Wer sein Kind an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule in Göttingen anmelden will, braucht Glück. Obwohl die Integrierte Gesamtschule im Stadtteil Geismar Platz hat für 180 neue Fünftklässler, wird sie in diesem Jahr wieder mehr als hundert Kindern absagen müssen.

Keine Schule, auch kein Gymnasium in der Akademikerstadt Göttingen hat so viele Bewerber. Kinder aus allen Schichten und Stadtteilen wollen sich hier anmelden, 40 Prozent haben schon Geschwister an der Gesamtschule oder Ehemalige als Eltern. Lehrer aus ganz Deutschland wollen an der IGS arbeiten, und seit sie 2011 den Deutschen Schulpreis gewonnen hat, unternehmen Pädagogen aus ganz Europa Bildungsreisen nach Geismar. Dreißig Prozent aller Schüler, die mit schwachen Noten an die IGS kommen, verlassen sie mit dem Abitur. Ihr Schnitt ist mit 2,2 besser als der der niedersächsischen Abiturienten insgesamt (2,5).

Ein ungewöhnlicher Erfolg für eine Gesamtschule. Er fällt in eine Zeit, in der mehr Schüler aufs Gymnasium gehen als je zuvor, in manchen Großstädten ist das mehr als die Hälfte eines Jahrgangs. Zwar steigt die Zahl von Gesamtschulen. Doch ihr Ruf ist meist miserabel. Allein der Begriff "Gesamtschule" scheint so anrüchig, dass man solche Schulen heute lieber Stadtteil-, Ober- oder Gemeinschaftsschulen nennt. "Schule für alle", das heißt in vielen Köpfen: Resterampe. Anderswo unternehmen Eltern vieles, damit ihr Kind nicht auf eine Gesamtschule muss, sondern aufs Gymnasium darf. In Göttingen ist es andersherum.

"Schule muss sich an die Kinder anpassen, nicht umgekehrt", sagt der Leiter der IGS, Wolfgang Vogelsaenger, 65, während er durchs Gebäude führt, vorbei am Springbrunnen und an der Theaterbühne. Ein Mann, der Lehrer wurde, um Schule gerechter zu machen. Schüler winken ihm zu wie einem freundlichen König. Für ihn hat der Erfolg vor allem mit Kontinuität zu tun. "Wir ziehen unser Konzept seit über 40 Jahren durch. Und verteidigen es."

Denn die IGS sorgt für Streit unter den Göttinger Schulen. Von einem Schulkrieg sprechen manche. 2015 beschloss die Stadt, der Schulträger, alle Haupt- und Realschulen auslaufen zu lassen, weil kaum jemand noch dort hinwollte. Nun gibt es in der Universitätsstadt noch Gymnasien und Gesamtschulen, ein zweigliedriges System. Da auch die anderen beiden Gesamtschulen im Stadtgebiet gut nachgefragt sind, knirscht es ganz gewaltig zwischen den beiden Schulformen: Wer nimmt jetzt die schwächeren Schüler? Wer bekommt die besten? Was passiert eigentlich, wenn die Gymnasien die Schüler aufnehmen müssen, die von der Gesamtschule abgelehnt wurden? Und wenn die Gesamtschulen eine ziemlich gymnasiale Schülerschaft haben? Verkehrte Welt?

Es ist nicht einfach, einen Direktor eines der fünf Göttinger Gymnasien zu finden, der sich in der ZEIT zitieren lassen will. Einer schreibt immerhin, das zweigliedrige Schulsystem sei von der Stadt überhastet eingeführt worden. Der "elitäre Anspruch" der IGS Geismar sei ein "entscheidendes Problem der Göttinger Schulstruktur". Von "gymnasialfeindlicher Politik" ist die Rede.

Der Konflikt zwischen den Schulformen reicht zurück in die sechziger Jahre. Seit Gesamtschulen als Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem getestet wurden, fühlten sich Gymnasien und Gesamtschulen abwechselnd benachteiligt: Regierte die SPD in den Ländern, fürchteten Gymnasien um ihre Privilegien, herrschte die CDU, wähnten sich die Gesamtschulen vor dem Aus. Debatten um Finanzen oder Lehrpläne wurden ideologisch, jeder Reformversuch wurde als Angriff auf diese oder jene Schulform interpretiert. So kam es in den letzten Jahren zu erbitterten Schulstreits in Hamburg, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Hessen oder eben Niedersachsen. Es wurden schon Wahlen an Schulen entschieden.

Wolfgang Vogelsaenger erinnert sich gern an den Moment, als ihm Christian Wulff den Deutschen Schulpreis überreichen musste. Ausgerechnet der CDU-Ministerpräsident, der die Gesamtschulen zu G8 zwingen wollte und sie damit, in Vogelsaengers Diktion, "ruiniert" hätte.