Der dunkeldeutsche Wald: In Sigmaringen ist er allgegenwärtig. Sie sehen ihn schon bei der Anfahrt mit der Hohenzollerischen Landesbahn durch die grollenden Donautalschluchten. Es ist völlig angemessen, wenn Sie dabei Ehrfurcht empfinden.

Verweilen Sie nicht in der Bahnhofsvorhalle, wo importierte Palmen auf den süddeutschen Sommer warten, sondern treten Sie mit einem tiefen Atemzug ins Freie. Keine zehn Meter vom Bahnhof entfernt beginnt der Prinzengarten, eine Parkanlage im Stil englischer Landschaftsgärten. Im Gegensatz zur Strenge französischer Gartenplanung durfte es hier von Beginn an wuchern und wallen. Schlingpflanzen säumen den Pfad, himmelhohe Eichen schlucken jedes Kleinstadtgeräusch. Zeitweise ist die Oberfläche des Weihers fast vollständig von Seerosen bedeckt. Verweilen Sie auf einem der vielen Bänkle, und ergeben Sie sich der heilsamen Stille.

Damit sind Sie auch gleich eingestimmt auf unsere Fußgängerzone. Das Kopfsteinpflaster weist Ihnen den Weg. Auf die Eröffnung einer H&M-Filiale wartet die Sigmaringer Jugend seit Menschengedenken, aber die wenigen Läden bieten zumindest einen netten Anblick. In einem märchenhaften Fachwerkhäuschen ist die Bäckerei Mahl untergebracht. Kaufen Sie dort unbedingt eine Seele, von dieser mit Kümmel bestreuten Dinkelmehlstange träumen Exilschwaben in aller Welt.

Weiter führt der Weg zum Karl-Anton-Platz. In den strengen Wintern vergnügen sich hier die Einheimischen auf der Schlittschuhbahn Sigmaringen on Ice, befeuert vom Glühwein der Hofkonditorei Café Seelos. Noch lustiger geht es nur zur Karnevalszeit zu, die hier Fasnet heißt. Dann bringen die Mitglieder des Narrenvereins die Kehrwochenaufgeräumtheit des Städtchens durcheinander.

Für ganzjährige Verwirrung sorgt der Umstand, dass das nahe Theatercafé kein Theater, sondern ein Kino beherbergt. Die Dielen stammen aus dem letzten Jahrhundert, der lokale Radiosender dudelt Hits von heute. Hier serviert man Ihnen mit schwäbisch distanzierter Höflichkeit Pille-Palle, einen Mocktail aus Waldmeistersirup, frisch gepresstem Zitronensaft und Mineralwasser.

Es wird noch grüner, wenn Sie zur Donau weiterspazieren. Mit Natur hat das allerdings nur noch bedingt zu tun. Im Zuge einer Landesgartenschau wurde das Ufer mit einer Freilichtbühne, einer Hängebrücke und einem Ausguck aufgehübscht. Das urige Lokal Bootshaus machte einem futuristischen Glasbau Platz. Das Bier, das sie hier ausschenken, kommt aber nach wie vor aus der örtlichen Brauerei Zoller-Hof. Trinken Sie eines, schauen Sie aufs Wasser, und wundern Sie sich, wie jemand diese manchmal etwas zu adrette Stadt den "Wrackhafen Europas" nennen konnte.

Diese Worte fand Céline für sein unfreiwilliges Exil. Auf der Flucht vor den Alliierten kam der Schriftsteller 1944 zusammen mit anderen Anhängern des Vichy-Regimes im Hohenzollernschloss unter. (Ja, Sigmaringen hat ein Schloss. Heben Sie es sich für Ihren nächsten Besuch auf.) Was ihn so anwiderte, ist nicht zu ermitteln. War es die angeblich grassierende Krätze, wie er später behauptete? Oder doch nur der fehlende H&M?

Wahrscheinlich hatte er es einfach zu eilig, um der Waldbeschaulichkeit etwas abzugewinnen. Machen Sie nicht denselben Fehler, schließlich sind Sie nicht auf der Flucht. Tun Sie, was hier am besten geht: Kommen Sie a bissle zur Ruh.