Sie haben jetzt gute vier Wochen, um Angela Merkels Ankündigung in die Tat umzusetzen. Bis zum Juli soll eine deutsch-französische Arbeitsgruppe Vorschläge für eine Reform der Währungsunion ausarbeiten. Sie soll einen eigenen Finanzminister bekommen, der dann dafür zuständig wäre, dass Europa – wie es die Kanzlerin am Wochenende formuliert hat – sein Schicksal verstärkt in die "eigene Hand" nimmt.

Doch wie immer gilt: Wenn es konkret wird, wird es kompliziert. Denn alle wollen einen Finanzminister, aber jeder meint etwas anderes damit.

Für die deutsche Bundesregierung ist der europäische Finanzminister eine Art europäischer Chefkontrolleur, der darüber wacht, dass die Mitgliedsstaaten der Währungsunion nicht zu viel Geld ausgeben. Wolfgang Schäuble stellt sich das ganz konkret so vor: Die Euro-Länder müssen sich von ihm die Höhe der Neuverschuldung genehmigen lassen. Wenn ein nationaler Finanzminister mehr Schulden machen will als erlaubt, könnte sein europäischer Kollege Einspruch einlegen – so wie der europäische Wettbewerbskommissar heute schon Einspruch einlegen kann, wenn Konzerne fusionieren wollen.

Diesem Ansatz liegt die vor allem in den Unionsparteien populäre Vorstellung zugrunde, dass die Währungsunion in die Krise geraten ist, weil sich die Mitgliedsstaaten nicht an die Regeln gehalten haben. Deshalb bedeutet die Forderung nach einer Stärkung Europas in erster Linie, dass Regelverstöße künftig schärfer verfolgt werden.

Frankreich - Für ein europäisches Projekt Emmanuel Macron will die EU reformieren, um sie zukunftsfähig zu machen. Auch das eigene Land will er umbauen. Wie groß sein Handlungsspielraum ist, zeigt unser Video.

Das sehen die Franzosen anders. Sie wollen, dass der europäische Finanzminister über ein eigenes Budget verfügt, mit dem unter anderem Investitionen angeschoben werden können. Das soll gezielt in Ländern geschehen, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken. Wo genau das Geld dafür herkommen soll, ist noch offen. Im Prinzip sind aus französischer Sicht zwei Varianten denkbar, die auch kombiniert werden können: Eine Finanzierung durch Steuern, wobei ein Teil der nationalen Steuereinnahmen in eine gemeinsame Kasse flösse, oder eine Finanzierung durch die Ausgabe von Anleihen.

Für Frankreichs Staatspräsidenten Emmanuel Macron ist der europäische Finanzminister also in erster Linie ein Geldverteilungsminister. Macron glaubt, dass es immer wieder Krisen geben wird – auch wenn sich alle an die Regeln halten. Und dass die Mitglieder einer Währungsunion dann ein Problem haben, weil sie nicht einfach ihre Währung abwerten können, um dadurch die Wirtschaft zu stützen. Das gemeinsame Budget soll deshalb für einen gewissen Ausgleich zwischen starken und schwachen Euro-Ländern sorgen.

Dieses unterschiedliche Grundverständnis hat die Debatte über eine Reform der Währungsunion jahrelang blockiert. Doch weil Angela Merkel nun offenbar davon überzeugt ist, dass sie die Franzosen braucht, um Donald Trump und Wladimir Putin etwas entgegensetzen zu können, lässt sie mit sich reden.