Sie sind die Prototypen unserer Spezies, die allerersten modernen Menschen, von denen jemals Überreste entdeckt wurden – und sie lebten offenbar vor mehr als 300.000 Jahren dort, wo heute Marokko ist. Forscher um Jean-Jacques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie haben Fossilien, darunter Reste eines Schädels und eines Unterkiefers, untersucht, die zusammen mit Steinwerkzeugen und anderen Spuren menschlichen Lebens entdeckt worden waren – in einer eingestürzten Höhle in Marokko. Die Forscher halten die Knochen für 100.000 Jahre älter als alles, was man von Homo sapiens bisher an Fossilien gefunden hatte. In der Fachwelt wird der Fund, der aktuell im Magazin "Nature" präsentiert wird, als Sensation gehandelt. Denn wenn diese Datierung stimmt, muss die Geburtsstunde der Menschheit zurückdatiert werden.

Wo heute nichts ist außer Sand und kargen Felsen in flirrender Hitze, muss einst ein Paradies gelegen haben. Riesige Seen und gewaltige Flüsse durchzogen damals Nordafrika, dazwischen dehnten sich endlose Savannen voller jagdbarer Tiere. Vor Hunderttausenden von Jahren ist der in unseren Tagen karge Maghreb ein ideales Biotop für unsere Spezies gewesen.

Aber gab es dort tatsächlich Menschen? Und falls ja: Liegen ihre Überreste unerreichbar unter dem Sand der Sahara, sind sie in der Ödnis der Berglandschaften verschollen – oder doch nicht? Für Jean-Jacques Hublin hängt an dieser Frage seine ganze Forscherkarriere. Der Anthropologe glaubt schon lange, dass im Norden Afrikas fossile Überreste aus der Frühzeit unserer Spezies zu finden sein müssten.

Hublin ist gleichsam zu Optimismus verpflichtet. Denn sein wichtigster Claim, seine Hauptgrabungsstelle, liegt im unwirtlichen Südwesten Marokkos, in einem karstigen Felsmassiv etwa 100 Kilometer westlich von Marrakesch. Hier, in Sedimenten innerhalb der Gesteinswand von Jebel Irhoud, sucht der gebürtige Franzose seit 2004 nach Gebeinen sehr früher Vertreter des Homo sapiens. Und er hat sie gefunden.

In dieser Woche nun präsentiert Hublin mit einem Donnerschlag seine Funde: Er und sein Team haben in Jebel Irhoud offenbar eine Sensation ausgegraben – die Überreste der allerersten mehr oder weniger modernen Menschen, gewissermaßen die Prototypen unserer Spezies. Es ist eine Entdeckung, wie man sie sich spektakulärer kaum vorstellen kann: Stimmt Hublins Datierung, dann lebten die ersten Vertreter unserer Art in Nordafrika bereits vor mehr als 300.000 Jahren, viel früher, als die Forschung bislang angenommen hat. Die Geburtsstunde der Menschheit müsste damit um glatte 100.000 Jahre zurückdatiert werden.

Diese Behauptung dürfte nicht nur für mediale Schlagzeilen sorgen, sondern auch für feurige Debatten unter Anthropologen. "Das wird die Lehrbücher ändern", glaubt Hublin, der heute einer der Direktoren am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) ist. In zwei Artikeln in der Zeitschrift Nature (Hublin et al., 2017 und Richter, McPherron et al., 2017) beschreiben er und seine Mitarbeiter ihre neuen Fossilien: Aus dem Sediment der Höhle haben sie einen Schädel, einen Unterkiefer* (im Video eine Rekonstruktion des Homo-sapiens-Schädels) und mehrere Teile eines Skeletts geborgen.

Aufgrund von jahrelangen peniblen Untersuchungen schlussfolgern die Wissenschaftler, dass die einstigen Besitzer der Knochen den Sprung zum Homo sapiens bereits geschafft hatten, aber sozusagen erst mit einem Bein gelandet waren. Aufgefundene Steinwerkzeuge belegen zudem, dass sie über eine avancierte Herstellungstechnik verfügten: das Härten von Feuersteinklingen durch Erhitzen im Feuer.

Die Wesen von Jebel Irhoud seien nicht nur Übergangsformen zum Homo sapiens, schreiben die Autoren, sondern es habe sich dabei um hoch aufgeschossene, schlaksige Gestalten von mehr als 1,80 Meter Körpergröße gehandelt. "Ihre Gesichtsform war von der heutiger Menschen praktisch nicht zu unterscheiden." 

Zu weit wollen die Forscher aber auch nicht gehen: Auch wenn Homo sapiens die Art Mensch ist, der wir alle bis heute angehören, übersetzen Paläoanthropologen das für die frühen Vertreter ungern mit "moderner Mensch": Wenn sie vom Homo sapiens sprechen, meinen sie jemanden mit sehr fortgeschrittenen handwerklichen und intellektuellen Fähigkeiten. Die fünf Personen, auf die die Fossilien in der Höhle von Jebel Irhoud schließen lassen, hatten diese wohl so noch nicht.*

Die Wiege der Menschheit – da liegt sie

Trotzdem: Wenn die Datierung stimmt, dann hat der Leipziger Grabungstrupp in Marokko einen Schatz gehoben, den die Forscherzunft seit mehr als 150 Jahren sucht – nämlich die Gebeine desjenigen Typs, mit dem die Geschichte des modernen Menschen begann. Am Fundort Jebel Irhoud wäre demnach wie in einem Schnappschuss der entscheidende Prozess der Menschwerdung festgehalten. Für Jean-Jacques Hublin, schon lange eine der Führungsfiguren seiner Disziplin, ist es die Entdeckung seines Lebens.

Zuallererst aber dürfte es Streit geben. Nicht nur weil erbitterte Debatten über die Interpretation von Fossilfunden in der Anthropologie generell zum guten Ton gehören, der dabei nicht immer gewahrt bleibt. Sondern auch weil gerade die Grabungsstelle Jebel Irhoud seit einem halben Jahrhundert für Kontroversen in der Fachwelt sorgt.

Schmelztiegel Afrika

Wie unsere Spezies aus frühen Menschenformen hervorging: Vor rund 800.000 Jahren verbreiten sich Populationen des frühen Homo heidelbergensis/rhodesiensis. Sie vermischen sich, entwickeln sich weiter. Erste Vertreter des Homo sapiens entstehen. Funde zeigen ihre Ausbreitung.

© ZEIT-Grafik

Ihre Geschichte begann mit Todesopfern. In dem marokkanischen Felsmassiv wurde ursprünglich eine Schwerspatmine ausgebeutet. Als 1961 Arbeiter einen Stollen ins Gestein trieben, brachen sie zu einer Karsthöhle voller Sedimente durch, die augenblicklich über den Mineuren zusammenstürzte. Später stießen die Arbeiter im Schutt der eingebrochenen Ablagerungen auf einen fast vollständig erhaltenen Schädel. Mit diesem Fossil, Irhoud-1 genannt, begann eine erste systematische Untersuchung der Gegend.

In den folgenden Jahren förderte der Anthropologe Émile Ennouchi mit seinen Helfern eine weitere Hirnschale, den Unterkiefer eines Kindes sowie einen Oberarmknochen und den Teil eines Beckens zutage. Die Altersbestimmung dieser Fundstücke Irhoud-2 bis -4 erwies sich allerdings als ebenso schwierig wie die Frage, zu welchen Wesen sie einst gehörten. Denn morphologisch zeigten die Fossilien viele Merkmale moderner Menschen, besaßen aber ebenso archaische Details, die eher auf eine frühere Menschenform hindeuteten. Eine Datierung mithilfe der Elek­t­ro­nen­spin­re­so­nanz (die misst, wie lange die natürliche radioaktive Strahlung auf das Fundstück einwirkte) ergab ein Alter von 160.000 Jahren. Allerdings galt diese Datierung nie als besonders zuverlässig, weil deren Ergebnis von der genauen Lage der Fossilien im Sediment und dessen Strahlungsprofil abhängt. Letzteres konnte nur unvollständig rekonstruiert werden.

Damit begann der Streit unter den Anthropologen. Denn ebenfalls in den sechziger Jahren wurden menschliche Überreste in Äthiopien entdeckt, in den Fundstellen von Herto und Omo Kibish, die eindeutig von frühen Vertretern des Homo sapiens stammten. Und diese waren mit bis zu 195.000 Jahren deutlich älter als die Funde aus Jebel Irhoud. In die damals vorherrschende Auffassung, es habe eine lineare Entwicklung von primitiveren Vertretern der Gattung hin zum Homo sapiens gegeben, passten die Individuen aus Marokko also nicht hinein. Schließlich waren sie offenkundig jünger, wirkten zugleich aber archaischer.

Viele Experten, unter ihnen auch der damalige Grabungsleiter Ennouchi, sahen die Wesen von Jebel Irhoud deshalb als Mitglieder eines Volkes afrikanischer Neandertaler an, das neben den ersten modernen Menschen noch eine gewisse Zeit überlebt habe. Andere Fachleute erblickten in ihnen gar eine Mischlingsspezies aus europäischen Neandertalern und frühen modernen Menschen*.

Jean-Jacques Hublin dagegen vertrat schon früh eine andere Ansicht. Wie sein britischer Kollege Chris Stringer war er überzeugt, den Wesen von Jebel Irhoud komme eine viel größere Bedeutung bei der Entstehung des Homo sapiens zu. Einen handfesten Beleg dafür hielt er erstmals 2007 in den Händen: Einer der Zähne aus dem kindlichen Unterkiefer von Irhoud-3 zeigte bei näherer Untersuchung eine typische Besonderheit moderner Menschen. Die Zahnreifung dieses Kindes war offenbar verzögert abgelaufen. Das war ein wichtiges Indiz. Denn man wusste, dass der Nachwuchs des Homo sapiens langsamer heranwuchs als jener von Neandertalern oder archaischen Menschenarten. Der Zahn wurde für Hublin zum ersten Hinweis darauf, dass in Jebel Irhoud doch eine Art moderner Mensch gehaust haben musste.

100.000 Jahre älter: Die Funde von Jebel Irhoud werden die Lehrbücher verändern.

Dann wurde Hublins Team vor rund zehn Jahren in Jebel Irhoud erstmals selbst fündig: Damals förderten sie jene Schädel- und Skelettteile zutage, die nun für Aufsehen sorgen. Insgesamt hat die ehemalige Mine damit die Überreste von fünf Individuen freigegeben – drei Erwachsenen, einem Jugendlichen und einem Kind. Für Hublin ist klar: "Das ist der umfangreichste Fund von frühen modernen Menschen." Denn mithilfe zweier Datierungsmethoden und der präzisen Vermessung der Sedimentschichten, in denen die Überreste verborgen waren, konnte er nun zweifelsfrei zeigen, dass die Menschen von Jebel Irhoud mindestens 100.000 Jahre vor dem ostafrikanischen Homo sapiens von Herto und Omo Kibish lebten. Das ungewöhnlich hohe Alter erklärt auch den Befund einiger archaischer Merkmale an den Menschen von Jebel Irhoud. Begann mit ihnen also die Geschichte unserer Spezies, sahen so die ersten Menschen unserer Art aus?

Ein panafrikanisches Geschöpf

Hublins Kollege Ian Tattersall ist skeptisch. "Der Fund zeigt vor allem, wie wenig wir bislang über die Frühzeit des Homo sapiens in Afrika wissen", sagt der Paläoanthropologe vom American Museum of Natural History in New York. Die Technik der Feuerhärtung von Steinwerkzeugen sei zwar ein klares Indiz für weit fortgeschrittene geistige Fähigkeiten. Es gebe aber keinen Hinweis auf hoch entwickeltes symbolisches Denken, das für Homo sapiens charakteristisch sei. Die ältesten bekannten Belege für abstraktes Denken – Schmuck aus Schneckenschalen und Ritzzeichnungen in der Blombos-Höhle in Südafrika – sind mit rund 90.000 Jahren tatsächlich weit jünger als die Funde der Max-Planck-Forscher.

Klar ist: Wenn Hublins Ergebnisse der wissenschaftlichen Debatte standhalten, werfen sie bestehende Vorstellungen über den Haufen. Erstens wäre der Homo sapiens deutlich älter als gedacht. Zweitens wäre die Wiege der Menschheit nicht nur etwa im ostafrikanischen Äthiopien oder in Südafrika zu lokalisieren, sondern ebenso in Nordafrika, wo bislang kaum jemand den Garten Eden der Vorzeit vermutete.

Bisher ruhte die Erzählung von der Entstehung der Menschheit vor allem auf zwei Säulen: Zum einen schien klar, dass die auf 195.000 Jahre datierten Überreste aus Äthiopien die ältesten Fossilien moderner Menschen sind. Zum anderen sprachen auch Analysen menschlicher Genome für diesen Beginn der Menschheitsgeschichte. Denn mithilfe der Rate an Mutationen, die in jeder Generation durchschnittlich auftreten, lassen sich die Unterschiede in unseren individuellen Erbanlagen zurückrechnen, bis sie sich in einem einzigen Genom auflösen – jenem des Urvaters oder der Urmutter aller heute lebenden Menschen. Koaleszenz-Zeit nennt sich diese errechnete Zeitspanne bis zurück zu Adam und Eva. Die hätten, der Genetik zufolge, just vor rund 200.000 Jahren gelebt.

Doch diese Erkenntnis steht nur scheinbar im Widerspruch zum neuen Fazit der Leipziger Max-Planck-Forscher. Denn die Koaleszenz-Zeit ist keineswegs gleichbedeutend mit der Geburtsstunde des Homo sapiens. Sie gibt nur an, wann der gemeinsame Vorfahr aller heutigen Menschen lebte. Dieser Ahn aber dürfte vor 200.000 Jahren bereits innerhalb eines Volks moderner Menschen existiert haben; seine Zeitgenossen gehörten zur selben Spezies, haben aber ihre genetischen Varianten nicht bis in unsere Zeit weitergeben können. Hinzu kommt, dass unsere Alleinstellung auf dem Planeten uns kräftig die Sicht auf die evolutionäre Vergangenheit verstellt. Homo sapiens ist heute ein Relikt – die letzte noch überlebende Art vom Schlag Homo. Doch vor 300.000 Jahren war die Lage der Gattung offenbar ganz anders. Zu dieser Zeit und auch lange davor dürfte Afrika von einer Vielzahl frühmenschlicher Rassen bevölkert gewesen sein.

Geborgene Steinwerkzeuge belegen, dass auch Zentral- und Westafrika in jenen prähistorischen Zeiten besiedelt waren, wenngleich unklar ist, wer ihre Urheber sind. Fossilfunde zeigen, dass bis vor 35.000 Jahren noch Populationen des Homo heidelbergensis/rhodesiensis – der als Vorläufer des modernen Menschen und der europäischen Neandertaler gilt – in Afrika lebten, lange nachdem Homo sapiens die Bühne betreten hatte. Ähnlich wie in Europa und Asien, wo die vordringende Subspezies des frühen modernen Menschen auf Neandertaler und Denisovaner traf, blieb die Koexistenz mit älteren Menschentypen auch in Afrika nicht ohne Folgen: Tatsächlich zeigen die Erbgutdaten heutiger Afrikaner noch immer Spuren von gelegentlicher Vermischung mit archaischen Menschentypen, genau wie Europäer und Asiaten ein genetisches Vermächtnis der Neandertaler und Denisovaner bewahren.

Erst vor Kurzem fügte das Forschungsteam des südafrikanischen Anthropologen Lee Berger einen weiteren Augenzeugen der Menschwerdung hinzu: Homo naledi. Berger und seine Kollegen hatten diesen Vertreter 2015 in der Rising-Star-Höhle unweit der Stadt Krugersdorp entdeckt. Ein sensationeller Fund – weit über ein Dutzend Individuen haben die Forscher bislang aus dem Untergrund geborgen. Diese Wesen waren zu Lebzeiten nur 1,45 Meter groß und 45 Kilogramm schwer und galten zunächst allenfalls als Homo-Frühform. Doch Anfang Mai verkündete Berger die erste Datierung der Funde aus der Rising-Star-Höhle: Demnach wäre Homo naledi rund 300.000 Jahre alt, ebenso alt wie Hublins Fossilien aus Marokko. Das hieße, dass zu jener Zeit mindestens drei Arten der Gattung Homo durch unseren Heimatkontinent streiften.

Die Funde in Marokko bestätigen nun eine Hypothese, die Jean-Jacques Hublin, Chris Stringer und andere einflussreiche Anthropologen seit Jahren vertreten: Nicht nur in Ost- und vielleicht in Südafrika lebten erste Vertreter des Homo sapiens, sondern auch im Norden des riesigen Kontinents. Anders gesagt: Die Menschheit ist ein panafrikanisches Geschöpf. "Die Überzeugung, es gebe eine Wiege der Menschheit entweder in Süd- oder in Ostafrika, war ein Hirngespinst", sagt Hublin. Damit ist es aussichtslos, einen Garten Eden geografisch zu lokalisieren. Es hat ihn nie gegeben.

Aber was ist dann wirklich vor 300.000 Jahren in Afrika passiert? Allem Anschein nach war die Geburt unserer Spezies das Resultat einer langsamen Entwicklung, einer allmählichen Vermischung verschiedener Populationen. "Afrika war ein Schmelztiegel", glaubt Stringer. Vermutlich begegneten sich Völker von archaischen, aber sich bereits fortentwickelnden Frühmenschen; vielleicht handelte man Steinwerkzeuge gegen Nahrung. Vor allem aber, glaubt Stringer, tauschte man Erbgut aus: "Über den Kontinent flossen genetische Innovationen hin und her." Das Ergebnis könnten die ersten der Unsrigen gewesen sein – Menschen wie die Leute von Jebel Irhoud.

Tatsächlich haben sich in der Zeit vor 300.000 Jahren verdächtige Umbauten im Erbgut dieser Gruppen vollzogen. Zwar ist in den menschlichen Überresten von Jebel Irhoud kein Erbmaterial mehr zu finden, doch Erbgutanalysen heutiger Menschen machen die Ereignisse von damals sichtbar. In Seattle rekonstruiert der Genomfachmann Evan Eichler von der University of Washington die Umbauten im Erbgut, die für die Evolution von Affen und Menschen seit der Trennung ihrer Entwicklungslinien vor spätestens sieben Millionen Jahren verantwortlich sind.

Diese Analysen sind von höchst komplexer Natur – die Befunde jedoch unmissverständlich: In den evolutionären Schlüsselmomenten kam es in bestimmten Regionen des Erbguts zu Ausdehnungen des Erbmaterials. Dabei wurde jeweils eine Vielzahl einzelner Anlagen hochkopiert, mit anderen zu neuen Genen fusioniert oder einer veränderten Steuerung unterworfen. Bedeutsam für die Menschwerdung erscheint eine spektakuläre Episode: Mit einem Mal blähte sich das Erbgut in vier Bereichen auf – und zwar vor rund 300.000 Jahren. Die Rückschau des US-Genetikers weist exakt auf jene Zeit hin, in der die Menschen von Jebel Irhoud lebten.

Die damals neu entstandenen Gene führten unter anderem zu einem verbesserten Eisenstoffwechsel, der nicht nur Schutz gegen Blutarmut und Virusinfektionen versprach; er könnte die Menschen auch zu Ausdauerleistungen etwa bei der Jagd befähigt haben. Eine weitere Genexpansion bescherte ihnen ein perfektes Sensorium für Kälte.

Ob die Menschen am Ort Jebel Irhoud diese genetischen Innovationen bereits in sich trugen? Das wird sich nicht mit Sicherheit feststellen lassen; im Maghreb ist es zu heiß, als dass Genmaterial dort solch lange Zeiträume überdauern könnte. Selbst bei künftigen Funden aus der Entstehungszeit unserer Spezies ist also nicht mit aussagekräftigen Resten von Erbgut zu rechnen.

Wie ähnlich uns die Wesen von Jebel Irhoud waren, werden wir also nie erfahren. Sicher ist: Sie waren Menschen, die sich auf dem langen Weg befanden, der bis in unsere Zeit führt. Und auch wir Heutigen werden nicht bleiben, wie wir sind. Denn die Evolution ruht nie.

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*Update und Korrekturhinweise: Der Artikel wurde aktualisiert. In der gedruckten Version wurden die Begriffe "Homo sapiens" und "moderner Mensch" weitgehend synonym verwendet. Auch wenn der Artname stimmt, weisen die Forscher darauf hin: Streng genommen stehen die hier beschriebenen Vorfahren evolutionär am Übergang zum Homo sapiens mit seinen heute bekannten Fähigkeiten. An einer Stelle im Text wurde versehentlich Ober- statt Unterkiefer geschrieben. Dies wurde korrigiert.