Eine Ausstellung nach einem Popsong zu benennen ist zur Mode geworden. Oft besagt so ein Titel alles oder nichts, doch im Fall der großen, von Udo Kittelmann kuratierten Schau in Venedigs Fondazione Prada besitzt er einige Zug- und Aussagekraft. The Boat is Leaking. The Captain Lied ist eine leicht abgewandelte Zeile aus Leonard Cohens zeitkritischem Hit Everybody Knows. Sie verbindet das traditionsreiche Motiv des Schiffbruchs mit der Frage nach Verantwortung, Schuld und Lüge. Damit ist hier, am Rande des Mittelmeers und sozusagen in Sichtweite des Flüchtlingselends, ein aktueller politischer Rahmen abgesteckt – und die Ausstellung füllt diesen Rahmen auf grandiose Weise.

Am Anfang stand die Idee der Kooperation. Ein Schriftsteller und Filmemacher, ein bildender Künstler und eine Szenografin sollten gemeinsam ein großes Ausstellungshaus bestellen. Alexander Kluge, Thomas Demand und Anna Viebrock fanden zusammen, damit die Künste einmal nicht jede für sich, sondern im Verbund auftreten und sich wechselseitig in ihren Aussagen steigern. Viebrocks Kulissen sind inspiriert von dokumentarischen Aufnahmen, die sie für Inszenierungen von Christoph Marthaler oder Jossi Wieler angefertigt hatte. Demand geht von Fotos aus, die er oft in der Presse findet, baut daraus Modelle aus Papier und Pappe und verwandelt sie mittels Kamera wiederum in Bilder. Wie bei Viebrock entstellen sie etwas dadurch zur Kenntlichkeit, dass sie Realität auf raffinierte Weise vortäuschen. Im Gegensatz zu den "Modellbauern" Viebrock und Demand montiert und collagiert Kluge aus medialen Fragmenten ein filmisches Panorama. In der Ausstellung verschränken sich diese Strategien von Modell und Montage auf ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Weise. Entstanden ist eine begehbare Welt in der Welt, ein Irrgarten der Künste.

Jede Tür, die man öffnet und durchschreitet, düpiert die Erwartung des Betrachters und verknüpft im Nu scheinbar Unzusammenhängendes. Beinahe unbemerkt verwandeln sich die Besucher in Kinogänger, in Museumsbesucher oder in Leser, in Menschen, die sich auf Korridoren begegnen, Türklinken in die Hand geben, gemeinsam an Schaufenstern vorbeistreifen, auf Zirkustrommeln sitzen, vor einem Stundenhotel oder einer geschlossenen Bar oder aber auf einer kleinen Bühne stehen, um sich einen Interviewfilm mit Helge Schneider als Terroristenführer anzusehen.

Selbstverständlich gibt es auch den Blick hinter die Kulissen, das heißt auf die technische Konstruktion, welche die Illusion erst möglich macht. Auf diese Weise kommen Dynamik und reale Bewegung ins Spiel der Bilder, und der Betrachter agiert, ohne dass er es zunächst bemerkt, als eine Art Darsteller in einem Stück, das ihn vergnügt, verwirrt und fesselt.

Dabei geht es weniger um Augentrug als um eine Schärfung der Sinne und um die Frage nach den Eigenheiten von Bildern. Was zum Beispiel unterscheidet in der Intensität der Aussage ein klein dimensioniertes Gemälde von einer Fotografie, was ein stehendes von einem laufenden Bild? Welche Art der Aufmerksamkeit verlangt ein schnell geschnittener Videofilm im Gegensatz zu einem klassischen Spielfilm? Wie beeinflusst ein abgedunkelter Kinosaal mit Plüschsesseln die Betrachtung, und warum gleißt das Licht in den White Cubes? Es wechseln die Medien, Techniken und Formate, und man reflektiert ihre Charakteristika und Gebrauchsformen.

Aber auch die Inhalte spiegeln sich ineinander. Kluge zeigt Clips zu Meeresdramen, bei Demand ist das dramatische Schlingern eines Schiffes auf hoher See zu sehen. Ebenso sind Altersheime oder spießig-stickige Flure oder Abstellkammern ein Teil der Inszenierung. Verhandelt werden hier drängende Fragen der Zeit, darunter Kindesmissbrauch und Abtreibung, Krieg und Zerstörung, Nazis und Terroristen, Flucht und Vertreibung, Furcht und Schrecken, Armut und Reichtum, aber auch Wind und Wetter, Regen und Tränen.

Was wie ein großes Tohuwabohu daherkommt, wird in größter Ruhe und Konzentration über "schöne" Bilder und Räume in ernstem oder humorvollem Ton zur Sprache gebracht und im Einzelnen und in den Zusammenhängen klug bedacht. Was all diese Welten im Innersten zusammenhält, ist die Suche nach der Wahrheit hinter der Wirklichkeit. Es geht vielfach um Tragödien, private, soziale und politische, historische und aktuelle, und um die Frage, wie viele glänzende Oberflächen und welches Ausmaß an grober Unterhaltung es braucht, diese Tragödien weit genug von sich fern- und abzuhalten, um nicht von ihnen belästigt zu werden.

Mit Hans Blumenberg ließe sich jene Existenzmetapher bemühen, welcher der Philosoph 1979 in seiner Untersuchung Schiffbruch mit Zuschauer nachspürte. Sie handelt vom Topos der "Kontraposition von festem Land und unstetem Meer", der seit der Antike in zahllosen Erzählungen ausgesponnen wurde. Konkret geht es um die Gegenüberstellung von einem am sicheren Ufer stehenden Betrachter, den nichts aus der Ruhe bringt und der dem in den Sturmfluten manövrierunfähig dahintreibenden Unglücksschiff vom Ufer aus zuschaut.

Die Ausstellung in ihrer labyrinthischen Unüberschaubarkeit bereitet einen schwankenden Boden und raubt dem Zuschauer den Platz am Ufer, indem sie versucht, ihn ins Geschehen zu involvieren, ihn einzubeziehen und Teil der Inszenierung werden zu lassen. Zugleich setzt sie mittels Bildern, Texten und Klängen aufs Faktische und tritt den Fake-News (The Captain Lied) mit veritablen Artefakten ebenso entschieden wie konzertiert entgegen. Alexander Kluges Filme sind vielleicht das schlagendste Beispiel für eine Kunst, die auf dem Umweg über Erzählungen und im Verfahren des Durchblicks dafür plädiert, Nachrichten nicht bloß als Informationen, sondern als Handlungsanweisungen und Aufforderungen zu verstehen, endlich an der Beseitigung der schlechten Verhältnisse mitzuwirken.

Die Schau ist dermaßen überzeugend, dass der Eindruck entsteht, es sei eigentlich immer schon in dieser Weise so und nicht anders nötig gewesen, die Genres zu verknüpfen. Die Geschichte der Kunstausstellung jedenfalls hat eine neue Dimension hinzugewonnen, die es kaum vorstellbar sein lässt, die Wege der beteiligten Bild-, Text- und Tongattungen könnten sich nach Sparten wieder trennen. Gäbe es einen Goldenen Löwen auch für Projekte außerhalb der gerade laufenden Biennale und der Giardini-Pavillons, diese Ausstellung hätte ihn verdient.

Bis zum 26. November (www.fondazioneprada.org)