Mit dem Eros des Vermittlers: Pierre-Laurent Aimard (rechts) und György Ligeti, vor einigen Jahren auf einer Schiffsfahrt über den Bodensee © Louise Duchesneau

Nicht eilen. Melodie leidenschaftlich. Tempo!!! Fingersatz!!!! Reprise vorbereiten. Nicht schmieren! Seitenthema lyrisch. Legato! Links leiser. Pedal!

Mit solchen Notizen verewigten sich Generationen von Klavierlehrern in den Noten ihrer Schutzbefohlenen. Die Einträge stehen über und zwischen den Noten, als Gedächtnisstützen und rote Ampeln, die das musikalische Fahrverhalten des Schülers regeln. Lautlos bannt der Bleistift die Kommunikation einer pädagogischen Zweierbeziehung.

Der Klavierlehrer von heute, der ein breiteres Publikum ansprechen möchte, bedient sich der Möglichkeiten der digitalen Moderne. Ein Gründervater progressiver medialer Schulungsmethoden war der kanadische Pianist Glenn Gould, der in den sechziger Jahren das Fernsehen als Multiplikator entdeckte. Im Studio platzte er allerdings schier vor Dozentenlust und stellte an sein Publikum höchste Ansprüche. Wenn Gould Schönberg oder Webern erklärte, schalteten zwischen Vancouver und Québec viele ab.

Wie man zeitgenössische Musik so geistreich vermittelt, dass auch der Laie Lust bekommt, sich ihr zu nähern, macht der fabelhafte französische Pianist Pierre-Laurent Aimard vor. Sein Internetprojekt Explore the Score, das er mit dem Klavierfestival Ruhr und dem Musikverlag Schott für die Musik des ungarischen Komponisten György Ligeti (1923–2006) entwickelt hat, nimmt den Zuhörer regelrecht an die Hand. Aimard, der Lehrer, öffnet den Werkzeugkasten des Komponierhandwerks und drückt uns verschiedene Bauanleitungen in die Hand, als sei eine absurd schwierige Etüde wie Entrelacs nur wenig komplizierter als das Zusammenschraubsystem eines gewissen schwedischen Billy-Regals.

Ist sie natürlich schon, die Etüde. Ligetis Klavierstücke sind atemberaubende Versuche über die Aufspaltung von Zeit. Oft lässt der Ungar Rhythmen und Metren, wie er sagt, "auf mehreren Etagen" ablaufen. Dann kriecht eine Passage durch den Keller, während eine andere im Parterre zugange ist und die dritte durchs Dachgeschoss zu rennen scheint. In Wirklichkeit sind die Sechzehntelnoten aller "Etagen" natürlich gleich schnell, nur die Phasen, in denen Ligeti sie organisiert, sind ungleich lang. So wirkt Entrelacs wie ein kalkulierter, knapp dreiminütiger Taumel.

Das Stück erfordert einen kolossal virtuosen Pianisten mit zehn schier autonomen Fingern – also einen wie Aimard, dem am 2. Juni in München der begehrte Ernst von Siemens Musikpreis verliehen wird. Aimards manuelle und intellektuelle Kompetenz ist so groß, dass ihm, wie Ligeti gesagt hätte, die perfekte "Illusion" für Entrelacs glückt. Denn in Wirklichkeit sind in dieser Etüde sogar sieben Stockwerke auf zehn Notenlinien verbaut; und damit der Hörer in diesem Gedränge nicht verloren geht, nimmt sich Pierre-Laurent Aimard in einem Video vom Klavier aus viel Zeit, dieses Schichtenmodell zu erklären (er spricht dabei von "Glocken", deren Akzente die Phasenlänge bestimmen). Dank des langsam singenden Deutsch des Franzosen kapieren wir, warum Ligeti die Takteinheiten abgeschafft hat, ja abschaffen musste. Staunenswert, wie lieblich die Akzente in Entrelacs tatsächlich wie von einem Kirchturm niederhallen. Ein sanftes Stück, teuflisch verzwickt. Wer sich nun ans Klavier setzt, um es nachzuspielen, wird bald begreifen, wie viel sie oder ihn doch von dem genialen Glöckner Aimard trennt.

Um die menschenfreundliche Internet-Volkshochschule von Explore the Score betreten zu können, benötigt man vor allem einen stabilen Netzzugang. Sodann öffnet sich per Mausklick alles: der Pianist, der die Ligeti-Etüden spielt und zuvor spielpraktische Tipps gibt. Die Partitur, die, farbig gegliedert, zeitgleich mitläuft. Der Komponist, der im Hintergrund Anmerkungen macht. Und die Funktion "Meisterkurs", die spezielle Spielprobleme diskutiert.

Pierre-Laurent Aimard (rechts) und György Ligeti bei der Arbeit im Zug © Louise Duchesneau

Die Musik des 20. Jahrhunderts hat Aimard stets als Seminarraum empfunden, dessen Besuch ihn mit Glück erfüllte. Als der 1957 in Lyon geborene Pianist in Paris zu studieren begann, besuchte er oft die Kirche Sainte-Trinité. Dort spielte jeden Sonntag ein alter Mann Orgel, es war der große Olivier Messiaen. Aimard wurde sein spiritueller Zögling, studierte bei seiner Ehefrau Yvonne Klavier, versenkte sich in die katholische Bekenntnismusik Messiaens – und spielte später dessen riesenhaftes Meisterwerk 20 Blicke auf das Jesuskind. Dieser Zyklus ist kein Krippen-Mehrteiler mit Stallgeruch, sondern eine Collage über die Mysterien der Gotteskunde. Aimard wagt Poesie und eiserne Rhythmik und imitiert Vogelrufe so lebensecht, als sei der Flügel eine Voliere. Doch wenn er Oktaven in die Klaviatur hämmert, denkt man an das Kreuz von Golgatha.

18 Jahre lang war Aimard Pianist in Pierre Boulez’ Ensemble InterContemporain. Trotz Messiaen, trotz Ligeti, trotz Ives und all den anderen aber ist er kein Fachidiot oder Ideologe geworden. Vielmehr pflegt er das Motto, dass Lehrende lebenslang Lernende bleiben sollten. Die Geschichte der Musik hat er sich gleichsam rückwärts erobert, wodurch er für revolutionäre Potenziale wach geblieben ist. Wenn er Liszt spielt, hören wir den Komponisten als Architekten der Zukunft, der neue Formen des Erzählens erfindet. Bei Bachs Kunst der Fuge hingegen hütet er sich davor, die Härte des kontrapunktischen Gesetzes walten zu lassen. Aimards Bach ist katholisch und liebt das Halbdunkel, als würde sein Interpret den Klavierkatheder gelegentlich ganz gern gegen die Kniebank tauschen.

Es könnte gut sein, dass hier, in Aimards Bach-Noten, mit sehr dünnem Bleistift geschrieben steht: Bloß nicht zu laut!

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