Es gibt eine Anekdote über den Professor Sigmund Freud aus Wien, wonach der Mann in eisigen Nächten bisweilen kurz den Fuß unter der Bettdecke hervorgestreckt haben soll, um den Genuss der Wärme unter den Daunen durch den Kontrast zur Kälte noch einmal zu steigern. Freud kann dafür natürlich nichts, aber das, was manche Leute neuerdings am Flughafen von Los Angeles machen, funktioniert nach genau dem gleichen Prinzip.

Ein paar Herrschaften frequentieren dort seit Kurzem nämlich ein neues Terminal, genannt "The Private Suite", wo sich das ganze Vorprogramm einer Flugreise gegen circa 3.000 Dollar Gebühr sehr komfortabel gestalten lässt. Die Gäste bekommen eigene Check-ins und persönliche Sicherheitskontrollen, es fährt sie eine private Limousine an den Flieger. Während man wartet, spurten Diener herbei: Sie bringen fabelhaftes Essen mit Grand Vin. Das gibt es in ähnlicher Form auch am Flughafen Frankfurt.

Der wahre Reiz der Private Suite besteht natürlich darin, dass man sich nicht unter jene Kanaillen mischen muss, deren endloser Strom in den übrigen Terminals durchgeschleust wird. Um die Freude hierüber noch einmal zu steigern, hat man im Luxus-Terminal ein paar Bildschirme aufgestellt, auf denen sich das Treiben in den gewöhnlichen Terminals live beobachten lässt. Womit wir wieder bei Freud wären, denn es ist ja gar nicht zu leugnen, dass sich ein Aufenthalt in der Private Suite wie das Liegen in einem herrlichen Bett anfühlen muss. Während das normale Fliegen dementsprechend eine entsetzliche Kälte darstellt, ohne wärmende Bettdecke.

Economy-Flüge gehören zu den Strafen, die dadurch gesteigert werden, dass man für sie bezahlt hat. Das Loch im Strumpf, das man seinen Mitreisenden präsentieren muss, weil man im Sicherheitscheck die Schuhe auszuziehen hat, und das demütigende Abgeben von Handy, Portemonnaie, Gürtel und Schlüssel, den Emblemen unserer kümmerlichen Souveränität. Endlich das Klemmen in Sitz 26 B, Dreierreihe Mitte. Es ist entweder sehr kalt oder sehr heiß im Flugzeug. Irgendwann gibt es Essen, chicken oder Pasta. Immer scheint jemand auf dem Essen gesessen zu haben. Man würde furchtbar gern die Beine ausstrecken, es geht nicht.

Die Bitterkeit des Normalo-Fliegens wird in umgekehrter Freud-Manier gesteigert, wenn sich im Trennvorhang für Sekunden ein Spalt öffnet, durch den der Unterdeck-Passagier einen Blick erhascht auf die Möglichkeit einer besseren Welt. Er sieht, ganz kurz nur, ein Glas, in dem Champagner perlt, eine weiße Tischdecke, ausgestreckte Beine, über die eine flauschige Decke drapiert ist, aus der Füße in tadellosen Socken herausschauen. Im Passagier erwacht ein geradezu archaisches Gefühl. Er spürt eine helle Wut, seine Hand schließt sich um eine imaginierte Mistgabel, es regt sich in ihm ödipales Aufbegehren gegen die Welt der Habenden.

In Istanbul, London und anderen Metropolflughäfen der Welt gibt es für die ersten beiden Klassen inzwischen sogar eigene Passkontrollen. Dort trennt auch der Staat die Reichen von den Armen. Nach dem Motto: Wer hat, dem wird gegeben.

Wir leben in einer Welt universaler Menschenrechte, mit gleichzeitig sehr unterschiedlichen Lebensweisen. Für diese Verschiedenheit sind ganz wesentlich Einkommensunterschiede verantwortlich. Und auch wenn Sie jetzt zu Recht sagen, ein Jammern über die Inhumanität des Economy-Fliegens sei in gewisser Hinsicht das Degenerierteste, was die erste Welt überhaupt produzieren kann, so bietet es sich als Illustration für das Unrecht mancher Privilegien letztlich doch vielleicht eher an als der ständig geforderte Blick auf jenen aidskranken Bettler, der in Afrika krepiert, denn dessen Anblick ertragen wir nicht wirklich, und die Aufgabe, die er uns stellt, erscheint zu groß.

Daher soll an dieser Stelle auch keine Aufforderung zur Rettung, bloß der Vorschlag zu einer ganz bescheidenen Verbesserung der Welt gemacht werden: Flugzeugklassen abschaffen, gewonnenen Raum egalitär verteilen. "The Private Suite" stürmen, Beute im Volk verteilen.