ZEIT: Und wie funktioniert das Spiel?

Biller: Wer hat den Größten, heißt dieses Spiel, ganz einfach. Und da keiner von denen, die heute in der Publizistik einen Namen haben, besonders groß ist, nivellieren sie sich alle gegenseitig. Vor Kurzem starb der wirklich große Journalist Joachim Kaiser, den ich gut kannte. Joachim Kaiser war merkwürdig. Joachim Kaiser hatte eine eigene Sprache, einen eigenen Blick auf die Welt, er war Exzentriker, er war kein Linker. Und wer von denen, die ihn in Nachrufen beweint haben, würde einen 22-jährigen Joachim Kaiser heute noch drucken? Mit seinem Anti-Establishment-Individualismus? Niemand würde ihn heute drucken. Den würde man wegschicken und ihm sagen: Lernen Sie schreiben.

ZEIT: Das mag für Joachim Kaiser gelten, aber Sie können das Beispiel nicht verallgemeinern.

Biller: Alles in allem sehe ich eine absolute Gleichförmigkeit. Was schrieb der immer irrende Hans Magnus Enzensberger schon 1957 in einem Gedicht? "Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne. Sie sind genauer." Keine Oden, im Ernst? Daraus wurde in der Publizistik eine fixe Idee, die noch heute gilt: Praktisch alle Kulturressorts der Zeitungen in Deutschland sind komplett politisiert. Der politische Blick auf Kultur im Gegensatz zum ästhetischen und inhaltlichen Blick, auch dieser Blick stammt aus der damaligen Zeit. Daraus entwickelte sich das sogenannte politische Feuilleton, die politische Debatte im Feuilleton, die dort meistens nichts zu suchen hat.

ZEIT: Fänden Sie es besser, wenn sich Intellektuelle politisch heraushielten?

Biller: Das ist eine sehr deutsche Frage, die Sie mir stellen.

ZEIT: Mag sein. Antworten Sie dennoch?

Biller: Gegenfrage: Wie fänden Sie es, wenn sich Schuster oder Schreiner endlich politisch heraushielten? Fänden Sie das besser? Nein. Aber warum sollen dann ausgerechnet Intellektuelle mitmischen? Und warum werden ausgerechnet Intellektuelle darauf reduziert? Mische ich mich politisch ein?

ZEIT: Sie mischen sich ein, mal mehr, mal weniger.

Biller: Wie es gerade kommt. Mal schreibe ich eine Erzählung, mal nicht. Aber ich werde nicht Juli-Zeh-hafte Kommuniqués herausbringen. Ich will von Schriftstellern kein ärztliches Bulletin über den Zustand der Gesellschaft haben. Und warum wollen Sie so etwas von irgendwelchen durchschnittlichen Autoren lesen?

ZEIT: Im Grunde hat 1968 doch nicht wirklich aufgehört. Es wirkt immer noch fort. 1968 ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart.

Biller: Das hoffen Sie vielleicht. Sie persönlich hoffen das.

ZEIT: Ich hoffe es nicht, ich stelle es fest.

Biller: Sie denken, Sie stellen es nur fest, aber ich sage, Sie hoffen es. Ich sage Ihnen noch etwas: Die 68er haben sich nie selbst betrachtet und reflektiert. Die wissen nicht, wer sie sind. Sie sind Kinder und Enkel von Menschen, die direkt oder indirekt am größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte beteiligt waren. Die 68er aber denken: Der Holocaust, das waren immer die anderen.

ZEIT: Aber diese Aussage betrifft doch alle Nachkommen von Deutschen der Nazizeit, nicht nur 68er.

Biller: Das stimmt nicht. Diejenigen, die 1968 aktiv wurden, glaubten, auf der richtigen Seite zu stehen, nur weil sie sich für links hielten. Sie glaubten, sie seien ihren Familiengeschichten entkommen, nur weil sie Rudi Dutschke anhimmelten.

ZEIT: Sie meinen, die 68er haben sich politisch imprägniert?

Biller: Das ist Ihr Wort, aber so sehe ich das, ja.

ZEIT: Ist es nicht so, dass das Autoritäre in der westdeutschen Gesellschaft vor 1968 ungleich schlimmer war und dass 1968 zu einer Überwindung autoritärer Verhaltensmuster in vielen Bereichen geführt hat?

Biller: Die 68er, mit denen ich zu tun hatte, waren absurd autoritär. Ich habe bei sogenannten Konservativen viel mehr Liberalismus erlebt. Bayern gilt ja als autoritär, das ist Blödsinn. Es geht dort viel anarchischer und liberaler zu als in all diesen spießigen Städten wie Hamburg. Das Autoritäre, gegen das die 68er gekämpft hatten, kehrte bereits in den Siebzigern zurück. Heute ist nicht mehr der einzelne Professor autoritär, nicht der einzelne Chefredakteur. Heute ist es gewissermaßen jeder, weil jeder auf jeden aufpasst. Das meine ich, wenn ich von den Glaubenssätzen des Mitte-links-Bürgertums spreche.

ZEIT: Nennen Sie doch bitte ein paar dieser Glaubenssätze.

Biller: Schwarze und Weiße sind gleich. Nein, das sind sie eben nicht, aber sie haben die gleichen Rechte. Dann: Frauen müssen bevorzugt werden, damit sie endlich mal im Beruf oben ankommen. Nein, Frauen sollen nicht bevorzugt werden, Frauen sollen nicht benachteiligt werden. Ich vermute sogar, dass so etwas wie die Anti-Impf-Bewegung aus diesen Dogmen entstanden ist.

ZEIT: Gibt es für Sie jemanden, der 1968 idealtypisch verkörpert?

Biller: Mir fällt nur ein positives Beispiel ein, Daniel Cohn-Bendit. Ihn interessiert Vernunft, nicht Ideologie. Links könnte so ein schönes Wort sein. Wenn man links ist, kämpft man eigentlich für diejenigen, denen es schlecht geht. Das ist es für mich. Und das ist es für Cohn-Bendit immer noch.

ZEIT: Und Ihre 68er-Hassfigur?

Biller: Es ist verrückt, aber im Moment fällt mir gar kein Name ein. Es sticht keiner heraus. 68, das ist einfach eine graue, gesichtslose Armee.

ZEIT: Gab es in der Zeit nach 1968 denn nichts, was Sie genossen haben?

Biller: Nein, ich habe das alles nur verachtet. Man muss auch mal von der RAF reden, der Roten Armee Fraktion, dem linken Terror, der Brutalität und der Menschenverachtung. Die RAF-Leute waren Idole einer ganzen Jugend. In keinem Land der Welt gibt es so wenige Unterschiede zwischen Linksextremen und Rechtsextremen wie in Deutschland. Ich habe in meinen Kolumnen so viel angeschrieben gegen diese verschwommene Grenze zwischen Links und Rechts. Ich habe über den deutschen Nationalismus geschrieben und über den Antisemitismus. Aber heute, Jahrzehnte später, gibt es viel mehr von diesen Leuten und nicht weniger. Ich komme mir manchmal vor wie Kurt Tucholsky, der nach dem Ersten Weltkrieg gegen den Militarismus anschrieb, aber es wuchsen immer mehr Militaristen heran.

ZEIT: In der Zeit um 1968 gab es beides zugleich, das extrem Brutale und das extrem Intellektuelle. Ulrike Meinhof, die Terroristin, war mal Kolumnistin der Zeitschrift konkret.

Biller: Über Ulrike Meinhof wird inzwischen wie über eine Heilige geschrieben. Zu Meinhof gibt es aber kein einziges positives Wort zu sagen, auch nicht zu ihrer konkret-Zeit. Sie war eine widerwärtige Dogmatikerin, die sich nicht für den Einzelnen interessierte und später an Verbrechen beteiligt war. Wie kann es sein, dass sie in dieser Gesellschaft inzwischen als eine interessante Kolumnistin gilt? Hoffentlich leben wir nicht in einem Land, in dem in dreißig Jahren über Beate Zschäpe wie über eine Heilige geschrieben wird.