Wie Angela Merkel neulich sagte: Die Welt ist komplizierter geworden. Wer ist Feind, wer Freund? Wer reitet einen rein, auf wen kann man zählen? Vorbei die Zeiten, als Mütter ihren Töchtern einen Lackmustest empfahlen, der den guten Mann vom bösen unterscheiden half, den Heuchler vom Heiligen, einen Test, der aus einer einzigen ach so simplen Frage bestand: Meint er es ernst, oder will er nur spielen?

Die Fragen heute lauten: Sind die Raketen von Kim Jong Un jetzt echtes Spielzeug oder echt und kaputt? Wollte Jared Kushner eine eigene Standleitung nach Moskau, um das Computerspiel Krim downzuloaden, das Ivanka nicht mag, oder um an der NSA vorbei einen Blick auf das Video zu werfen, das laut Putin die besten Prostituierten der Welt zeigt und das Trump nicht mag? Bleibt Boris Johnson britischer Außenminister, weil er das will oder weil ihn sonst niemand will? Alles nicht einfach, das muss man bedenken, wenn man jetzt hüstelt, weil in der Klassifizierung des Mannes neuerdings eine einfache Metapher erstaunliche Karriere macht, das Bild vom Mann als Baby. Wahlweise: Mann als Kindergartenkind. Oder Schüler.

Kim Jong Un: wird uns als dickes Baby vorgestellt. Kushner? Als Milchbubi. Macron: der Schulbub. Nur weil er seine Lehrerin heiratete! Boris Johnson gilt als masochistischer Pennäler, der sich von der Ober-Nanny Theresa May eine Tracht Prügel auf den nackten Hintern erhofft. Und über Trump schrieb die BBC am Wochenende, er habe beim G7-Gipfel wie ein Siebtklässler gewirkt, so wie er die Füße unterm Stuhl eingeklemmt und den Blick verlegen auf die kleinen Hände gerichtet hat. Immerhin. Immerhin, man kann das als erfolgreiche Versetzung werten, wird doch Trump gemeinhin als Viertklässler verhöhnt, gelegentlich als Kindergartenkind, das die Sandkuchen der Kollegen zerpatscht.

Es handelt sich um eine Infantilisierung der politischen Rhetorik. Zeitgeschichtlich knüpft der Baby-Talk an Zeiten an, in denen Männer sich in Kontaktanzeigen als "Großer Junge" beschrieben, der auf eine "verständnisvolle Lady" hofft, und jede Schweinerei weggewedelt wurde mit dem Spruch von "boys will be boys" (auf Deutsch: "Jungen!"). Die Idee vom Mann als Kind stammt aus derselben guten alten Zeit wie Muttis Lackmustest (s. o.) und ist irreführend. In der New York Times wurde letzte Woche schon darauf hingewiesen, dass der Vergleich mit dumpfbackigen Politikern für Kinder beleidigend ist. Weil Kinder mit der intelligenten Nervosität eines Kolibris auf die Welt reagieren und Wissen in einem Tempo sammeln, das Politiker, die Klimawandel immer noch nicht kapieren, weit hinter sich lässt.

Die Rede vom Politiker als Kind verengt den Blick auf die Realitäten. Der Trump, der in Saudi-Arabien landete, war kein Kid, das sich auf Sandkastenballerspiele freute, sondern ein Tycoon, der einen 110-Milliarden-Waffendeal unter Dach und Fach brachte, und jede Wette, dass es sich nicht um Spielzeuggranatwerfer handelte. Der pausbackige Boris Johnson spielt zwar ein Spiel, aber es ist die typische Upperclass-Unterschichtenverarschung. Kushner mag wie ein schmalbrüstiger Hänfling rüberkommen – aber was hat er vor? Erkennt man mit dem, was ich den "Tatort-Test" nenne.

Geht so: Man stellt sich vor, es ist Sonntagabend, im Tatort Auftritt von – etwa: Schröder. Na? Der Gebrauchtwagenhändler! Portemonnaie festhalten! Guttenberg? Fliegt todsicher in Minute 43 aus der Kurve. Schulz? Der rheinische Jung. Große Klappe, und – na ja. Trump? Der Pate. Kushner? Ist doch das klassische Pokerface. Männer! Machen wir uns auf alles gefasst.