Sind vierzig Prozent der Deutschen Antisemiten? Diese Zahl legt der Bericht des zweiten Unabhängigen Expertenausschusses Antisemitismus nahe, der jüngst dem Bundestag vorgelegt wurde. Vierzig Prozent der Befragten, heißt es dort, zeigten "Zustimmung zum israelbezogenen Antisemitismus". Der "klassische Antisemitismus" kommt nur auf sechs Prozent Zustimmung.

Diese Diskrepanz zeigt, warum ein differenzierter Umgang mit dem Begriff so wichtig ist. Ist all das, was die Studie Antisemitismus nennt, tatsächlich Antisemitismus? Oder wird bisweilen eine legitime politische Haltung mit diesem Etikett belegt?

Antisemitismus ist ein Vorurteil, eine Haltung, die sich negativ und irrational auf die Gesamtheit der Juden bezieht. Seit Erfindung dieses Begriffs in Deutschland vor 128 Jahren diente er als Ersatz für den religiös konnotierten Begriff Judenfeindschaft. Neben dem klassischen Antisemitismus beschreibt der Expertenbericht einen "sekundären" Antisemitismus. Seine Merkmale sind unter anderem die Forderung nach einem "Schlussstrich" unter die NS-Aufarbeitung und die Leugnung der Schoah. Zusätzlich gibt es eine dritte Variante, den "israelbezogenen Antisemitismus".

Zunächst zum "klassischen" Antisemitismus, der nichts als eine Spezialform des Rassismus ist: Über die sechs Prozent der Deutschen hinaus, die im Jahr 2016 dieser Variante anhingen, waren etwa zwanzig Prozent antisemitischen Aussagen "zumindest nicht ganz abgeneigt". Das Fazit der Berichterstatter: "Im historischen Vergleich mit der Zeit vor 1945, aber auch mit den letzten 60 Jahren in Deutschland (...), war der offene Antisemitismus gesamtgesellschaftlich wohl selten so sehr an den Rand gedrängt wie heute." Die Abneigung gegenüber Juden (5 Prozent) erscheint im Vergleich zur Abneigung gegenüber Osteuropäern (14 Prozent), Muslimen (21 Prozent) oder Asylbewerbern (29 Prozent) sogar eher nebensächlich. So unerfreulich diese Zahlen noch immer sind, der "klassische" Antisemitismus bewohnt immer kleinere politische Nischen. Laut dem Bericht ist der "Hauptträger" der Judenfeindschaft – wenig überraschend – der Rechtsextremismus. Aber, das ist neu, mit der AfD dringt der Antisemitismus weiter in die gesellschaftliche Mitte vor: "Die Zustimmung zu Positionen der AfD und neurechten Positionen ... ist empirisch ebenfalls eindeutig mit Antisemitismus verknüpft."

Aus israelischer Sicht gilt die Aufmerksamkeit vornehmlich dem sogenannten "israelbezogenen Antisemitismus" mit seiner vierzigprozentigen Zustimmungsrate. Schließlich greifen Antisemiten immer wieder zur "Israelkritik", um ihren eigentlich "klassischen Antisemitismus" zu vertuschen. Doch umgekehrt stellt sich die Frage, ob Israelkritik jeder Art tatsächlich der Rubrik Antisemitismus zuzuordnen ist. Ein bekannter isrealischer Fernsehkommentator stellte dieser Tage sogar den jüngsten Eklat während des Besuches von Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (der darauf bestand, Vertreter regierungskritischer israelischer NGOs zu treffen) in diesen Zusammenhang.

Nach dem Bericht des Expertenausschusses gehört unter anderem die Zustimmung zu dem Satz "Es ist ungerecht, dass Israel den Palästinensern Land wegnimmt" zur antisemitischen Israelkritik. So gesehen sind sogar friedensbewegte Israelis "antisemitische Israelkritiker". Das ist absurd. Israelbezogene Kritik ist erst dann antisemitisch, wenn nicht die Regierungspolitik, sondern das Existenzrecht des Staates Israel infrage gestellt wird. Oder wenn judenfeindliche Stereotype oder Absichten im Spiel sind. Zu Recht wird an anderer Stelle des Expertenberichts betont, dass sich "Israelkritik" und politischer Antizionismus nur teilweise "unter das Konzept des Antisemitismus subsumieren lassen".

Hat die israelische Regierung vielleicht selbst einen Anteil daran, dass die Kategorien verschwimmen? Da Antisemitismus nichts als Vorurteil ist, kann das Verhalten von Juden eigentlich per se weder Ursache noch Rechtfertigung für antisemitische Argumente sein. Und doch können gewisse Positionen der Regierung des Judenstaates sehr wohl zur Verbreitung des Antisemitismus beitragen. Das kennen wir aus der Geschichte – dort, wo die "Judenfrage" relevant zu sein schien, fanden Antisemiten im öffentlichen Raum mehr Widerhall. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde Antisemitismus immer wieder als Lösung der "sozialen Frage" angeboten.

Stellen wir eine heikle kontrafaktische Frage: Wie wäre es um den Antisemitismus in Deutschland bestellt, wenn es Israel, wenn es die israelische Palästinapolitik nicht gegeben hätte? Wie judenfeindlich wäre dieses Land, wenn sich der Staat Israel nicht als Alleinvertreter der Juden präsentiert hätte, der palästinensische Gebiete besetzte? Schließlich ist der Verdacht nicht unbegründet, dass die israelische Politik dabei hilft, schlummerndes antisemitisches Potenzial freizusetzen. Eine verantwortliche israelische Regierung müsste dies in Erwägung ziehen – vor allem aus Rücksicht auf die Interessen der Diasporajuden.

Damit soll selbstverständlich nicht an der historischen Verantwortung gerüttelt werden, die auf Deutschland lastet. Mehr Aufklärung, mehr Mut sind insbesondere in Anbetracht der neuen Herausforderungen – der sozialen Medien und des Antisemitismus bei Teilen der muslimischen Minderheit in Europa – nötig.

Aber auch von Israel darf man etwas erwarten, eine Einsicht nämlich: Wer "Antisemitismus" ruft, wo keiner ist, der schadet dem Kampf gegen Antisemitismus.