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Ende 2000 traten Gefangene in 20 Haftanstalten der Türkei gleichzeitig in das sogenannte Todesfasten. Sie nahmen ihren Tod in Kauf, für den Fall, dass ihre Forderungen nicht erfüllt würden. Die Regierung war zu keinem Entgegenkommen bereit, konnte aber in den Gefängnissen nicht intervenieren. Man steckte in einer Sackgasse. Der Justizminister bat eine Gruppe Intellektueller um Vermittlung. Es waren fünf Persönlichkeiten wie Yaşar Kemal und Orhan Pamuk, auch ich gehörte dazu. Wir fuhren zum Gefängnis Bayrampaşa in Istanbul. Wir sprachen mit den Gefangenen, nahmen ihre Forderungen auf, übermittelten sie dem Minister und suchten nach einem Kompromiss.

Es war Ramadan. Ein Abgeordneter unserer Delegation fastete. Als die Sonne unterging, gaben die Fastenden einander Zeichen. Kurz darauf kam ein Tablett mit Speisen für den Abgeordneten, damit er das Fasten brechen konnte.

Die Szene berührte mich zutiefst. Menschen, die für Gerechtigkeit fasteten, brachten jemandem, der als Gottesdienst fastete, zu essen. Die Speisen auf dem Tablett hätten sie ins Leben zurückholen können, doch sie rührten sie nicht an.

Leider scheiterten die Vermittlungsversuche. Eine Woche später schritt der Staat brutal ein, dabei kamen 32 Menschen um.

Sind in einem Land die gesetzlichen Wege, sein Recht zu bekommen, versperrt, können Menschen, denen Unrecht widerfährt, bereit sein, ihr Leben für ihre Rechte zu geben.

Das taten letzten Monat zwei Pädagogen. Erdoğan, der den Umsturzversuch vom 15. Juli nutzte, um seine Macht zu erweitern, blies zur Hexenjagd und entließ 150.000 Angestellte aus dem öffentlichen Dienst. 50.000 von ihnen waren Lehrer oder Wissenschaftler.

Darunter Nuriye Gülmen und Semih Özakça. Sie waren zu Unrecht entlassen worden, ihr Einspruch blieb folgenlos. Schließlich begannen sie mit der Forderung "Ich will meinen Job zurück" einen Sitzstreik vor dem Menschenrechtsdenkmal in Ankara. Vier Monate lang griff immer wieder die Polizei ein, und Gülmen und Özakça traten in den Hungerstreik. Die Pädagogen mit stets freundlicher Miene wurden von Tag zu Tag schwächer und kamen dem Tod näher, die Regierung tat keinen Schritt auf sie zu. Bald wuchs die Solidarität, weitere Hungerstreikende schlossen sich an. Als am 76. Tag die Lage kritisch wurde, griff die Polizei ein. Die Pädagogen wurden wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer Terrororganisation verhaftet, das Menschenrechtsdenkmal wurde abgeriegelt, die Aktion beendet. Gülmen und Özakça setzen ihren Streik im Gefängnis fort. Sie klagen nicht über Hunger, sondern über den beschränkten Zugang zu Büchern.

Letzte Woche begann in der islamischen Welt der Ramadan, Millionen Menschen fasten. Doch die aus Glaubensgründen Fastenden reichen den für Gerechtigkeit Fastenden diesmal leider nicht die Hand.

In der Türkei hungert man vor allem nach Gerechtigkeit.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe