Im Lateinischen bedeutet ira Zorn, doch das Mädchen, das diesen Namen trägt, würde seine Wut niemals zeigen. Ira ist ein stilles Kind, das sich jederzeit unter Kontrolle hat. Vernünftig ist sie und steht immer bereit, die Situation zu retten, wenn ihr jüngerer Bruder Zac mal wieder eine Tasse zerdeppert hat oder in einen Bach gefallen ist. Mit vollem Namen heißt Ira Miracle, doch so möchte die Zehnjährige nicht genannt werden. Auf ein Wunder warten sie und Zac seit Langem vergeblich.

Ihre Mutter konnte oder wollte die Geschwister nicht behalten, und so wachsen sie nach Stationen in verschiedenen Pflegefamilien in einem englischen Kinderheim auf. Dort gehören sie zu den alten Hasen: zu den Kindern, die übrig geblieben sind. Schwer zu vermitteln, weil sie nicht mehr klein und niedlich sind und darüber hinaus auch nur zu zweit zu haben. Doch dann kommt das Jahr 1989, in dem sich nicht nur die Welt, sondern auch das Leben der Geschwister verändern wird.

Für Ira beginnt die Umwälzung mit einem Fund aus der Vergangenheit. Unter einer Diele in ihrem Zimmer entdeckt sie den Brief eines Mädchens namens Glenda Hyacinth, das vor vielen Jahren als Waisenkind in ihrem Heim gelebt hat. "Ich hoffe, wer immer das hier liest, hat eine Familie, und dass es keine Waisenhäuser mehr gibt und jeder ein schönes Zuhause hat", schreibt diese Glenda. Wieder und wieder liest Ira die Zeilen, bald kann sie sie auswendig. "Ich weiß, dass du inzwischen sehr alt sein musst oder sogar schon tot, aber ich werde mir dich als meine Freundin vorstellen", antwortet Ira: Von nun an hat sie eine imaginäre Begleiterin, einen guten Geist, der ihr anstelle einer Mutter, Tante oder Oma Halt im Jetzt gibt und gleichzeitig mit der Vergangenheit verwurzelt ist, zu der Ira bisher keinen Zugang hatte.

Was ist Familie? Was verbindet uns mit früheren Zeiten? Welche Spuren hinterlässt ein Mensch? Die britische Autorin S. E. Durrant verhandelt in ihrem Debüt Fragen, die Kinder normalerweise ihren Eltern stellen können und vor denen Kinder ohne Eltern sich fühlen müssen wie vor einer fest verschlossenen Tür.

Geschickt lässt die Autorin Ira in den kurzen Kapiteln immer wieder auf Spuren von Glenda stoßen und verbindet Details aus deren Brief mit dem Neuen, das in diesem Jahr auf Ira wartet. Der Baum im Garten des Kinderheims zum Beispiel, auf den Glenda einst so gern geklettert ist, war kurz nach der Ankunft von Ira und Zac in einem schweren Sturm entwurzelt worden. "Wir selbst wussten längst, dass alles von einem Moment auf den anderen kopfstehen konnte, und jetzt wurde das auch für alle anderen sichtbar."

Schnörkellos und direkt erzählt Durrant, und auch das ungelenke "so", das sich in die wenigen Sätze der Ich-Erzählerin Ira einschleicht, in denen sie gute Momente festhält, hat eine Funktion. "Es war so schön" – der kleine Kniff offenbart die ganze Unerfahrenheit Iras, Gefühle zuzulassen und Freude zu empfinden.

Denn Ira lernt in diesem Jahr das Glück und ein wenig sogar die Unbeschwertheit kennen – in Appleton House, dem alten Pfarrhaus mit einem riesigen Garten auf dem Land, in dem sie und Zac Urlaub machen dürfen. Wenn Kinder aus dem Heim wegfahren, das wissen die Geschwister aus Erfahrung, dann kehren sie oft nicht zurück. Ob sie die neue Familie nun wollen oder nicht. Und so sind Ira und Zac hin- und hergerissen zwischen der Aufregung, einen neuen Weg einzuschlagen, und der Angst davor, wohin dieser Weg sie führen wird.

Die pensionierte Schulleiterin Martha ist die Tochter des ehemaligen Pfarrers und hat, für die Geschwister unvorstellbar, ihr ganzes Leben in diesem wunderbaren Haus verbracht. Martha nimmt Ira und Zac zunächst nur für eine Ferienwoche auf, lädt sie aber auch noch einmal über Silvester und schließlich für die Ostertage ein. Sosehr Ira Appleton House mag, es ist kein einfaches Ankommen für sie in dieser neuen Welt. Mit all ihrer Kraft versucht sie, die Missgeschicke ihres wilden Bruders zu kaschieren. Doch als Zac in einer kopflosen Aktion versucht, seine und Iras leibliche Mutter zu finden, droht er alle in ein Unglück zu stürzen, das auch die stärkste Schwester nicht verhindern oder ausgleichen kann.

Dass Ira, Zac und Martha schließlich doch zusammenkommen und eine Familie werden und dass Iras imaginäre Freundin Glenda in dem Moment so leise wieder verschwinden darf, wie sie zu Beginn aufgetaucht ist, das unterstreicht die unsentimentale Kraft dieses Romans: Jede Fährte wird wieder aufgenommen, keine Spur ist zufällig gelegt. Und am Ende ist der Name Miracle für diese stille Heldin dann doch ganz passend.

S. E. Durrant: Der Himmel über Appleton House.
Deutsch von K. Diestelmeier; Carlsen/Königskinder 2017; 240 S., 16,99 €; ab 12 Jahren