Verdächtig leer scheint die Festwiese in Wittenberg am Sonntagmittag. Kleine Grüppchen versammeln sich vor der Bühne, doch dazwischen: gähnende Leere. Um 12.34 Uhr dann die Nachricht aus der Pressestelle des Kirchentags: "120.000 Besucherinnen und Besucher beim Festgottesdienst". Kann das sein? Das Luftbild des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) von 11.02 Uhr, das Christ&Welt hier dokumentiert, zeigt: Es ist noch reichlich Platz. Auch vor Ort und in der Fernsehübertragung des Gottesdienstes um 12 Uhr mittags waren die großen Lücken unübersehbar. Hat der Kirchentag die Besucherzahl schöngeredet? Versuch einer Rekonstruktion.

Schon am Berliner Südkreuz hatte am Vormittag alles etwas überdimensioniert gewirkt. Bis zu 100.000 Kirchentagsgäste sollten von hier binnen Stunden mit dem Zug abfahren, nach Wittenberg, zum großen Finale, dem Festgottesdienst vor reformatorischer Kulisse. Doch am Ende hatten nur 10.000 ein Zugticket gekauft. Das mussten die Organisatoren des Reformationsjubiläums am vergangenen Samstag einräumen – der Rest, so sagten sie, werde wohl mit Autos und Bussen kommen. Auch zu den regionalen "Kirchentagen auf dem Weg" waren weniger Gäste gekommen als erwartet. Nur 50.000 Besucher pilgerten in die acht Reformationsstädte. "Wir haben auf das Dreifache der Zahlen hingearbeitet", erklärte Hartwig Bodmann, der Geschäftsführer des Reformationsjubiläums. Ein Erfolg sei das Festwochenende dennoch. Es gehe bei einem Kirchentag ohnehin nicht um Zahlen, sondern um Wirkung und Symbole.

Was also geschah zwischen 11.02 Uhr, dem Zeitpunkt des letzten verfügbaren amtlichen Luftbildes, und 12.34 Uhr, der Jubelbotschaft der Pressestelle des Kirchentags? Luftaufnahmen aus der Zeit während des Gottesdienstes gibt es nicht. Aus Sicherheitsgründen wurde ein Überflugverbot verhängt. Das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum unterstützte das Verkehrsmanagement des Kirchentages und überflog das Gelände zuletzt zwischen 11 und 11.45 Uhr mit einem Hubschrauber. Die Veranstalter hatten darum gebeten, die Veranstaltung danach nicht durch den Lärm des Hubschraubers zu stören. Auch könne er als Bedrohung wahrgenommen werden. Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender MDR war zwar mit einem Kamerakran vor Ort, der einen erhöhten Blick auf das Gelände erlaubt. Doch die Fernsehbilder sind aufgrund der Perspektive und Verzerrung für eine akkurate Zählung unbrauchbar.

Welche Rückschlüsse also lässt das Hubschrauberbild des DLR zu? Stephan Poppe ist Statistiker an der Uni Leipzig und leitet die Forschungsgruppe "Durchgezählt", die etwa bei Pegida-Demonstrationen regelmäßig Teilnehmerzahlen nachweist, die von denen der Veranstalter und der Polizei abweichen. Die Forschungsgruppe hat zwar verschiedene Methoden entwickelt, die annähernde Schätzungen von Teilnehmerzahlen erlauben. Diese Methode aber lässt sich bei den vorliegenden Bildern nicht anwenden, da die Auflösung der Dateien nicht ausreicht und ihm auch keine GPS-Daten vorliegen. Der Statistiker kommt dennoch zu einer ersten Einschätzung: "Etwa 25.000 bis 50.000 waren um 11.02 Uhr auf dem Festgelände und in der näheren Umgebung", sagt er. Für eine wissenschaftliche Analyse und belegbare Aussage aber brauche er bessere Bilder. Die jedoch, so das DLR, seien nach einer automatisierten Analyse wegen Persönlichkeitsrechten direkt wieder gelöscht worden, da sie für ihre Zwecke nicht mehr nötig gewesen seien.

Poppes Schätzung liegt nah an den 50.000, die der Veranstalter für 11 Uhr verkündet hatte. Fehlen also noch etwa 70.000, die binnen einer Stunde auf das Gelände gelangt sein müssten, sollten tatsächlich 120.000 am Gottesdienst teilgenommen haben. Knapp 1.200 Menschen pro Minute, inklusive Abtasten und Taschenkontrolle – das ist in Anbetracht von lediglich drei Zugängen mindestens ambitioniert.

Dabei finden prinzipiell bis zu 250.000 Menschen auf der Elbwiese Platz. Das Gelände war von Anfang an großzügig ausgelegt. "Wir wollten keine zweite Loveparade", sagt Christof Vetter, der Pressesprecher von "r2017", einem Verein, der extra für das Reformationsjubiläum gegründet wurde – gemeinsam von EKD und Kirchentag. Hatte das Laienchristentreffen bisher immer aus der Abgrenzung zur Hauptamtlichenkirche gelebt, kam es dieses Jahr zu öffentlichkeitswirksamen Kooperationen: Dass Barack Obama am Donnerstag nach Berlin gekommen ist, verdankt der Kirchentag Heinrich Bedford-Strohm, dem Ratsvorsitzenden der EKD. Seiner Einladung ist der ehemalige US-Präsident gefolgt. Und auch am Sonntag in Wittenberg mischte die EKD mit. Umso mehr stand der Festgottesdienst unter Erfolgsdruck, musste er doch neben Obama als zweites Highlight des Kirchentages im Reformationsjahr herhalten. Und Gelingen bemisst sich nun einmal auch und besonders in guten Zahlen. Nur so lassen sich die horrenden Kosten und der Aufwand des Events rechtfertigen.

Bis kurz vor Gottesdienstbeginn war es für den Kirchentag schwer, genaue Besuchermengen vorherzusagen. Die Medien verbreiteten munter, dass die maximale Kapazität des Geländes von 250.000 Personen auch der realen Besucherzahl entspricht. Die Organisatoren wehrten sich nicht – bis jetzt: "Wir gingen immer von der Hälfte aus", sagt Pressesprecher Christof Vetter. Die Zahl sei zwischen Geschäftsführung, Landratsamt, Polizei und Organisationsleitung abgesprochen und an ihn zur Verkündung weitergegeben worden. Er halte sie nach wie vor für realistisch. Außerdem sei doch die Begeisterung der Menschen viel wichtiger als eine Zahl. Nach 40 Minuten Telefonat, einigen Nachfragen und vielen Beschwichtigungen wird der Pressesprecher ungehalten. Er zweifelt die Schätzung von Stephan Poppe an. Wie der Statistiker all die Menschen in den Zelten und hinter der Bühne gezählt habe, will er wissen. Kurze Zeit später ruft Vetters Chef an: Ulrich Schneider, einer der beiden Geschäftsführer von r2017. "Unter 80.000 hätte ich schon bedauerlich gefunden", sagt er. Weniger Besucher als bei anderen Kirchentagsgottesdiensten – das sei seine Schmerzgrenze gewesen. Man sei sich, was die 120.000 angehe, die um 12.34 Uhr kommuniziert wurden, mit der Polizei sofort einig gewesen.

"Eine Absprache mit uns hat es so nicht gegeben", sagt die zuständige Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost. "Wir hatten lediglich keine konkreten Anhaltspunkte, die die Zahl infrage stellen." Die Kommunikation und Veröffentlichung der Teilnehmerzahl sei Sache der Veranstalter. "Eine eigene Zählung der Polizei ist nicht durchgeführt worden." Für die Behörden steht die Sicherheit an erster Stelle, nicht die Masse. Die Veranstalter erklären demgegenüber, die Zahl sei mithilfe von Webcams und von einer erhöhten Position auf dem Platz anhand des verfügbaren Platzes ermittelt worden. Einbezogen wurde auch der stetige Zustrom, der zwar gegen 12.30 Uhr aus Süden und Osten abgeebbt sei. Doch über die Pontonbrücke, die die Bundeswehr und das Technische Hilfswerk extra errichtet hatten, seien noch weitere etwa 5.000 bis 10.000 Menschen angekommen. Insgesamt waren die drei Zugänge für 50.000 Menschen pro Stunde ausgelegt.

Waren also 120.000 Menschen beim Festgottesdienst, wie es die Veranstalter behaupteten? Zumindest von einer wunderbaren Vermehrung von Teilnehmern ab 11.02 Uhr lässt sich wohl sprechen.