neokonservative Züge annahm. Einigkeit bestand vor allem darin, republikanische Regierungen und kommunistische Regungen niederzuringen. Ihren "inneren" Gegner sahen die bewaffneten Verbände unter den als "gemeinschaftsfremd" stigmatisierten linken Politikern und Intellektuellen, unter "den Juden" und "politisierten" Frauen.

Gerwarth sensibilisiert für das grenz- und länderübergreifende Agieren dieser nationalistischen Paramilitärs mit internationalistischem Anspruch – einem Anspruch, den sie erstaunlicherweise mit westlichen Demokratien und östlichem Bolschewismus teilten. Davon legte auch der eingangs erwähnte Waldemar Pabst Zeugnis ab. Nach dem Mord an Luxemburg und Liebknecht und nach dem gescheiterten Kapp-Putsch führte ihn sein Weg ins aufgelöste Habsburgerreich zur Stärkung der österreichischen "Heimwehrbewegung", bevor er Pläne für eine "Weiße Internationale" schmiedete. Antisemitismus und Antibolschewismus gingen eine "unheilige Allianz" ein. Die Erfahrungen rund um das Ende des Ersten Weltkriegs lösten bei Pabst eine politische Radikalisierung aus und riefen eine zunehmend expansive, geradezu globale Erwartungshaltung hervor. Dies verband ihn mit einer ganzen Reihe deutscher, österreichischer und ungarischer Nationalsozialisten. Er mag es nicht sogleich geahnt haben: Schon im Moment der Niederlage stand er weder allein noch auf verlorenem Posten.

Robert Gerwarth: Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs; aus dem Englischen von Alexander Weber; Siedler Verlag, München 2017; 480 S., 29,99 €, als E-Book 23,99 €