Die 68er haben an den Universitäten einer gleichförmigen Mitte-links-Republik den Boden bereitet, kritisiert der Schriftsteller Maxim Biller.

DIE ZEIT: Herr Biller, wenn man in Ihrem gerade erschienenen Buch Hundert Zeilen Hass liest, hat man den Eindruck, Ihre Aversion gegen die 68er sei ein bestimmendes Element in Ihrem Leben. Im Juni 1967, als in Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde, waren Sie ein sechsjähriger Junge, der mit seinen Eltern und seiner Schwester in Prag lebte. Wie erinnern Sie sich an jene Zeit?

Maxim Biller: Ich war ein frühreifes, altkluges Kind. Und deshalb habe ich diese politisch extrem aufgeladene Zeit in der Tschechoslowakei stark wahrgenommen. Ständig waren Intellektuelle und Schriftsteller bei uns zu Besuch, furchtbar berühmte Leute. Die hatten alle gute Laune. Es gab auch den Prager Frühling, wo wir Kinder immer hingegangen sind.

ZEIT: Gemeint ist das Musikfestival namens Prager Frühling.

Biller: Ja. Ich bin in Konzerte gegangen.

ZEIT: So früh schon – als Kind?

Biller: Ja, wahrscheinlich mag ich deshalb heute klassische Musik nicht so gern. Aber ich merkte damals natürlich, dass das Land wahnsinnig aufblühte. Ich hörte die Gespräche meiner Eltern mit ihren Freunden, die entweder aus Russland kamen oder aber aus dem Westen. Und ich spürte: Das Ganze ist eine permanente Party.

ZEIT: Das müssen schöne Jahre gewesen sein.

Biller: Die waren wahnsinnig schön, bis zu dem Moment, an dem alles anders wurde. In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 war alles vorbei.

ZEIT: Da marschierten die Truppen des Warschauer Paktes in Prag ein.

Biller: Ja, und was mich bis heute aufregt: Die tschechoslowakischen Väter des Prager Frühlings hatten wirklich geglaubt, es könne so etwas wie einen demokratischen Kommunismus geben. Viele von denen wachten erst auf, als die Panzer der Russen durch Prag rollten.

ZEIT: Ihre Eltern sind dann mit Ihnen und Ihrer Schwester nach Hamburg geflüchtet. Sie waren damals zehn Jahre alt. In Hamburg begannen offenbar Ihre schlechten Erfahrungen mit den Folgen von 1968.

Biller: Nein, auch das war zuerst eine wahnsinnig schöne Zeit. Ich wurde als Held des Kalten Krieges gefeiert: Ich konnte glauben, ich hätte den russischen Einmarsch in Prag ganz allein fast aufgehalten. Ich durfte, ohne ein Wort Deutsch zu können, aufs Gymnasium und dort sogar eine halbe Klasse überspringen. Ich wurde auf Händen getragen. Die Aversion, die Sie angesprochen haben, begann bei mir erst später, im Alter von 15 oder 16 Jahren.

ZEIT: Als Sie in der Pubertät steckten.

Biller: Nicht ganz. Bei Leuten wie mir fängt die Pubertät schon mit 13 an. Ich habe mich mit 13 rasiert, wenn Sie wissen, was ich meine. Auf dem Hamburger Gymnasium, das ich mit 15 besuchte, war klar, dass man links zu sein hatte. Alle Schüler waren wahnsinnig hässlich angezogen, alle sahen wahnsinnig hässlich aus. Die Lehrer waren übrigens genauso dogmatisch wie die Schüler. Ich habe erlebt, wie einer dieser Lehrer, die damals unter den Radikalen-Erlass fielen, von Polizisten aus der Klasse getragen wurde.

ZEIT: Das war wahrscheinlich ein Schock für Sie.

Biller: Ein Schock? Ich habe mich darüber gefreut! Der Lehrer hatte versucht, in seinem Unterricht übelste Schulungen zu machen. Wir sollten im Sozialkunde-Unterricht Vietcong-Materialien lesen. Warum nicht gleich ein KGB-Lehrbuch? Viele der anderen Schüler scharten sich solidarisch um diesen Lehrer, als die Polizei auftauchte, aber ich fand’s super. Vor solchen Dogmatikern waren wir doch aus der Tschechoslowakei geflohen.

ZEIT: Die siebziger Jahre in Westdeutschland gelten als ein Jahrzehnt des gesellschaftlichen Aufbruchs und der Befreiung, besonders in Schulen und an Universitäten.

Biller: Die siebziger Jahre waren eine bleierne, eine ganz dunkle Zeit. Die Meinungsführer, die in der Nach-68er-Zeit in Schulen und Hochschulen auftraten, waren blind propalästinensisch und wüst antiisraelisch. Und wenn man sich heute fragt, woher die inzwischen völlig akzeptierte Israel-Feindschaft in deutschen Mitte-links-Kreisen stammt, dann muss man sagen: Sie kommt aus der Zeit nach 1968, als die PLO das Goldene Kalb der deutschen Täterkinder war. Das alles fiel mir sofort auf, zum Beispiel auf Anti-Atomkraft-Demonstrationen in Brokdorf, bei denen ich als Teenager ein paarmal dabei war. Wer nicht nach Brokdorf mitfuhr, der gehörte schon nicht mehr dazu. Es gab auch diesen Hass auf Amerika und diese absurde Humorlosigkeit der Linken. Und diese endlosen Zweiergespräche über Beziehungen, das war ganz schlimm.

ZEIT: Noch schlimmer als der Antizionismus?

Biller: Ja, das war das Schlimmste. Man durfte ein Mädchen nicht einfach küssen, man musste vorher stundenlang über seelische Dinge sprechen. Es war alles so unglaublich anstrengend.

ZEIT: Anfang der achtziger Jahre haben Sie in Hamburg ein Studium der Philosophie, Literatur und Geschichte begonnen. Haben Sie das nicht als eine Phase großer Freiheit empfunden?

Biller: Die Hamburger Uni hat mich gelangweilt, das war Kindergartenniveau. Ich bin dann nach München gezogen, wo das Niveau viel höher war. Die Professoren dort waren wesentlich konservativer, und ich hatte mit ihnen natürlich oft Stress, weil sie keinen Widerspruch duldeten, und das duldete wiederum ich nicht. Aber als Student wusste man sofort, mit wem man es zu tun hatte. Leider gab es in München auch die MG, die Marxistische Gruppe. Und diese Splittergruppe hat unsere Seminare und Vorlesungen terrorisiert. Die störten mit Geschrei und wirren Fragen und redeten Blödsinn. Wolfgang Frühwald, ein Germanist, war mein Professor. Mit seinen Ausführungen zur Literatur hätte ich mich am liebsten die ganze Zeit beschäftigt, aber immer kamen irgendwelche MG-Fanatiker herein und taten so, als wollten sie diskutieren. Gleichzeitig hatte ich Kommilitonen, von denen ich wusste, dass sie auf Schulungen von Marxisten gehen. Das habe ich alles nicht verstanden.

Hat Zigarette, hasst Angepasste: Maxim Biller, hier als Student 1981 © Maxim Biller

ZEIT: Hatten Sie nie Interesse an marxistischen Themen?

Biller: Das Dogma dieser Leute kannte ich ja aus der Tschechoslowakei. Dort hatten Unterdrückung und Lüge geherrscht. Und immer stärker fiel mir auf, auch durch meine Beschäftigung mit der deutschen Literatur, dass die Deutschen besonders anfällig für diese repressiven Ideen waren. Während meines Studiums waren diese Marxisten bereits ein Anachronismus, weil wir in München inzwischen anders waren. Jedenfalls schien es so. Meine Freunde und ich zogen uns wieder schön an, wir hatten wieder kurze Haare, wir gingen in schöne Cafés, nur an der Uni waren wir umringt von Neandertalern.

ZEIT: Das klingt bei Ihnen so, als sei 68 an allem schuld.

Biller: Sehen Sie sich doch das große Elend des Journalismus heute an. Überall in den Redaktionen, auch in Universitäten, sitzen Leute, die jede Form von Individualismus verhindern wollen, sie mögen es nicht, wenn einer nicht wie sie ein Wolf-Schneider-Roboterdeutsch schreibt oder wirre Heidegger-Sätze formuliert. Sie mögen es nicht, wenn er eigene Gedanken hat. Sie mögen es nicht, dass er seine eigene nicht deutsche Herkunft zum Leitmotiv seiner Arbeit macht. Das ist keine Verschwörung, sondern etwas ganz anderes: Alle sind gleich, stammen aus ähnlichen sozialen Milieus. Und wenn alle gleich sind, denken auch alle gleich. Im Jahr 1989 trugen auch der Fall der Mauer und die Elefantenhochzeit zwischen Kapitalismus und Kommunismus dazu bei, dass wir eine völlig gesichtslose Gesellschaft bekommen haben.

ZEIT: Und was hat das mit 1968 zu tun?

Biller: Es gibt heute gesellschaftliche Übereinkünfte, einen Mitte-links-Konsens, gegen den man nicht verstoßen darf. Schon in meinen ersten Tempo- Kolumnen schrieb ich, dass Menschen aus verschiedenen Ländern unterschiedlich sind. Natürlich ist ein Italiener anders als ein Pole. Dies zu leugnen bedeutet: es demjenigen, der nicht ganz so schlau ist, schwer machen, etwas Entscheidendes zu verstehen – dass nämlich dieser Unterschied nicht bedeutet, Italiener oder Polen zu verachten. Das Leugnen von Unterschieden, das gut gemeint sein mag, aber total ideologisch ist, führt dazu, dass der Rassismus einfacher Leute immer stärker wird. Oder nehmen Sie – heute – die Flüchtlingsfrage: Natürlich kamen andere Leute nach Deutschland, als wir es sind. Aber man konnte in der ersten Zeit, als Tausende Flüchtlinge in Deutschland eintrafen, über diese schlichte Feststellung nicht mit Kollegen reden, ohne dass die Kollegen durchgedreht wären. Inzwischen fällt immer mehr Leuten auf, dass man nicht einfach die Tür aufmacht, und es kommen Vertriebene aus Schlesien oder dem Sudetenland herein wie nach dem Krieg. Viele Flüchtlinge aus arabischen Ländern haben ein anderes Verhältnis zu Frauen und zu Juden. Sprach man das aus, löste man bereits ein brutales Geschrei aus. Dann war man sofort ein Rassist.

ZEIT: Und daran sind die 68er schuld?

Biller: Die 68er und ihre Nachfolger sind die einflussreichsten Verfechter einer pseudolinken Politik, die behauptet, Aufklärung zu leisten, aber das Gegenteil tut. Das sind die späten Nachwirkungen der Bewusstseinsindustrie aus den siebziger Jahren. Dazu zählt auch, sich Politik immer nur vorzustellen als reine Politik. Das ist sie aber nicht, sie ist auch ein Gesellschaftsspiel.