DIE ZEIT: Frau Currid-Halkett, Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch den Aufstieg einer mächtigen kulturellen Elite, die Sie aspirational class nennen. Was sind das für Leute?

Elisabeth Currid-Halkett: Zum Beispiel die, denen ich begegne, wenn ich in meiner Heimatstadt Los Angeles in einen Biomarkt gehe: Ärzte, Anwälte, Banker, Internetmillionäre – aber auch arbeitslose Drehbuchschreiber und Hipster. Sie definieren sich nicht durch ökonomisches, sondern vor allem durch kulturelles Kapital. Was sie als gesellschaftliche Klasse zusammenhält, ist nicht Geld, sondern eine gemeinsame Kultur, gemeinsame Konsumgewohnheiten, gemeinsame Werte.

ZEIT: Welche Werte und Gewohnheiten sind das?

Currid-Halkett: Bildung etwa, Nachhaltigkeit oder Gesundheit. Die Mitglieder dieser Elite kommen oft von Eliteuniversitäten, sie hören National Public Radio und lesen den New Yorker, sie schwören auf Sport und Fitness, wollen die Umwelt schützen und verachten Billigwaren aus China. Sie stillen ihre Kinder möglichst lange und ernähren sich gesund, spenden Geld für wohltätige Zwecke, kaufen handgemahlenen Kaffee und Biogemüse. Das ist Teil ihrer Identität. Sie sind davon überzeugt, dass es sich lohnt, fünf Dollar für ein paar Bioerdbeeren auszugeben.

ZEIT: Was ist der Unterschied zwischen Bioerdbeeren und klassischen Statussymbolen wie einem Porsche oder einer Rolex?

Currid-Halkett: Dass es bei den Erdbeeren nicht um die Ware an sich geht. Materielle Güter kann heute jeder haben. Die industrielle Revolution, die Massenproduktion des 20. Jahrhunderts, die Billigprodukte aus Asien – all das hat dazu geführt, dass es materielle Güter heute im Überfluss gibt. In gewisser Weise gilt das auch für Luxusgüter, von jeder Designer-Handtasche gibt es heute günstigere, aber ähnliche Varianten. Die neue kulturelle Elite setzt sich auf andere Weise von der Masse ab: Ihr Luxus besteht darin, wenig zu besitzen. Sie will dafür sehr genau wissen, wie die Dinge hergestellt werden. Nicht die Ware selbst verleiht Status, sondern das Wissen um den Produktionsprozess. Für solche immateriellen Werte gibt diese Elite viel mehr Geld aus als für Statusobjekte.

ZEIT: Was heißt das in Zahlen?

Currid-Halkett: Die Ausgaben für Bildung sind wahrscheinlich das beste Beispiel für die Spaltung zwischen denen, die haben, und denen, die nicht haben: Die Reichen geben große Anteile ihres Einkommens für Schulen oder Universitäten aus, die unteren Einkommensgruppen können nicht mithalten. Das am besten verdienende obere Prozent der Amerikaner gab im Jahr 2014 86-mal mehr für Bildung aus als der Durchschnittsamerikaner. Das geht bei der Kinderbetreuung schon los. Dafür gibt diese Spitzengruppe bis zu 20-mal mehr aus als die Mittelklasse. Ähnlich ist es bei den Ausgaben für Gesundheit und Altersvorsorge. Das sind Dinge, die man nicht sehen kann und die vordergründig nichts mit Status zu tun haben. Aber genau damit zementiert die kulturelle Elite ihre Privilegien, und zwar über Generationen hinweg und auf eine Weise, die mit einer Rolex niemals möglich wäre.