Ein heißer Sonnentag im Leipziger Stadtteil Plagwitz: Sandra Hüller sitzt im Garten eines Cafés auf dem Gelände der Baumwollspinnerei – dort, wo Künstler wie Neo Rauch ihre Ateliers haben. Hüller, in Thüringen geboren, lebt selbst seit einiger Zeit wieder in Leipzig.

DIE ZEIT: Frau Hüller, Sie haben mal gesagt, dass Sie sich in Berlin immer einsam gefühlt haben. Wie ist es in Leipzig?

Sandra Hüller: Eigentlich am schönsten bis jetzt. Weil ich hier Familie habe, das ist ideal. Dass alle beisammen sind, das hatte ich früher nie. Als junge Schauspielerin bin ich alleine durch die Welt gereist, das Theater war meine Familie. Jetzt habe ich die echte um mich, so oft es geht.

ZEIT: Ist das dieser berühmte Magneteffekt Leipzigs? Es strömen Menschen von überall hierher.

Hüller: Ja, wahrscheinlich ist es das. Bei mir war es so, dass ich mich nach dem Ende der Intendanz von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen fragte: Wie geht ’n das jetzt weiter? Zuerst denkt man an Berlin, klar. Dann dachte ich: Nein, ich probiere Leipzig. Hat sich ausgezahlt.

ZEIT: Gibt es etwas, das Sie stört an Berlin?

Hüller: Nein, ich will und kann gar nichts Schlechtes über Berlin sagen. Was mir in Leipzig einfach gefällt: Es gibt nicht so viel Sendungsbewusstsein, es wird nicht den ganzen Tag Haltung und Mode transportiert. Das ist mir recht, denn wenn ich Brötchen kaufen gehe, ist mir so etwas wie Wirkung egal. Ich verschwinde gerne.

ZEIT: Ist hier vieles noch anders?

Hüller: Ja, das Gefühl hab ich sehr stark.

ZEIT: Woran liegt das? Daran, dass es Osten ist?

Hüller: Das kann sein. Die Menschen sind entspannt, und das ist trotzdem nicht Provinz. Es ist eine Großstadt, doch sie ruht in sich. Und, ja, es ist Ostdeutschland.

ZEIT: Merkt man das noch?

Hüller: Ja, ich finde, das ist deutlich spürbar. An der Verlässlichkeit, mit der wir miteinander umgehen. An der Offenheit. Diese Art von Gemeinschaft, die man hier noch findet. Ich habe es so gelernt, dass man sich um die Menschen, für die man sich entschieden hat, kümmern muss. Diese Hingabe gibt es im Osten ein bisschen stärker, sagt mir mein Gefühl.

ZEIT: Sie stammen aus Thüringen, sind in Suhl geboren, wuchsen in Oberhof und Friedrichroda auf. Wie oft denken Sie an Ihre DDR-Kindheit?

Hüller: Die ist nicht wegzudenken, das ist meine Biografie. Dass ich in diesem System, in dem was auch immer politisch alles schiefgelaufen ist, aufgewachsen bin – das hat mich geprägt, bis zu meinem elften Lebensjahr. Es ist nicht so, dass ich etwas Konkretes vermissen würde. Aber ich stelle fest, dass mir bestimmte Dinge wichtiger sind als Leuten, die von woanders herkommen.

ZEIT: In Ihrem großen Kino-Erfolg Toni Erdmann spielen Sie eine hyperkapitalistische Unternehmensberaterin, die im Konflikt mit ihrem 68er-Vater lebt. Eine westdeutsche Konstellation.

Hüller: Das kann ich nicht beurteilen. Ich musste mich jedenfalls total überwinden, in diese Welt reinzugehen, eben weil die Werte der Hauptfigur Ines Conradi ganz andere sind als meine. Ich habe diese ganze Geld- und Bankenwelt abgelehnt.

ZEIT: Im Osten mussten sich die Kinder nach 1990 nicht von den Eltern emanzipieren, sondern ihnen helfen, sich zurechtzufinden.

Hüller: Ich denke jedenfalls, dass es durch den Zusammenbruch des Systems eine große Verunsicherung bei den Erwachsenen gab, und diese Verunsicherung spürte ich als Kind. Als Kind ist es dir absolut unverständlich, warum alle sich so seltsam verhalten. In meinem Umfeld hat keiner der Erwachsenen gejubelt, als die Mauer fiel. Die saßen eher zu Hause und hatten Angst.

ZEIT: Wovor hatten die Angst?

Hüller: Vor all dem, was dann passieren würde. Das kann man mit Kindern nicht besprechen, man kann denen schlecht von seiner Existenzangst erzählen. Als Kind kam ich dadurch in eine Art Beobachterposition.

ZEIT: Erinnern Sie sich an den Tag des Mauerfalls?

Hüller: Ich empfinde ihn im Nachhinein als sehr still. Wir haben wahnsinnig viel Fernsehen geguckt in dieser Zeit. In der Kleinstadt, Friedrichroda, waren die Weltereignisse ja nun nicht direkt zu erleben. Das war irgendwie eine sehr passive Zeit, aus meiner Sicht, aus meinem Kinderblick heraus. Natürlich haben alle versucht, diese ganz und gar neue Lage anzunehmen, das Beste daraus zu machen. Aber im Umfeld meiner Familie haben viele Leute ihre Arbeit verloren. Es hat eine Weile gedauert, bis sich alle aufgerappelt haben.