Erstaunlich, dass an dieser Stelle noch nie von Adrian McKinty die Rede war, diesem superbegabten Iren. Val McDermid, unermüdliche Pflegerin von Talenten, bringt seins auf den Punkt: "McKinty liefert immer." 2012 startete der 1968 in Belfast geborene Autor eine Serie, die ihresgleichen sucht: eine Geschichte der "Troubles" in Nordirland seit 1981, als Kriminalroman. Da trat McKintys "katholischer Bulle" Sean Duffy seinen Dienst an. Duffy verkörpert irische Widersprüche. Er ist Katholik, aber Detective in der protestantischen Royal Ulster Constabulary, ein Romantiker, aber mit Bums, wenn es drauf ankommt, ebenso pragmatisch wie unbeirrbar als Verfolger der Reichen und Ungerechten. Er ist gebildet (der einzige Mensch in Irland, der Wolfgang Rihms Klavierstück Nummer 1 kennt), aber Provinzler. Trotz einiger Ausflüge in höhere Geheimdienstgefilde ist er über Carrickfergus nicht hinausgekommen: Die kleine Stadt mit Blick auf Belfast bietet eine gute Perspektive auf die Geschehnisse. Nicht im Zentrum der Troubles, aber nah dran.

Rain Dogs ist der fünfte Roman der Serie, mit ihm kann man gut anfangen. Duffy ist nach überstandenen Bombenanschlägen, internationalen Verwicklungen (auch mit den US-Steuerbehörden) und Geheimdienstintrigen abgebrüht – ein alter Mann von beinahe vierzig, dem die zehn Jahre jüngere Freundin den Laufpass gibt. Das Buch beginnt mit einer wunderbar erfundenen Szene: Muhammad Ali allein gegen pöbelnde Ultras in Belfast. Dann tauchen Finnen auf, Investoren braucht das gebeutelte Land, und als diese zum Abflug packen, liegt eine Journalistin zermatscht im Hof von Carrickfergus Castle. Selbstmord muss es sein, die Burg war hermetisch verriegelt, zumal zwei Locked-Room-Mysteries in einer Polizistenkarriere statistisch undenkbar sind. Entsprechend viel Lesezeit – und Kenntnis der Bayesschen Wahrscheinlichkeitsrechnung – ist nötig, um aus Selbstmord einen schwer beweisbaren Mordverdacht werden zu lassen. Mit Terrierzähigkeit klaubt Duffy Verdachtsfitzelchen (Indizien kann man sie noch nicht nennen) zusammen, bis er auf einer zugefrorenen Eisfläche in Finnland die Bestätigung erhält. Doch dann geht es zack-zack.

Irlands und Ulsters Geschicke "am Rande des untergehenden British Empire" lassen sich, so denkt Duffy, nur als "absurdes Drama" sinnvoll erzählen. Globalisierung, Bürgerkrieg und gar nicht so schlichter Mord – McKinty packt dies in ein beinahe klassisches Krimiformat. Mit dem Unterschied, dass Erkenntnis und Wiederherstellung von Ordnung so selten sind wie Rihm-Kenner in Nordirland.

Adrian McKinty: Rain Dogs.  A. d. Engl. v. P. Torberg; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 412 S., 14,95 €