Als Personalmanager Dirk Schulte im Herbst 2013 Besuch vom Betriebsratsvorsitzenden Hasan Cakir bekam, stellte er sich auf ein unangenehmes Gespräch ein. 1.500 Arbeitsplätze musste das Unternehmen Salzgitter AG damals abbauen, zu groß waren die Verluste des Stahlkonzerns. Allein 2013 sollten sie am Ende fast eine halbe Milliarde Euro betragen.

Schulte war einer der verantwortlichen Personalmanager und Geschäftsführer der Tochter Salzgitter Flachstahl. Doch Cakir interessierte sich offenbar weniger für die Arbeitsplätze der Kollegen als für die seiner Mitstreiter im Betriebsrat (BR).

Beim Konzernumbau sollte die Unternehmenstochter Salzgitter Service und Technik mit der Salzgitter Flachstahl GmbH verschmolzen werden. In der Folge würde es auch weniger Betriebratsmandate geben. Für den selbstbewussten Cakir war das zu viel. Er soll von Schulte eine Besserstellung der ausscheidenden Betriebsräte verlangt haben. Mit der ZEIT will Cakir heute nicht reden, doch im Herbst 2013 erzählte er Betriebsratskollegen von seinen Absichten.

In einem internen Protokoll der IG-Metall-Fraktion vom 24. September 2013 heißt es: "Kollege Cakir weist darauf hin, dass nach einer Verschmelzung und nach einer gemeinsamen BR-Wahl in Summe 15 BR-Mandate weniger existierten." Und weiter: "Um den Verlust von BR-Mandaten abzumildern, sollten 5 Sachverständige für den BR benannt werden." Zusätzlich "solle es gesonderte Regelungen für BR-Kollegen geben", die sich in Altersteilzeit befänden.

Klingt ganz harmlos. Aber was Cakir von Schulte verlangt haben soll, wird demnächst die Staatsanwaltschaft Braunschweig beschäftigen.

Der Betriebsratschef fordert Privilegien, doch da will der Manager nicht mitspielen

Nach einem Artikel über den Umgang des Betriebsrats mit dem Nicht-IG-Metaller Adnan Köklü (ZEIT Nr. 15/17) ging bei der Behörde per E-Mail eine anonyme Anzeige wegen Begünstigung von Betriebsräten ein. Darin werden nicht nur Vorwürfe gegen Cakir erhoben, sondern auch gegen IG-Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban. Der ist zugleich stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Salzgitter AG. Ihm wird unterstellt, massiv Druck auf Schulte ausgeübt zu haben. Der Vorgang soll seinerzeit sogar die Konzernspitze beschäftigt haben und führte am Ende dazu, dass nicht Cakir seines Amtes enthoben wurde, sondern Personalchef Schulte das Unternehmen verließ. Doch der Reihe nach.

Wie ein Unternehmen seine Betriebsräte vergütet, ist im Betriebsverfassungsgesetz klar und eindeutig geregelt. Paragraf 78 Satz 2 besagt: Mitglieder des Betriebsrats dürfen wegen ihrer Tätigkeit weder benachteiligt noch begünstigt werden. Im Grunde muss der Lohn so weiterlaufen, als wenn der Mitarbeiter nie in den Betriebsrat gewechselt wäre, Lohnerhöhungen, die vergleichbare Kollegen erhalten, bekommt auch das Betriebsratsmitglied. Wer aus dem Gremium ausscheidet, kehrt im einfachsten Fall auf den alten Arbeitsplatz zurück. Aber eben auch keinen besseren.