Ist die Elbphilharmonie nur ein Stück glitzernde Signalarchitektur, das ahnungslose Touristen anlockt und mit dessen Hilfe sich die Hamburger in ihrer notorischen Selbstverliebtheit bestätigen? Oder hat sie eine ethische Haltung, ist sie ein wirkliches Wahrzeichen mit einem Verhältnis zur Wahrheit? Zum G20-Gipfel muss die Elbphilharmonie sich entscheiden. Dann werden 20 Staats- und Regierungschefs zum Konzert erwartet. Der musikalische Höhepunkt soll sich dem Wunsch der Bundeskanzlerin höchstselbst verdanken. Sie war auch schon zum Eröffnungskonzert da, offenkundig hat es ihr gefallen.

Die Elbphilharmonie bietet für Gipfelfotos aller Art eine grandiose Kulisse. Vielleicht haben die Hamburger Verantwortlichen eine einmalige Gelegenheit zum Stadt-Marketing gewittert. Doch sollte man ein Konzerthaus nicht umstandslos zur Bühne für die Mächtigen dieser Welt machen. Besonders dann nicht, wenn sich unter diesen Mächtigen einige hoch problematische Autokraten befinden.

Wenn Künstler vor Großpolitiker treten, dann dürfen sie auf keinen Fall zu deren Dienern werden. Sie müssen etwas anderes öffentlich darstellen: die Schönheit und die Würde der Freiheit, die Bedeutung der Kultur für eine offene Bürgergesellschaft. Deshalb darf die Elbphilharmonie sich nicht einfach dafür hergeben, ein profanes diplomatisches Arbeitstreffen kulturell zu überhöhen. Sie darf sich nicht gemein machen und muss selbst im direkten Kontakt zur Macht Distanz wahren. Für die Elbphilharmonie wird das eine große Herausforderung. Diesmal geht es nicht um Baukatastrophen, Akustik, Programmplanung und Kartenverkauf oder um die Frage, die die Regionalpresse umtreibt: ob es genug Toiletten gibt.

Was auf dem Spiel steht, zeigt ein kurzer Blick auf die Gästeliste. Um mit dem Offensichtlichsten zu beginnen: Donald Trump steht als Rechtspopulist und Repräsentant amerikanischer Trash-Kultur für eine politisch gefährliche Kunstverachtung und hat sich längst als Feind der Freiheit erwiesen. Wie will man vor ihm mit ruhiger Hand den Geigenbogen führen?

Krasser ist es im Fall von Recep Tayyip Erdoğan. Die von ihm betriebene Abschaffung der Demokratie vollzieht sich als Verfolgung all derer, die für die Freiheit des Geistes eintreten: Journalisten, Wissenschaftler, Künstler. Geistesfreiheit aber ist kein Privileg für überzüchtete Intellektuelle und Berufsästheten, sondern ein Grundpfeiler der offenen Gesellschaft. Wie will man vor ihm aus voller Brust singen?

Anders verhält es sich bei Wladimir Putin. Ihm beliebt es, die traditionelle Hochkultur in seinen Dienst zu nehmen. Er lässt sich von klassischen Musikern aufspielen – zum Beispiel vor einem Jahr bei einem skandalösen Konzert in Palmyra. Dirigiert hat es Waleri Gergijew, der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Als Orchesterleiter mag er anerkannt sein, durch seine willfährige Propagandahilfe aber hat er sich diskreditiert. Wie nun soll man ein G20-Konzert dirigieren, ohne sich ebenfalls diesem Vorwurf auszusetzen?

Musiker sollen den Allermächtigsten die Schönheit ihrer Kunst vorstellen, zugleich aber haben sie ihre Freiheit zu behaupten. Nicht nur gegenüber Diktatoren und Oligarchen, sondern auch vor Politikern und Institutionsvertretern offener Gesellschaften müssen Künstler ihre Autonomie verteidigen. Klassische Musiker tun sich da besonders schwer, vielleicht weil sie von früh auf an Drill und an autoritäre Führung gewöhnt worden sind. Gerade deshalb müssen sie beweisen, dass sie wie alle Künstler, Wissenschaftler und Journalisten für die Freiheit des Geistes einstehen.

Und dies also bald in einem G20-Konzert. Natürlich ist das Ganze auch eine diplomatische Angelegenheit. Und Diplomatie ist eine zivilisatorische Kraft. Wie notwendig sie ist, erweist sich gerade im Umgang mit problematischen Figuren. Deshalb ist auch grundsätzlich nichts gegen Gipfeltreffen einzuwenden. Dort darf es aufwendig zugehen: mit militärischen Ehren oder prächtigen Banketten. Aber es verschiebt sich etwas, wenn man die Verhandlungspartner nicht nur in dafür eigens hergerichtete Messehallen oder das Rathaus, sondern in den wichtigsten Kunstraum der Stadt bittet.

Offenkundig ist die Elbphilharmonie auch ein Repräsentations- und Machtgebäude. Da steht sie in der Tradition der großen Konzert- und Opernhäuser, die immer der Selbstdarstellung der führenden Schichten gedient haben – wie vor ihnen die monumentalen Kirchenbauten. Doch ein Kunstraum darf nicht – ebenso wenig wie eine Kirche – in dieser Aufgabe aufgehen.

In vormodernen Zeiten wurde von Kirchenführern erwartet, dass sie regelmäßig der weltlichen Obrigkeit öffentlich ins Gewissen redeten und in "Fürstenspiegeln" die Erwartungen an eine gute Regierung weit hörbar aussprachen. Da es zum Auftakt des G20-Gipfels glücklicherweise keinen Gottesdienst im Michel geben wird, wäre es die Aufgabe der Elbphilharmonie, etwas Ähnliches zu versuchen: einen musikalischen Fürstenspiegel. Darin läge die einzig überzeugende Begründung, weshalb man die Staatsgäste nicht nur in die Dienstzimmer der Politik, sondern auch in die beste Stube der Stadt bittet.

Es kommt also darauf an, was man dort spielen wird. Es warten einige Abgründe. Für welches Konzert man sich nicht schämen müsste, ist ein Gedankenspiel, das man nicht nur den Politikern oder den Musikern überlassen sollte. Sicher, die Bundesregierung ist als Gastgeber für das Konzert verantwortlich. Dennoch: Was auch immer in der Elbphilharmonie stattfindet, von der Öffentlichkeit wird es am Ende dem Haus, den Künstlern und der Stadt zugerechnet. Deshalb darf die Frage nach dem Programm für dieses Konzert nicht nach oben delegiert werden. Gerüchten zufolge möchte die Bundeskanzlerin selbst Einfluss nehmen – Hamburg sollte das eigene Besitzrecht an der Elbphilharmonie verteidigen. Wem gehört dieses Konzerthaus, wenn nicht den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt? Dadurch, dass die Elphi zu einer Sicherheitszone ersten Ranges erklärt wird, schließt man sie schon für mehrere Tage aus der Stadt aus. Da sollte man sich vorher wenigstens darüber austauschen, was während dieser Zeit dort passiert.

Noch ist über das Programm gar nichts zu hören. Fest steht, dass das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Generalmusikdirektor Kent Nagano auftreten wird. Aber was und wie soll gespielt werden, damit der Anspruch eingelöst wird, den der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda formuliert hat: "Die Elbphilharmonie verkörpert als Haus für alle auch die Grundwerte der freiheitlichen, offenen und demokratischen Kultur moderner Gesellschaften." Wie gießt man das in ein Programm – wie klingt Freiheit? Es müsste doch möglich sein, mit den Mitteln der Musik die Bedeutung der Kunst- und Meinungsfreiheit zu bekunden, Solidarität mit verfolgten Künstlern zu zeigen.

Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und war bis 2016 Hauptpastor an St. Nikolai in Hamburg. © Andreas Schoelzel

Das könnte man zum Beispiel mit nichtprofessionellen Musikern tun: Schließlich ist in der Chor-Stadt Hamburg Musik stets auch Bürgersache. Es wäre eine gute Idee, die Vielfalt der Stadtbevölkerung auf dem Podest hörbar und sichtbar werden zu lassen. Keine gute Idee jedoch wäre es, bedenkenlos ein Meisterwerk der deutschen Klassik feilzubieten. Bitte werft die Neunte Sinfonie von Beethoven mit ihrer Freuden- und Freiheitshymne nicht Autokraten zu Füßen, bloß weil sie so festlich ist. Besser wäre es, Komponisten auszuwählen, die einen Widerstand markieren. Dmitri Schostakowitsch zum Beispiel, der sowjetische Komponist, der zeit seines Lebens unter dem stalinistischen Terror gezittert hat – was man seiner Musik auch anmerkt. Oder einen zeitgenössischen Tonsetzer, der vor Unterdrückung fliehen musste.

Von der Bundeskanzlerin ist bekannt, dass sie zwei sehr unterschiedliche Musiker besonders schätzt: Richard Wagner und Wolf Biermann. Ersterer ist kein Kandidat für den G20-Gipfel. Andererseits, die "Götterdämmerung" wäre schön delikat. Aber Wolf Biermann, warum eigentlich nicht? Vielleicht wäre auch eine Prise Humor angesichts des Gipfels angebracht.

Hamburg ist mit seinem Kulturprogramm zum G20-Gipfel gut vorbereitet. Nur reicht es nicht, den kritischen Bürgern ein Programm auf Kampnagel anzubieten und den Mächtigen die Elbphilharmonie zu reservieren. Beides muss aufeinander bezogen sein. Die Elbphilharmonie hat jüngst mit ihrem Festival "Transatlantik" gezeigt, wie man zwischen Europa, Afrika und Amerika musikalisch-politische Verbindungen stiftet, dass sogar die New York Times davon begeistert ist. In diese Richtung müsste man weiterdenken, damit die Elbphilharmonie sich beim G20-Gipfel als Wahrzeichen einer weltoffenen Bürgerkultur erweist und zeigt: Es geht nicht immer nur um Sicherheit, sondern stets auch um Freiheit.