Ich bin Musiker, und ich möchte nicht moralisch belehrt werden. Ich möchte nicht, dass man mir sagt, wie ich mich zu verhalten habe. Kunst und Musik stehen über unausgegorenen emotionalen oder politischen Befindlichkeiten. Deshalb muss das geplante Konzert zum G20-Gipfel in der Hamburger Elbphilharmonie unbedingt stattfinden. Die Einstellung, dass man "bösen" Menschen – denn unter den G20-Staatschefs mögen einige Autokraten sein – keine Hoch- und Höchstkultur bieten sollte, weil es deren Selbstbespiegelung dienen könnte, ist falsch. Konsequenterweise könnte man auch vorschlagen, dass beim Empfang der Staatsgäste die Herren Erdogan, Trump, Putin und Orban nicht mit Handschlag begrüßt werden und zur Strafe für ihre fragwürdigen Entscheidungen abends nur Fischsuppe bekommen. Die Guten dürfen aber Lachsfilets essen. Der amerikanische Präsident Donald Trump freilich nur ein Käsebrötchen, weil er beim letzten Nato-Gipfel in Brüssel den Kollegen Dusko Marcovic grob beiseite schob.

Der G20-Gipfel ist ein Aushängeschild für unser Land, für die Stadt Hamburg, für die Offenheit unserer Gesellschaft und für unseren Kulturreichtum. Und natürlich für die künstlerische Qualität unserer Musiker. Diese Gelegenheit sollten wir wahrnehmen, um der Welt, die bei diesem Gipfel nach Hamburg blickt, zu zeigen: Wir schaffen es, Hochkultur zu bieten, ohne liebedienerisch oder affirmativ der Politik gegenüber aufzutreten. Wir sind selbstbewusst. Wir spielen nicht, weil die Staats- und Regierungschefs da sind; die Staatschefs sind an diesem Abend in der Elbphilharmonie, um die Musiker zu hören.

Das Konzert, das sich angeblich dem Wunsch Angela Merkels verdankt, soll vom Generalmusikdirektor der Stadt Hamburg dirigiert werden. Kent Nagano ist Amerikaner mit halbjapanischen Wurzeln. Wie wunderbar, von dieser Personalie geht doch schon die erste gute Botschaft aus. Wie sollte nun das Konzert klingen, was soll an diesem Abend denn am besten gespielt werden?

Schön wäre eine musikalisch-künstlerische Demonstration eines international besetzten Ensembles – als gutes Beispiel für Konsonanz und Harmonie unter verschiedenen Mitwirkenden. Das wäre ein leuchtendes Beispiel für die Politik, in der ein Chor aus vielen Nationen ja auch einen gemeinsamen Weg finden muss. Die Botschaft, die vom Konzert in der Elbphilharmonie ausginge, wäre: He, Leute, schaut mal, es geht doch!

Was Politiker schwer hinkriegen – aus Dummheit, Narzissmus, Egoismus und Eitelkeit oder religiöser Verbohrtheit: Wir Musiker können es. Und bei allen geschichtlichen Vorbehalten in manchen Bereichen haben wir auch Komponisten, die schon vor Hunderten von Jahren Versöhnliches und Verbindendes geschaffen haben. Mozart zum Beispiel. Oder Beethoven. Und viele andere. Nur den letzten Satz aus Beethovens neunter Sinfonie, "Freude, schöner Götterfunken", das wäre in der Tat zu einfach. "Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt" – so einfach ist es im zwischenmenschlichen Bereich selten, im zwischenstaatlichen erst recht nicht.

Aber ein Text wie der von Emanuel Schikaneder, dem Librettisten von Mozarts berühmtester Oper Zauberflöte, das hätte schon was. Dort singt der strenge, aber weise Herrscher Sarastro in seiner herrlichen Arie:

In diesen heil’gen Hallen
Kennt man die Rache nicht,
Und ist ein Mensch gefallen,
Führt Liebe ihn zur Pflicht.
Dann wandelt er an Freundes Hand
Vergnügt und froh ins bess’re Land.

Gilt das nicht für jeden Konzertsaal; sollte das nicht auch für die Hamburger Elbphilharmonie gelten, wenn die Regierungschefs sich dort einfinden?

In diesen heil’gen Mauern,
Wo Mensch den Menschen liebt,
Kann kein Verräter lauern,
Weil man dem Feind vergibt.
Wen solche Lehren nicht erfreun,
Verdienet nicht, ein Mensch zu sein.

Mir ist das schon moralisch genug: sanfte Erziehung mit Mozart. Freilich gäbe es auch vielerlei Chorisches und Orchestrales, das man beim Gipfelkonzert spielen könnte. Ideal wäre die Akustik der Elbphilharmonie für den achtstimmigen Chor aus Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium Elias:

Denn er hat seinen Engeln
befohlen über dir,
dass sie dich behüten
auf allen deinen Wegen,
dass sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Mendelssohn, übrigens, wurde in Hamburg geboren und böte sich schon deshalb an. Auch Regierungschefs kann man der Fürsprache beim Allerhöchsten anempfehlen. Sie brauchen jede Hilfe, die sie kriegen können. Wir haben in Deutschland exzellente Chöre, die so etwas brillant hinbekommen. Das könnte man der Kanzlerin, die sich offenbar mit der Programmgestaltung beschäftigt, zur Auswahl vorschlagen. Das Oratorium würde sogar das "C" ihrer Partei widerspiegeln. Die internationalen Reaktionen auf diese Auswahl wären spektakulär. So wie die Botschaft! Am Ende der Veranstaltung dürfte dann die lettische Titularorganistin der Elphi, Iveta Apkalna, auch noch Charles-Marie Widors strahlende Toccata op. 42 spielen, auf der großen Orgel mit 4765 Pfeifen. Das wäre doch was. Das rockt. Das wäre ein Triumph der Musik.

Ob ich bei solcher Gelegenheit vor den Staatschefs selbst singen würde, wurde ich neulich gefragt. Natürlich! Niemals würde ich bei der Veranstaltung einer Partei zu deren politischem Nutzen meinen Stimmapparat propagandistisch in Aktion versetzen. Wohl aber, wenn die Botschaft keine parteipolitische wäre. Versöhnliches und Verbindendes in Solidarität mit Gleichdenkenden und -fühlenden, das würde ich auf jeden Fall anstimmen. Wahrscheinlich würde ich ein Lied von Schubert wählen ("Über allen Gipfeln ist Ruh"? Ha!). Oder eines von Carl Loewe.

Letzte Woche schlug der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen, in diesem Blatt vor, dass man zum Gipfel Musik mit Trotzfaktor spielen solle. Zum Beispiel Schostakowitsch, der selbst Opfer stalinistischer Verfolgung geworden ist. Oder zeitgenössische Komponisten mit ähnlichem Schicksal, in jedem Fall Dissidenten, um den anwesenden Halbdemokraten noch eins mitzugeben: Wir spielen eure Feinde. Aber wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Komponisten werfen: Da könnten wir nämlich auch Mobbingopfer der Kirchen auswählen. Mozart beispielsweise, der gravierende Probleme mit dem Erzbischof von Salzburg hatte, oder Johann Sebastian Bach, der von seinem Superintendenten in Leipzig zu kompositorischer Mäßigung angehalten wurde. Nein, Herr Claussen! Wir "klassischen" Musiker machen keine Trotzmusik. Solches passt eher zu Rockkonzerten auf grüner Wiese oder in riesigen Stadien. Wir müssen nicht den Missbrauch kritisieren, wir müssen, im Gegenteil, unsere eigenen Werte präsentieren.

Wir machen Musik, weil es uns eine Herzensangelegenheit ist und wir eine freudige und wertvolle Botschaft verkünden wollen, die positiv berührt oder nachdenklich stimmt – angefangen vom kleinen Dorf-Männerchor bis hin zu den großen Berliner Philharmonikern. Wir haben in Deutschland 24 Musikhochschulen, über 21.000 Chöre und zirka 130 Orchester. 64.000 Berufsmusiker gibt es hierzulande. Diese Institutionen sind Aushängeschild für unser Land, wie es Porsche, BMW und Mercedes sind, wie unsere Biere und Weine, wie unsere Unesco-Kulturstätten, wie der Kölner Dom, das Ulmer Münster oder Hamburgs Michel. Und wir haben Leute, die die erste Sahne des Musiklebens repräsentieren, die Dirigenten, die Sänger, die Instrumentalsolisten, die Orchestermusiker. Da ist es mir wurscht, ob Herr Trump diese Tatsache erkennt und wertzuschätzen weiß oder ob Herr Erdogan damit etwas anfangen kann. Überzeugen können die Höchstleistungen und musikalischen Botschaften unserer Musiker aber alle anderen in der Elbphilharmonie und weltweit an den Bildschirmen.

Wir könnten die Welt überraschen: kein musikalisches Pathos, kein Trotz, keine erhobenen Zeigefinger! Einfach ehrliche Musik mit Wärme und Leidenschaft für alle. Für alle! An Freundes Hand ins bessre Land. Oder?