Ungewollt in eine hegemoniale Rolle manövriert, sicherte die Bundesrepublik den Fortbestand der Euro-Zone, indem sie hohe Risiken übernahm. In gewohnter Manier vertrat sie dabei die Prinzipien ihrer politischen Kultur gegenüber den Partnerstaaten offensiv: einen in ihren Augen bewährten Ordoliberalismus, orientiert an Preisstabilität, fairem Wettbewerb und Haushaltsdisziplin, flankiert durch eine hohe Sparquote, vor allem aber ausgerichtet an der Norm unbedingter Regelkonformität. Was dann als "Austeritätspolitik" auf Widerstand stieß und einen europäischen "Süden" mit ganz anderen Vorstellungen von gemeinsamer Finanzpolitik entstehen ließ, nahm der deutschen Vorherrschaft allerdings die Spitze.

Es misslang am Ende, den europäischen Ländern die eigenen politischen Vorstellungen aufzuzwingen. Und selbst wenn ihm das selbst damals nicht unlieb war, dergleichen muss ein Hegemon können – und so war Deutschland wiederum keiner. In den drei Krisen der jüngeren Vergangenheit gab die Bundesrepublik am Ende keine starke Figur ab: Die Euro-Krise konnte gegen den deutschen Willen faktisch nur durch gemeinsame Verschuldung gebändigt werden; in der Flüchtlingskrise gelang es der Bundesrepublik nicht, das Dubliner Abkommen zu retten; in der Ukrainekrise trug sie zwar Sanktionen gegen Russland mit, verhinderte aber einen harten Kurs gegen den Aggressor. Schwer zu sagen, ob der Hegemon keiner sein konnte oder wollte. Die deutsche Politik manövrierte sich mehr als einmal in eine Zwangslage, und das deutsche Krisenmanagement wurde jeweils zu einem Bestandteil der Krise.

Es ist für die deutsche Bevölkerung nicht mehr klar, ob die Bundesregierung das deutsche Modell samt den Unwuchten, die es in Europa erzeugt, verteidigen wird oder sich am Ende doch der Architektur einer Fiskalunion anschließt. Es bleibt auch unsicher, ob Deutschland sich beim Aufbau einer europäischen Verteidigung substanziell engagieren wird. Sicher ist nur, dass der Erhalt der gemeinsamen Währung ein echtes nationales Interesse darstellt. Daran hängt der Binnenmarkt mit allen Vorteilen für die Exportwirtschaft. Doch bis zu welchem Preis wird Deutschland das marode Euro-Regime aufrechterhalten?

Hans-Dietrich Genscher meinte 2015, ein halbes Jahr vor seinem Tod: "Unsere Zukunft ist Europa – eine andere haben wir nicht." Es scheint, als teilten die meisten Deutschen diese Ansicht, bloß dass verschwommen bleibt, was dies genau heißt. Wenn der europäische Hegemon verantwortlich handelt, soll er dann seine Interessen durchsetzen oder sie gerade um höherer, gemeinsamer Ziele willen zurückstellen? Die von Wahlen gejagte und in Klientelpflege absorbierte deutsche Parteipolitik gibt darauf keine Antwort. Die Bevölkerung beobachtet, dass die einfachen, die Kissinger-Fragen offengeblieben sind: "Was wollen wir unbedingt erreichen? Was wollen wir unbedingt verhindern?" Für das Durchlavieren der deutschen Politik, für ihr Zeitschinden und ihre Entscheidungsvermeidung gibt es ein englisches Verb: to merkel.

Die merkelnde Selbstverkleinerung spielt sich nicht nur "draußen" im Diplomatischen ab, sie ruft auch Verunsicherung im Inneren hervor. Die Stimmung im Stabilitätsland wird nervöser, während sich die Bevölkerung in Versuchen der Selbstvergewisserung übt. Wo Zukunftsfragen unbeantwortet bleiben, schieben sich langsam Identitätsfragen vor sie. Es ist dann kaum verwunderlich, dass keine dieser in der Mitte ebenso wie an den politischen Rändern betriebenen Selbstbild-Justierungen zu dem Schluss gelangt, die Hegemonialität in Europa, der robuste Weg in Richtung auf mehr sicherheitspolitische Autonomie bei gleichzeitiger ökonomischer Verzichtsbereitschaft, sei das richtige Format für die Bundesrepublik. Alle Antworten sind vom Wunsch getragen, das Land möge kleiner sein als seine Fremdzuschreibungen. Ein Nationalismus der Größe existiert schlechterdings nicht. Der Macht dieses Landes, so unbestimmt, so ungeprüft sie auch sei, entspricht keinerlei Ideologie. Die Position, die ihm mittlerweile international zugemessen wird, erfüllt keine gesellschaftliche Erwartung.

Aber dagegen spricht doch, dass die Bevölkerung inzwischen Auslandseinsätze der Bundeswehr akzeptiert? Eine verbreitete pazifistische Haltung und eine universalistisch ausgerichtete Menschenrechtsmoral erhalten jedoch die Skepsis ihnen gegenüber aufrecht. Auf öffentliche Akzeptanz – auch auf die Zustimmung des Parlamentes – kann sich eine deutsche Regierung nur dann verlassen, wenn sie darlegt, dass solchen Einsätzen keine strategische Politik zugrunde liegt, sondern Krisenlagen, die ein Eingreifen humanitär rechtfertigen. Das Militärische muss Ausnahmecharakter tragen, kann in Deutschland im Grunde niemals Mittel zu einem politischen Zweck, also nie Ausdruck einer Interessenlage sein.

Die Berufung auf die deutsche Vergangenheit wird weiter erlauben, schwierige bündnispolitische Entschlüsse gemäß innenpolitischer Opportunität und innerdeutschen Meinungslagen zu fassen. Das Ausland erkennt darin lange schon einen Zug von Unberechenbarkeit. Eine regionale Führungsmacht verhält sich anders. Das deutsche Selbstbild lädt zum Merkeln ein. Die stärkste Nation Europas hat sich erfolgreich eingehaust.