Armer Henning Sußebach! Da ist er wochenlang jeden Tag an diesem Veranstaltungsplakat vorbeigelaufen, auf dem stand: "Woher kommst du eigentlich? – Diskussion über Identität, Integration und Alltagsrassismus". Das Thema hat ihn beschäftigt. "Woher kommst du eigentlich?" Er hat diese Frage x-mal in seinem Kopf gewendet und sich Vorwürfe gemacht. Bin ich denn schon ein Rassist, wenn ich diese Frage nur denke? Sußebach beschloss, die Veranstaltung zu besuchen, und schrieb einen Text darüber, der tiefe, ehrliche Einblicke in die Seele eines Biodeutschen gewährt, eines Journalisten, eines gebildeten Mannes, dem Fremdenfeindlichkeit sehr fernliegt. Der Beitrag macht deutlich, wie verunsichert viele Menschen mittlerweile beim Umgang mit Themen wie Integration und Rassismus sind. Und zwar nicht nur der AfD-Wähler aus Freital, sondern eben auch ein ZEIT-Redakteur wie Henning Sußebach.

Die Geschichte wäre hier zu Ende, kämen an diesem Punkt nicht Susan Djahangard und Jean-Pierre Ziegler ins Spiel, zwei Journalistenschüler mit Migrationshintergrund, die sich von Henning Sußebachs Text gekränkt fühlten, mehr noch: Sie fühlten sich beleidigt und verletzt. Rassismus!, dröhnt es aus ihrer Replik mit dem Titel Fragt mal was anderes! Ihre Antwort zelebrieren die beiden in bester deutscher Manier, mit einem Zeigefinger, so gerade und gestreckt, wie nur Deutsche ihn erheben, wenn sie andere hart und bestimmt zurechtweisen. Gemeinsam belehren sie den Autor und erklären ihm, warum man diese Frage, diese eine einzige Frage nicht stellen darf.

Das ist schade. Und es ist so falsch. Denn man muss diese Frage stellen dürfen. Und sie ist auch nicht per se rassistisch.

Ich bin in Teheran geboren, in Hamburg aufgewachsen, habe hier studiert und treibe mittlerweile mein Unwesen für den NDR im Fernsehen. Ich möchte an dieser Stelle eine Lanze dafür brechen, dass wir in dieser Gesellschaft wieder miteinander sprechen. Wir befinden uns nämlich schon viel zu lange in einer Spirale der Angst – vor dem Gedachten und dem Ausgesprochenen. Es herrscht Verunsicherung in weiten Teilen der Bevölkerung.

Ab wann bin ich politisch inkorrekt? Muss ich wirklich alles gendern? Sollte ich einschreiten, wenn jemand Negerkuss sagt? Wenn schon Sußebach wegen der schlichten Frage, ob es in Ordnung ist, sich nach der Herkunft eines Mitmenschen zu erkundigen, nächtelang nicht schlafen kann, wie soll dann erst Tante Erna aus Freital den Unterschied zwischen sehr rassistisch, rassistisch, weniger rassistisch und gar nicht rassistisch erkennen? Wie will man dem geneigten AfD-Wähler klarmachen, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem N-Wort und der Frage "Wo kommst du her?".

Bei dem Diskussionsabend, der mit jenem Plakat beworben wurde, das Sußebach Kopfschmerzen bereitete, saß ich auf dem Podium. Mein Gegenüber, der Hamburger SPD-Abgeordnete Danial Ilkhanipour, erzählte, wie ihn die Wurstverkäuferin an der Theke neuerdings darauf aufmerksam mache, dass in den Frikadellen Schweinefleisch sei. Klingt erst mal etwas anstrengend. Als voll integrierter Iraner weiß ich selbst, was ich kaufe, da muss mich keine Wurstverkäuferin über irgendwelche Speisegebote aufklären, an die ich mich sowieso nicht halte. Henning Sußebach schrieb dazu aber etwas sehr Wichtiges: Sollten wir uns nicht darüber freuen, dass die Wurstverkäuferin inzwischen den Unterschied zwischen halal und nicht halal kennt, statt ihr Rassismus vorzuwerfen? Allerdings! Wahrscheinlich hat diese Frau überhaupt keinen Kontakt zu irgendwelchen "Ausländern". Sie hat vielleicht auch keine Ahnung, dass es Muslime (sehr viele Muslime!) gibt, die auf Speisevorschriften pfeifen. Aber zumindest weiß sie, was halal ist. Das ist doch schon mal was!

Ich kann verstehen, dass Migrantenkinder, die hier geboren und aufgewachsen sind, es satthaben, immer wieder auf ihre Herkunft oder gar die ihrer Eltern oder Großeltern reduziert zu werden. Dass ihnen in einer solchen Situation der Kragen platzt, ist nachvollziehbar. Trotzdem sollten wir darüber nachdenken, ob das Wissen der Wurstverkäuferin nicht auch ein Erfolg ist, eine Frucht jahrzehntelanger Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung, die wir jetzt ernten.

Ich plädiere an uns Migranten, Fragen dieser Art nicht immer gleich als Angriff und als Ausdruck von Ignoranz zu verstehen, wenn sie ebenso als Indiz für etwas Positives taugen: die Entwicklung hin zu einer weniger rassistischen Gesellschaft. Es ist doch eine Errungenschaft, dass wir mittlerweile ein Reflexionsniveau erreicht haben, auf dem wir tatsächlich ins Gespräch kommen können. Wir sollten reden, statt jene, die sich aufrichtig mit diesen Fragen beschäftigen, niederzumähen und dadurch im Angstklischee zu bestätigen.

Trotzdem bin ich dankbar dafür, dass sich junge Kollegen einmischen, dass sie den Mut aufbringen, persönlich und wortgewaltig den Meinungsbeitrag eines etablierten Kollegen zu kontern. Sie verkörpern einen Geist der Freiheit und des Widerstands, der für Rassismus sensibilisiert und unsere Alltagspraxis immer wieder hinterfragt. Das ist wichtig und wertvoll. Ich war früher selbst so, habe es aber abgelegt, weil es mich blockiert hat. Dass die Gesellschaft sich tatsächlich verändert, erkennt man vielleicht nur mit einem gewissen Abstand, und aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Seit ich 1986 nach Hamburg gezogen bin, hat sie sich immens weiterentwickelt.