Wer aus Kassel stammt, musste jahrelang Spott ertragen: Kassel, das ist doch die Stadt mit den Sockenständen in der gesichtslosen Innenstadt! Die Stadt mit so hoher Arbeitslosenquote wie im Ruhrgebiet! Die Stadt, in der die Documenta, die wichtigste Kunstausstellung der Welt, alle fünf Jahre wie ein Ufo landet!

Von Samstag an verwandelt die Documenta die Stadt zum 14. Mal in ein "Museum der hundert Tage". Neben Weltklassekunst werden Hunderttausende das Wunder von Kassel sehen.

Die Stadt ist wiederauferstanden: 2005 waren hier 20 Prozent arbeitslos, heute sind es nur noch acht Prozent; die verschuldete Stadt schreibt schwarze Zahlen; sie zieht Talente an; überall entsteht Neues. "Ab nach Kassel!" war einmal eine Drohung. Heute ist es eine Verheißung.

Documenta - Der Tempel der verbotenen Bücher Ein Highlight bei der 14. Ausgabe der Kunstmesse Documenta in Kassel ist der Parthenon der Bücher. Er besteht aus zehntausenden Ausgaben von Werken der Literatur, die einmal verboten waren oder in manchen Ländern nicht verbreitet werden dürfen. © Foto: Swen Pförtner/dpa

Wie kam es dazu? Durch Kultur und Wissenschaft. Mit beiden hat die Stadt lange gefremdelt, durch Strategie und Gewöhnung jedoch wurden beide identitätsstiftend.

Während andere Städte Museen und Theater kaputtsparten, baute Kassel ein spektakuläres Grimm-Museum. Während Dresden den Status als Weltkulturerbe wegen einer Autobrücke verlor, errang der Kasseler Bergpark den Unesco-Titel. Und jetzt? Will Kassel Kulturhauptstadt Europas werden wie zuvor Weimar, Prag oder Santiago de Compostela.

Wie in vielen Städten, in denen in den siebziger Jahren Hochschulen entstanden, spielte die Universität lange keine große Rolle. Heute pulsiert sie, schneidet in Rankings respektabel ab und schafft mittels Ausgründungen Jobs.

Kassels Renaissance zeigt zweierlei: Erstens, in einem föderalen Land entsteht an vielen Orten Aufregendes, trotz der Anziehungskraft Berlins. Zweitens, Kultur und Wissenschaft sind keine weichen Faktoren, keine Elite-Reservate, die für das Stadtmarketing gut sind, nicht aber für die Stadtentwicklung. Im Gegenteil: Sie sind harte Faktoren, die Städte definieren.

Dieses Jahr findet die Documenta nicht nur in Kassel statt, sondern auch im krisengebeutelten Athen. "Von Athen lernen" lautet die Überschrift. Nur Verzagte glauben, das werte Kassel ab. Mutige wissen: "Von Kassel lernen" würde noch besser passen.

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