Das Schöne an der Wissenschaft ist, dass sie nicht nur Antworten auf die ganz großen Rätsel unseres Daseins sucht, sondern dass sie unser Leben auch mit Problemen bereichert, die uns normalerweise gar nicht umtreiben. Etwa: Wie schaffen es Flamingos eigentlich, stundenlang auf einem Bein zu stehen?

Was wie eine lästige Kinderfrage klingt, wird, neuromechanisch betrachtet, zu einem ernsthaften Forschungsprojekt, das nach ausgeklügelten Experimenten und gründlicher Theorie verlangt – so wie es Young-Hui Chang und Lena Ting betrieben haben. Die beiden Biomechaniker aus den USA haben soeben in den Biology Letters der Royal Society einen ausführlichen Artikel zur Flamingo-Balance publiziert. Kernthese: Die pinken Vögel verfügen über eine Art speziellen Arretiermechanismus, der ihnen den Einbeinstand ohne Muskelanstrengung ermöglicht. Anders ausgedrückt: Auf einem Bein steht sich’s für sie leichter als auf zweien.

Diese Fähigkeit, die jeden Yoga-Schüler neidisch machen dürfte, entschlüsselten Chang und Ting allerdings erst nach längerem Bemühen. Am Anfang stand spielerische Neugier. Als sie im Zoo von Atlanta beobachtet hatten, dass die rosafarbenen Vögel auf einem Bein stehend schlafen, wollten sie deren Standfestigkeit testen. "Am liebsten wären wir herumgegangen und hätten ihnen einen leichten Schubs versetzt", erzählte Chang der Zeitschrift The Atlantic. "Aber der Zoo ließ uns nicht."

Doch ihr Forscherehrgeiz war geweckt. Die beiden beschlossen, zunächst die Anatomie an toten Tieren zu studieren. Als sie erfuhren, dass im Zoo von Birmingham zwei Flamingos eingeschläfert und eingefroren worden waren, fuhr Chang dorthin, packte die gefrosteten Vögel in eine große Kühltasche und taute sie im heimischen Labor wieder auf. Bei der Untersuchung fiel ihnen zunächst nichts Ungewöhnliches an den Flamingo-Gelenken auf. Doch dann kam (wie so oft in der Forschung) der Zufall zu Hilfe: Als Chang den Kadaver am Schienbein packte und hochhob, schnappte plötzlich das Bein von selbst in eine starre Position, lediglich durch die Schwerkraft. Probeweise abgestellt, ruhte der tote Körper völlig stabil auf seiner einen Stütze, so als stünde eine fein austarierte Bronzeskulptur auf dem Labortisch, die selbst durch leichte Stöße nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen war. "Das war der Aha-Moment", berichtet Chang. "Wir hatten nicht erwartet, dass so etwas stabil sein könnte – aber das war es."

Auf zwei Beinen hingegen, das zeigten weitere Experimente, fielen die toten Vögel ständig um. Das war für Chang und Ting der Beweis, dass Flamingos den zweibeinigen Stand normalerweise durch aktive Muskelkraft aufrechterhalten müssen, während das einbeinige Stehen keine Muskelaktivität erfordert. In ihrem Forschungspapier beschreiben die beiden, wie die spezielle Anatomie des Flamingos dazu führt, dass beim Anheben des einen Beines das andere sich nach innen neigt, sodass der Körperschwerpunkt genau über dem Vogelfuß liegt. Zugleich rasten die verschiedenen Beingelenke in eine Gleichgewichtslage ein, die von selbst stabil bleibt. Einen "passiven, durch Gravitation unterstützten Haltemechanismus" nennen die Forscher das.

So ganz sei damit das Rätsel des grazilen Flamingo-Standes allerdings noch nicht gelöst, gibt Chang zu. Um die entsprechenden anatomischen Mechanismen wirklich en détail aufzuklären, müsste man die Knochen- und Gelenkstrukturen der Vögel untersuchen, während diese auf einem Bein stehen, am besten mit Röntgenstrahlen. Das aber erfordere größeren Aufwand. Bisher hat das Duo nämlich seine Studien eher nebenbei angestellt, ohne finanzielle Unterstützung. Es sei "Forschung aus Liebe" gewesen, sagt Chang, aus reiner Neugier und Spaß am Verstehen. Kann Wissenschaft schöner sein?