1. Wer ist neidisch auf Erfurt?

Die Sängerin Yvonne Catterfeld, 37, wuchs in Erfurt auf. Mit 18 zog sie fort, doch sie kehrt immer wieder zurück

"Manchmal, wenn ich wieder in der Stadt bin und auf dem Domplatz Rummel ist, setze ich mich ins Riesenrad und beobachte Erfurt von oben. Dann sieht man die traumhafte Altstadt, und ich kann fast verstehen, dass manche Orte im Westen neidisch sind – weil bei ihnen vieles verfällt und hier alles so schön restauriert wurde. Es gibt Straßen, die erinnern mich an Rom. Mag vielleicht übertrieben sein, aber der Gedanke kommt mir manchmal, wegen des Zusammenspiels aus blauem Nachthimmel und Straßenbeleuchtung. Und wegen der kleinen schmalen Gässchen rund ums Augustinerkloster, der vielen italienischen Restaurants. Mein liebster Platz ist im Eiscafé Riva, auf der Terrasse über dem Fluss, dort sitze ich und beobachte die Enten. Seit nun 16 Jahren wohne ich in Berlin, aber inzwischen ist bei mir der Gedanke schon aufgeploppt: Ob es nicht gut wäre, irgendwann wieder in Erfurt zu leben? Meine Familie lebt dort, eine meiner besten Freundinnen, und in mir steckt das Mädchen mit der Sehnsucht nach Heimat, dem Kleinstädtisch-Überschaubaren. Dem Ort, an dem man sich behüteter fühlt und sicherer."

2. Und worauf ist Erfurt neidisch?

Corinna Köhlert ist Dortmunderin mit Herz und Seele – gewesen. Seit sie in Erfurt ist, weiß sie, was eine unterschätzte Stadt ist

"Ich bin selbst das beste Beispiel für das, was die Erfurter ärgert, worauf sie auch neidisch sind: dass alle nach Weimar schauen, jeder Weimar kennt, aber Erfurt chronisch unterschätzt wird. Von der Existenz Erfurts habe ich im Grunde erst erfahren, als mein Mann hier einen neuen Job fand. Ich habe mich sofort unsterblich in die Stadt verliebt. Es war nur naheliegend, dass ich mich zur Stadtführerin habe ausbilden lassen. Dadurch beobachte ich fast jeden Tag dasselbe Phänomen: Auf ihrer Rundreise durch Ostdeutschland halten die Touristenbusse hier für drei Stunden. Die Gäste sind völlig baff. Und sauer, dass nur so wenig Zeit eingeplant ist für diesen Ort."

3. Was läuft hier momentan herausragend?

Ein Gespräch mit Joana Mallwitz, der in ganz Deutschland gefeierten 30-jährigen Generalmusikdirektorin des Theaters Erfurt

DIE ZEIT: Frau Mallwitz, Sie sind 30, dirigieren das Philharmonische Orchester Erfurt, und fast jeder in der Stadt erzählt, dass er stolz auf Sie sei. Was ist das zwischen Ihnen und den Erfurtern?

Joana Mallwitz: Gute Frage! Seit meinem ersten Tag in Erfurt habe ich ein Grundgefühl von Verbundenheit zum Erfurter Publikum. Ich erinnere mich an meine Ankunft, ich war gerade zur Generalmusikdirektorin berufen worden. Überall hingen Plakate: "Herzlich Willkommen!" Dieser Enthusiasmus der ersten Stunde hat dann einfach nicht nachgelassen, bis heute.

ZEIT: Die Erfurter hätten auch skeptisch sein können: Als Sie anfingen, waren Sie 26 Jahre alt.

Mallwitz: Das stimmt. Aber es hat hier keinen gestört. Im Gegenteil: Die Leute sind ins Konzert gekommen, und sie haben uns Neues ausprobieren lassen. Die haben sich eingelassen auf mich, und deshalb wurde es so wunderbar zwischen uns.

4. Was ist das Thüringischste hier?

Das Thüringischste an Erfurt, sagt Johannes Wallner, sei zugleich sein größtes Problem. Wallner, 28, Chefkoch im Sternerestaurant Clara, nennt es: "das Bratwurstdilemma". Denn alle, die nach Erfurt kommen, wollen Rostbratwurst. An jeder Ecke steht ein Grill. Für ihn, den Gourmetkoch, ist das eine Herausforderung: Wie erklärt man einem Volk, das Wurst für 2,50 Euro zum Nationalgericht erkoren hat, dass ein richtig gutes Essen 75 Euro kostet? "Das ist schwer", sagt Wallner. "Wir wollen die Leute nicht missionieren, aber zeigen, dass Thüringer Küche auch ganz anders sein kann." Wallner steht in kurzer Hose und Polohemd in seinem Restaurant unweit des Wenigemarktes, ein bedächtiger junger Mensch. In Erfurt wuchs er auf, lernte an der Ostsee, arbeitete in der Schweiz. Jetzt ist er daheim, seit zwei Jahren als Chefkoch. Ebenso lange ist er der einzige Koch Erfurts mit Michelin-Stern. Weil die Thüringer Küche deftig und üppig ist, bietet Wallner im Clara zum Beispiel Thüringer Rehrücken an, mit Spargel, Quitte, Macadamia, Königskümmeljus. Und wenn er selbst Bratwurst anböte? "Das würde nicht zu uns passen", sagt Wallner. "Denn egal wie toll die Wurst ist und egal wie viel Blattgold ich draufmache – kein Mensch zahlt 30 Euro für einen Bratwurst-Hauptgang. Und das kann ich verstehen."

5. Worin ist Erfurt Weltspitze?

Es gibt die Ponte Vecchio in Florenz und die Rialtobrücke in Venedig, aber die Erfurter Krämerbrücke über dem Flüsschen Gera ist eine der beeindruckendsten bewohnten Brücken der Welt – und die einzige nördlich der Alpen. Man kann Rosanna Minelli danach fragen, die aus Genua stammt und von Beruf das ist, was der Brücke ihren Namen gab: Krämerin. Sie verkauft in ihrem Laden Stoffe, die sie nach alter Tradition mit Färberwaid blau gefärbt hat. Jahrelang hat sie sich darum beworben, in einem der 32 Fachwerkhäuser auf der steinernen Brücke ihr Geschäft eröffnen zu dürfen. Dann, vor drei Jahren, durfte sie. "Es wohnt und arbeitet sich auf der Brücke anders als in normalen Häusern", sagt sie. "Wer sonst hat denn schon ein Deckengemälde im Wohnzimmer? Es ist jedes Mal wie eine Zeitreise."

6. Was brennt dieser Stadt unter den Nägeln?

Antworten von Jeannette Münzberg, 44, die das Nagelstudio nails by jeannette betreibt

DIE ZEIT: Frau Münzberg, was brennt Erfurt momentan unter den Nägeln?

Jeannette Münzberg: Eindeutig die Situation in der Innenstadt! Ich finde unser Zentrum wunderschön, eines der schönsten in Deutschland. Leider wirkt es manchmal wie eine Kulisse, in der man nur Touristen trifft. Und abends ist es verwaist.

ZEIT: Woran liegt das?

Münzberg: Ich glaube, die Regeln sind zu streng geworden. Erfurt ist bekannt für tolle Veranstaltungen, auch nachts. Und ich habe das immer geliebt: Dass man sich in der Altstadt trifft, nette Musik gespielt wird, Leute feiern. Aber ich höre von meinen Kunden immer öfter, dass Anwohner sich über Lärm beschweren, weswegen um 22 Uhr die Musik ausgemacht werden muss. Ich habe selber schon erlebt, dass die "kubanische Nacht" lange vor Mitternacht vorbei war. Da sollten wir aufpassen, dass wir nicht provinziell werden!

ZEIT: Wie würden Sie das Problem lösen?

Münzberg: Wir brauchen im Zentrum Ausnahmeregeln. Wir brauchen Leben, auch mal Lärm und Gestank, damit wir nicht in Schönheit enden.