Der junge Mann Macron hat die europäische Bühne betreten, und Schäuble, der böse alte Mann Europas, muss langsam gehen. Die politische Vertiefung der EU, in Deutschland so oft rhetorisch beschworen, zuletzt in der Rede der Kanzlerin in München-Trudering, und dann doch immer wieder abgeperlt an der undurchlässigen Folie haushalterischer Vernunft, wird nun ernsthaft eingeklagt, mit den entsprechenden Folgen für eine gemeinsame Verschuldung, andere sagen: für Solidarität. Niemand weiß, ob daraus etwas wird. Sicher ist bloß, dass Angela Merkel nicht mehr die Leitfigur der europäischen Einigung sein wird, auch wenn sie es im Wahlkampf für sich reklamieren wird.

Dass Merkel eine große Europäerin sei (und alle Deutschen in ihr), gehört zu den subtilen Verzerrungen des deutschen Selbstbilds. Unter dem Schock der Trump-Wahl hatte die New York Times sie im November zum "letzten mächtigen Verteidiger Europas" ausgerufen. Das schmeichelte, aber richtig ernst nahm es keiner. Langsam, sehr langsam sickert durch, dass die Perlenschnur der internationalen Krisen auch ein wenig mit dem praktizierten Nationalismus der Deutschen zu tun haben könnte. Das wird in Deutschland ungern gehört. Der Export- und Moralweltmeister lebt ganz aus der Eigenperspektive. In großen Nationen ist das so, die sich um die Ansichten der anderen nicht bekümmern müssen. Die Bundesrepublik ist jedoch keine alte Großmacht, kein Kontinent für sich, nicht einmal eine Insel, und das Desinteresse an den Urteilen der anderen ist eher ein Indiz dafür, dass man lieber nicht wissen möchte, wie groß man in Wirklichkeit ist.

Ist eine solche Befangenheit schon Nationalismus? Normalerweise fällt das Selbstbild eines Landes durch ein Vergrößerungsglas und geht den Nachbarn auf die Nerven. Der deutsche Nationalismus ist weder stolzgeschwellt noch wild, noch arrogant. Er ist fein und schwierig und gelangt als das Negativ eines überbordenden Nationalgefühls zum Ausdruck. Wenn nötig, besonders wenn die Quellen des deutschen Wohlstands zur Debatte stehen, wird ein Verkleinerungsglas in Anschlag gebracht. Der damalige polnische Außenminister Radosław Sikorski meinte 2011, er fürchte "die deutsche Macht" inzwischen weniger als "die deutsche Untätigkeit". Auch strategische Selbstverkleinerung kann ein Zeichen von Nationalismus sein.

Beobachter sprechen seit der wirtschaftlichen Erholung von 2005 von der Bundesrepublik als geo-economic power. Sie ist ein Schwergewicht des internationalen Handels, der wichtigste europäische Kreditgeber, insgesamt bleibt sie aber eine zweitrangige Macht ohne nennenswerte Streitkräfte, ohne nukleares Drohpotenzial und ohne ausgeprägtes regionales Dominanzverhalten. Deutschland sucht seine Rolle im Rahmen internationaler Kooperationen, stärkt supranationale Einrichtungen, sichert Frieden und Menschenrechte und befördert Demokratisierungsbestrebungen in vielen Ländern. Seine Außenpolitik setzt auf internationale Konsensbildung und dringt auf normative Standards.

Im Inneren besteht Vertrauen in den eigenen Weg der Haushalts- und Staatsführung. Das erlaubt hohe Gerechtigkeitserwartungen, und diese werden – linke Parteien deuten das zu ihrem eigenen Schaden anders – von der Mehrheit der Bevölkerung auch als im Prinzip erfüllt oder erfüllbar angesehen, sie werden jedenfalls nicht zum Anlass genommen, die Politik grundlegend zu verändern. Aller Voraussicht nach bleibt auch der Rechtspopulismus in Deutschland randständig. Die archaisierende Feier des biodeutschen Ethnos fiel bisher aus, und eine ausgreifende Menschenrechtsmoral bestätigte sich erneut als Normhaltung. Deutschland hat seit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts von 1999 seinen Demos beständig erweitert, also mehr Teilhabe an der politischen Gemeinschaft zugelassen. Es wird auch die migrantische Integration bewältigen und xenophobe Haltungen zähmen (mit hässlichen Ausnahmen). Es wird tief greifende innenpolitische Krisen zu vermeiden wissen und, anders als in Frankreich oder Italien, sein Parteiensystem erhalten (mit schweren Dellen für einige Parteien).

Das Ganze ist ein Komplex mit hoher Legitimität, aus deutscher Sicht: das Modell für Europa. Was die eigenen Werte anlangt, wurde Ex-Außenminister Steinmeier nicht müde zu betonen, müsse man sich "in der Welt verständlich machen" und "für seine Positionen werben." Tatsächlich wird dieser missionarische Export von Werthaltungen bis heute als charakteristischer Zug deutscher Politik wahrgenommen, ja sogar als smarte Machtpolitik. Dass die deutsche Stabilität, die solide Haushaltsführung ebenso wie die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, auch an der Konstruktion der gemeinsamen Währung hängt, ist kein Geheimnis. Von außen hat das Modell also sehr wohl mit Egoismus und Nationalismus zu tun, aber dazwischen klafft nach wie vor eine Wahrnehmungslücke. Und diese Lücke ist in Deutschland keineswegs Gegenstand der Beobachtung. Es ist der klassische Fall, dass sich eine Sichtweise selbst unsichtbar macht und dort schon Realität unterstellt, wo nur die eigene Perspektive eine solche erzeugt.

Um 2010 setzte sich im Zuge der griechischen Haushaltskrise unter Beobachtern endgültig die These von der deutschen Hegemonialität in Europa durch. Nur die geoökonomische Macht im Zentrum konnte schwere Marktverwerfungen und den Zerfall des politischen Einigungsprojektes verhindern. Der Preis für diese Zuschreibung war mittelfristig hoch: In Frankreich feuerte die deutsche Vorherrschaft einen isolationistischen Populismus an, der auch mit Macron nicht verschwunden ist. Großbritannien wiederum konnte, einer alten politischen Gleichgewichtsdoktrin folgend, nie die Vormacht eines Landes auf dem Kontinent dulden. Doch nun gab es diese. Auch dieser Umstand trug später zur Brexit-Entscheidung bei.

Das deutsche Selbstbild lädt zum Merkeln ein

Ungewollt in eine hegemoniale Rolle manövriert, sicherte die Bundesrepublik den Fortbestand der Euro-Zone, indem sie hohe Risiken übernahm. In gewohnter Manier vertrat sie dabei die Prinzipien ihrer politischen Kultur gegenüber den Partnerstaaten offensiv: einen in ihren Augen bewährten Ordoliberalismus, orientiert an Preisstabilität, fairem Wettbewerb und Haushaltsdisziplin, flankiert durch eine hohe Sparquote, vor allem aber ausgerichtet an der Norm unbedingter Regelkonformität. Was dann als "Austeritätspolitik" auf Widerstand stieß und einen europäischen "Süden" mit ganz anderen Vorstellungen von gemeinsamer Finanzpolitik entstehen ließ, nahm der deutschen Vorherrschaft allerdings die Spitze.

Es misslang am Ende, den europäischen Ländern die eigenen politischen Vorstellungen aufzuzwingen. Und selbst wenn ihm das selbst damals nicht unlieb war, dergleichen muss ein Hegemon können – und so war Deutschland wiederum keiner. In den drei Krisen der jüngeren Vergangenheit gab die Bundesrepublik am Ende keine starke Figur ab: Die Euro-Krise konnte gegen den deutschen Willen faktisch nur durch gemeinsame Verschuldung gebändigt werden; in der Flüchtlingskrise gelang es der Bundesrepublik nicht, das Dubliner Abkommen zu retten; in der Ukrainekrise trug sie zwar Sanktionen gegen Russland mit, verhinderte aber einen harten Kurs gegen den Aggressor. Schwer zu sagen, ob der Hegemon keiner sein konnte oder wollte. Die deutsche Politik manövrierte sich mehr als einmal in eine Zwangslage, und das deutsche Krisenmanagement wurde jeweils zu einem Bestandteil der Krise.

Es ist für die deutsche Bevölkerung nicht mehr klar, ob die Bundesregierung das deutsche Modell samt den Unwuchten, die es in Europa erzeugt, verteidigen wird oder sich am Ende doch der Architektur einer Fiskalunion anschließt. Es bleibt auch unsicher, ob Deutschland sich beim Aufbau einer europäischen Verteidigung substanziell engagieren wird. Sicher ist nur, dass der Erhalt der gemeinsamen Währung ein echtes nationales Interesse darstellt. Daran hängt der Binnenmarkt mit allen Vorteilen für die Exportwirtschaft. Doch bis zu welchem Preis wird Deutschland das marode Euro-Regime aufrechterhalten?

Hans-Dietrich Genscher meinte 2015, ein halbes Jahr vor seinem Tod: "Unsere Zukunft ist Europa – eine andere haben wir nicht." Es scheint, als teilten die meisten Deutschen diese Ansicht, bloß dass verschwommen bleibt, was dies genau heißt. Wenn der europäische Hegemon verantwortlich handelt, soll er dann seine Interessen durchsetzen oder sie gerade um höherer, gemeinsamer Ziele willen zurückstellen? Die von Wahlen gejagte und in Klientelpflege absorbierte deutsche Parteipolitik gibt darauf keine Antwort. Die Bevölkerung beobachtet, dass die einfachen, die Kissinger-Fragen offengeblieben sind: "Was wollen wir unbedingt erreichen? Was wollen wir unbedingt verhindern?" Für das Durchlavieren der deutschen Politik, für ihr Zeitschinden und ihre Entscheidungsvermeidung gibt es ein englisches Verb: to merkel.

Die merkelnde Selbstverkleinerung spielt sich nicht nur "draußen" im Diplomatischen ab, sie ruft auch Verunsicherung im Inneren hervor. Die Stimmung im Stabilitätsland wird nervöser, während sich die Bevölkerung in Versuchen der Selbstvergewisserung übt. Wo Zukunftsfragen unbeantwortet bleiben, schieben sich langsam Identitätsfragen vor sie. Es ist dann kaum verwunderlich, dass keine dieser in der Mitte ebenso wie an den politischen Rändern betriebenen Selbstbild-Justierungen zu dem Schluss gelangt, die Hegemonialität in Europa, der robuste Weg in Richtung auf mehr sicherheitspolitische Autonomie bei gleichzeitiger ökonomischer Verzichtsbereitschaft, sei das richtige Format für die Bundesrepublik. Alle Antworten sind vom Wunsch getragen, das Land möge kleiner sein als seine Fremdzuschreibungen. Ein Nationalismus der Größe existiert schlechterdings nicht. Der Macht dieses Landes, so unbestimmt, so ungeprüft sie auch sei, entspricht keinerlei Ideologie. Die Position, die ihm mittlerweile international zugemessen wird, erfüllt keine gesellschaftliche Erwartung.

Aber dagegen spricht doch, dass die Bevölkerung inzwischen Auslandseinsätze der Bundeswehr akzeptiert? Eine verbreitete pazifistische Haltung und eine universalistisch ausgerichtete Menschenrechtsmoral erhalten jedoch die Skepsis ihnen gegenüber aufrecht. Auf öffentliche Akzeptanz – auch auf die Zustimmung des Parlamentes – kann sich eine deutsche Regierung nur dann verlassen, wenn sie darlegt, dass solchen Einsätzen keine strategische Politik zugrunde liegt, sondern Krisenlagen, die ein Eingreifen humanitär rechtfertigen. Das Militärische muss Ausnahmecharakter tragen, kann in Deutschland im Grunde niemals Mittel zu einem politischen Zweck, also nie Ausdruck einer Interessenlage sein.

Die Berufung auf die deutsche Vergangenheit wird weiter erlauben, schwierige bündnispolitische Entschlüsse gemäß innenpolitischer Opportunität und innerdeutschen Meinungslagen zu fassen. Das Ausland erkennt darin lange schon einen Zug von Unberechenbarkeit. Eine regionale Führungsmacht verhält sich anders. Das deutsche Selbstbild lädt zum Merkeln ein. Die stärkste Nation Europas hat sich erfolgreich eingehaust.