Kann ich da lang laufen?

In die Bronx? "Komm heil wieder", hat meine Frau gesagt. "Pass bloß auf dich auf", sagten meine Nachbarn. "Hast du eine kugelsichere Weste?", fragte ein Freund. Ich hatte mit solchen Reaktionen gerechnet, und ehrlich gesagt gefielen sie mir. Aber dass der New Yorker Taxifahrer genauso erstaunt ist, irritiert mich etwas.

Wir rollen über die Triborough Bridge, über der Skyline von Manhattan geht die Sonne unter, vor uns liegen die braunen Häuserblocks der Bronx, des nördlichsten und berüchtigtsten Teils der Stadt. Vor einem Monat, sagt der Fahrer, sei dort ein Bekannter von ihm, wie er aus Bangladesch, von seinem Vermieter erstochen worden. "I’m scared to go there."

Die Bronx: Zum ersten Mal hörte ich davon, als ich zehn oder elf war. Es waren die späten Achtziger im Hamburger Vorort Wedel: Björn, ein Freund meines großen Bruders, legte Kassetten ein, Run DMC, Public Enemy, KRS-One, Grandmaster Flash. Erst fand ich den Sprechgesang seltsam, dann begann ich mitzunicken. Und schon bald trug ich, wie meine neuen Vorbilder, adidas-Turnschuhe ohne Schnürsenkel und eine Cap, tief ins Gesicht gezogen, mit dem Emblem der Yankees, einer Baseballmannschaft aus der Bronx. Von den Rap-Texten verstand ich wenig, aber wenn KRS-One "South Bronx" bellte, war klar, dass das nichts Gutes bedeutete. Die erste Disco, die ich regelmäßig besuchte, hieß Bronx, dort lief Hip-Hop rauf und runter. Im Track Bronx War Stories rappte der Wu Tang Clan über den wüsten Alltag im Viertel: Bandenkriege, Crackdealer, Kopfschüsse – das war für mich die Bronx.

Vor ein paar Monaten stieß ich auf den Reiseseiten der New York Times auf eine Liste mit den 52 Places to Go für 2017: Zermatt, Schweiz. Osaka, Japan. Madagaskar. Malediven. South Bronx. Ich dachte, ich lese nicht richtig: Cafés, Galerien, Boutiquen. Restaurants, ein Dachterrassen-Biergarten, ein neues Hotel ... Urlaub in der Bronx? Im Ernst?

Ich bin kein Gefahrensucher, schon damals in Wedel war ich einer der Harmlosen. Aber plötzlich öffnete sich eine Tür in das verbotene Land meiner Jugend. Wie cool das klang: Ich fahre in die Bronx! Wobei die South Bronx aus meiner Jugend womöglich gar nicht mehr existierte. Sollte es nur noch Hipster statt Gangster geben? Das musste ich sehen.

Mein Hotel ist das einzige in der 149. Straße, der Einkaufsmeile im Herzen der South Bronx. Bei nycgo.com, dem offiziellen New York City Guide, ist es als einziges in der gesamten Bronx gelistet. Allzu weit ist es mit dem Tourismus hier offenbar noch nicht. Das Opera House Hotel liegt hinter einer Beaux-Arts-Fassade, ein umgebautes Opernhaus mit dunkel vertäfelten Wänden und hohen Fenstern.

Ich werfe mich aufs Bett und schalte den Fernseher an. News 12 The Bronx zeigt abwechselnd Polizisten und Fahndungsfotos, die Reporter reden von shootings, shootings, shootings und zur Abwechslung von einer Macheten-Attacke. Als ich abschalte, heulen vor meinem Fenster Sirenen. Es ist spät am Abend, aber ich bin zu hungrig, um schlafen zu gehen. Im Hotel gibt’s nur Kekse, also muss ich wohl oder übel noch mal raus.

In Deutschland ist es jetzt mitten in der Nacht, vielleicht kommt es mir deshalb vor wie ein böser Traum: Der Bürgersteig ist voller schwarzer Müllsäcke, ein Mann geht stark vornübergebeugt, als sei er gerade angeschossen worden. Auf dem Bürgersteig kauert ein Bettler und fleht mich an: "Please help me!" Ich halte mein Portemonnaie in der Tasche fest und rette mich in ein dominikanisches Restaurant. Die Kellnerin spricht nur Spanisch, ich zeige auf ein Bild auf der Karte, bekomme gegrillte Flunder mit Bohnen. Am Ende bin ich froh, zurück im Hotel zu sein.

Am nächsten Morgen ist der Bürgersteig voller Menschen. Das Viertel hat etwas von Bangkok oder Berlin-Neukölln: blinkende Handygeschäfte, schmucklose Restaurants mit frischem Fisch in der Auslage, überall Straßenstände mit Sonnenbrillen, Handtaschen, Lippenstiften. Der Obsthändler ruft: "Strawberries-strawberries-one-dollar-one-dollar!" Es ist fast wie Urlaub. Nur dass die Touristen fehlen. Die meisten Hotelgäste sind allein wegen der Nähe zu Manhattan hier abgestiegen. Auf der Straße sind keine Weißen zu sehen. Zwei Drittel Latinos, ein Drittel Schwarze. Und ich.

Der Bettler, der in der Nacht auf dem Boden kauerte, ist nun einer von vielen. Die meisten versammeln sich vor dem Liquor Store, versoffene Gestalten mit Krückstöcken und in Rollstühlen, Veteranen der Bronx War Stories. An der Kreuzung zur Third Avenue parkt ein Eiswagen und spielt eine Kindermelodie. Mit einem Softeis in der Hand stehe ich da und beobachte einen Mann ohne Schneidezähne, der mit einem Bündel aufblasbarer Kinderpuppen umherläuft wie ein Ballonverkäufer auf dem Jahrmarkt. Es ist rührend. Der place to go, von dem die New York Times schreibt, muss irgendwo anders sein.

Ich treffe Dan Abatelli, einen ehrenamtlichen Guide, der Besucher durch die Nachbarschaft führt; bis zu seiner Pensionierung hat er hier als Lehrer gearbeitet. Sein Foto im Netz wirkte sehr vertrauenswürdig: ein stoppeliger grauer Wolf, Typ Onkel, der einen dorthin mitnimmt, wo man mit den Eltern nicht hindarf. Aber meine Erwartung wird enttäuscht: Die Gegend um die St. Ann’s Avenue, auf der wir gen Süden spazieren, wirkt wie ein nettes Wohngebiet. In der 139. Straße bleiben wir vor einer Zeile Reihenhäuser stehen, mit verschnörkelten Eisengeländern an den Außentreppen. Seit ein paar Jahren, erzählt Dan, klingeln hier Leute an den Türen und bieten Kaufsummen, bei denen manchen Besitzern schwindelig werde.