Der Keller eines Seniorenheims in Hamburg-Horn. Kinder wuseln umher, Männer mit Verbänden sitzen auf Stühlen, Schwangere lehnen mit geschlossenen Augen an der Wand. Ein Gemurmel aus Rumänisch, Polnisch, Arabisch und gebrochenem Deutsch. Als Ärzte in weißen Kitteln über den Flur gehen, sticht einer heraus: Peter Ostendorf, 78, schwarze Kleidung, ruhige Stimme. Der Chefarzt im Ruhestand gründete 2014 Hamburgs Praxis ohne Grenzen. In ihr werden Menschen behandelt, die keine Krankenversicherung haben.

DIE ZEIT: Herr Ostendorf, wer kommt zu Ihnen?

Peter Ostendorf: Hauptsächlich papierlose Ausländer. Etwa 40 Prozent aus Afrika: Somalia, Eritrea, Uganda, Ghana. 40 Prozent aus den östlichen EU-Staaten: Rumänien, Bulgarien. Der Rest sind Polen, Mazedonier, Russen, Südamerikaner und auch deutsche Patienten.

ZEIT: Wie kann es sein, dass ein Deutscher keine Krankenversicherung hat? Es gibt doch eine Versicherungspflicht.

Ostendorf: Am häufigsten handelt es sich um Privatversicherte aus dem Mittelstand, die in die Insolvenz geraten sind. Das Erste, was viele aufgeben, ist die private Krankenversicherung.

ZEIT: Weil sie zu teuer ist?

Ostendorf: Zu teuer für diese Patienten jedenfalls. Die Autoversicherung führen sie weiter, die Feuerversicherung auch, aber bei der Krankenversicherung heißt es: Ich bin ja gesund. Und dann kommen diese Leute mit 60 Jahren zu uns, haben seit zehn Jahren keinen Arzt gesehen, wichtige Symptome verdrängt. Viele schämen sich, eine kostenlose Behandlung anzunehmen.

ZEIT: Wie oft kommt es vor, dass Deutsche Ihr Angebot nutzen?

Ostendorf: Etwa fünf bis zehn Prozent unserer Patienten sind Deutsche.

ZEIT: Wie können Sie sicher sein, dass diese Personen nicht einfach zu geizig sind für eine Krankenversicherung?

Ostendorf: Unsere deutschen Patienten befinden sich häufig in schlimmerem Zustand als die Ausländer. Sie haben kaum noch Zähne, Geschwüre an den Beinen. Viele sind obdachlos. Gestern war ein Deutscher hier, er war extrem arm, hatte seit Jahren keine Versicherungsbeiträge gezahlt. Da entstehen hohe Strafbeiträge.

ZEIT: Was haben Sie für ihn tun können?

Ostendorf: Unsere Sozialarbeiterin hat mit seiner gesetzlichen Krankenkasse verhandelt, sie haben sich auf kleine Nachzahlungsraten von 30 Euro geeinigt. So haben wir ihn wieder in die Kasse eingliedern können.