Sich ungestört mit Matthias Golle zu unterhalten ist mitten in Weimar gar nicht so einfach. Immer wieder trifft er Leute, die ihn kennen und "nur ganz kurz" etwas fragen wollen. Zum Beispiel der ältere Herr, Typ Alfred Biolek, der leichtfüßig vom Fahrrad steigt und gleich zur Sache kommt. Wie teuer denn so eine Ladesäule fürs Elektroauto sei, will er wissen. Je nachdem, sagt Golle: Stark- oder normaler Strom, Art des Anschlusses und so weiter. "Sag mal ’ne Hausnummer." Aber Golle will sich nicht festlegen. Wenn es um erneuerbare Energien geht und darum, wie man sie einsetzen und sogar mit ihnen Geld verdienen kann, dann sind die Antworten selten einfach.

Matthias Golle ist Architekt und hat lange Zeit in der Fotovoltaik-Branche gearbeitet. Und er ist Vorstand der Genossenschaft "Energie in Bürgerhand Weimar". Als solcher will er der Reporterin die Solaranlage der Genossenschaft auf dem Dach der Alten Staatsbank zeigen.

An diesem Tag knallt die Sonne auf die Solarmodule – die Anlage produziert Strom, in der Spitze 25 Kilowatt. Ein Teil wird gleich im Haus genutzt, der Rest ins Netz eingespeist. Den Weimarer Genossen gehören noch drei weitere Solaranlagen, außerdem haben sie zehn Prozent der Investitionssumme für zwei Windräder im thüringischen Eckolstädt beigesteuert. Insgesamt haben die 85 Mitglieder seit der Gründung vor fünf Jahren rund 700.000 Euro investiert, im Schnitt also etwas mehr als 8.000 Euro pro Person.

So wie in Weimar haben sich rund 180.000 Menschen im ganzen Land zusammengetan, um Windräder, Solaranlagen oder Biogasanlagen aufzustellen, wie Zahlen des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DGRV) belegen . In Summe haben die Genossenschaften rund 1,8 Milliarden Euro investiert. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fördert den Ausbau, das macht solche Investitionen oft finanziell attraktiv. Bürgerenergiegesellschaften können als GbR oder GmbH organisiert sein, die Genossenschaft ist die klassische Rechtsform. Sie passt auch gut zu der Idee einer Energiewende von unten. "Was einer nicht kann, können viele", zitiert Golle den Genossenschaftsgedanken. Ab 500 Euro kann man Mitglied in Golles Energieclub werden. Bei anderen Genossenschaften reichen manchmal 100 Euro. In der Regel hat jedes Mitglied eine Stimme, egal, wie viel investiert wurde.

Dennoch sei es anfangs nicht leicht gewesen, Geld einzusammeln, erzählt Golles Vorstandskollege André Gerstberger. Im Osten Deutschlands gebe es generell weniger Geld und mehr Berührungsängste, wenn es ums Investieren gehe. Zu Beginn machten vor allem Idealisten mit, die an eine alternative Energieversorgung glaubten. Sie haben viel Zeit aufgewendet, um im Ökostrom-Markt mit seinen komplizierten rechtlichen Bedingungen ihren Platz zu finden. "Wir mussten erst mal zeigen, dass wir das können", sagt Golle. Inzwischen mangelt es nicht mehr an Menschen, die investieren wollen. Was vermutlich auch daran liegt, dass die Genossenschaft in den vergangenen beiden Jahren eine Dividende von jeweils vier Prozent an die Mitglieder ausgeschüttet hat.

Golle findet das "fast schon zu viel". Er lacht, weil er weiß, wie komisch das klingt. Aber mit dem Geld ist es so eine Sache. Denn vieles, was Golle und seinen Mitstreitern wichtig ist, lässt sich nicht in Euro fassen. Eine nachhaltige Energieversorgung aufzubauen steht an erster Stelle. Und sie wollen ökologisch Interessierte in Weimar vernetzen.

Damit der Austausch vor Ort weiterhin klappt, nimmt die Genossenschaft nur Menschen auf, die in Weimar wohnen oder einen Bezug zur Stadt haben, zum Beispiel, weil sie dort geboren sind. Das handhaben viele Energiegenossenschaften so, die regionale Verwurzelung ist wichtig. Die Beteiligung der Anwohner sorgt auch für Akzeptanz der Energiewende. Denn Windräder findet niemand schön. Wenn sie Geld einbringen, stören sie aber schon nicht mehr so doll. Außerdem kann man den Vorstand mal "ganz kurz" etwas fragen, wenn man ihn auf der Straße trifft.

Aber leider reicht persönliches Vertrauen nicht immer. Denn auch Energiegenossenschaften können pleitegehen. Laut der Wirtschaftsauskunftei Creditreform lag die Insolvenzquote von Genossenschaften 2016 bei 0,1 Prozent. Das ist sehr wenig. Dennoch sollten Verbraucher die Satzung einer Genossenschaft genau lesen, rät Annabel Oelmann, Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen.

Falls es zu einer Insolvenz kommt, haften sie in der Regel mit ihrem Genossenschaftsanteil. Und sie können sogar zu weiteren Zahlungen verpflichtet werden. "Verbraucher sollten darauf achten, dass eine Nachschusspflicht durch die Satzung ausgeschlossen wird", sagt Oelmann. In Schwierigkeiten können Genossenschaften zum Beispiel geraten, wenn sich der Bau ihrer Anlage verzögert oder es falsche Prognosen im Hinblick auf Wind- oder Sonnenertrag gab. "Für Verbraucher sind solche Faktoren schwer einzuschätzen", sagt Oelmann.

Die Anlagen der Weimarer Genossenschaft haben sich in dieser Hinsicht bewährt. Die Stromproduktion hat sogar leicht über der Prognose gelegen. "Auf die Natur ist Verlass", sagt Gerstberger. Für mehr Unsicherheit und für viel Unmut sorgt die Politik. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz ist mehrmals überarbeitet worden, die neueste Version gilt seit Anfang des Jahres. Anders als früher gibt es nun die Einspeise-Vergütung für größere Anlagen nicht mehr automatisch. Wer eine Förderung möchte, muss an einer Ausschreibung teilnehmen. Nur die günstigsten Anbieter bekommen den Zuschlag. Die neuen Regeln machen es für Genossenschaften schwieriger, große Projekte selbst zu realisieren, zum Beispiel ein eigenes Windrad aufzustellen. Denn wenn sie bei einer Ausschreibung leer ausgehen, bleiben sie auf den Kosten, zum Beispiel für Gutachten, sitzen. "Das kann bis in die Hunderttausende Euro gehen", sagt Dominique Saad vom Bündnis Bürgerenergie. Institutionelle Investoren, die mehrere Projekte unterhalten, könnten solche Risiken eher stemmen.

Dennoch wird es weiterhin lohnende Projekte geben. In Nahwärme beispielsweise investieren immer mehr Genossenschaften. Oder in Elektroautos, die mit selbst erzeugtem Strom betankt werden. Auch der Stromverkauf elektrisiert viele in der Branche. Möglich machen das die Bürgerwerke aus Heidelberg. Sie sind eine Genossenschaft der Energiegenossenschaften und ermöglichen ihren Mitgliedern den Verkauf von genossenschaftlich erzeugtem Strom, das erspart denen eine Menge Aufwand.

Auch die Weimarer Genossen sind seit ein paar Wochen dabei. Die Stromerzeuger sind nun auch Stromverkäufer.